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Stadtteil-Check Süd: Krefelder fremdeln mit Hochschule

Stadtteil-Check Süd : Krefelder fremdeln mit Hochschule

Mit anderen Augen betrachtet: Student Lucas Schnurre aus Sachsen-Anhalt fühlt sich in Krefeld langsam heimisch. Er stellt fest: Die Krefelder kennen ihre Hochschule Niederrhein nicht.

Krefeld. Entspannt genießt der 26-Jährige im Café an der Tannenstraße seinen Kaffee. Seit 2012 lebt Lucas Schnurre in Krefeld. Die Suche nach einem Studienplatz im Fach Kommunikationsdesign hat den Sachsen-Anhaltiner an den Niederrhein gebracht. „Ich wollte in einer Stadt studieren, die ich noch nicht kenne“, erklärt er. Was er im Laufe der Zeit feststellte: Auch die Krefelder kennen ihre Hochschule Niederrhein im Südbezirk nicht.

Liebe auf den ersten Blick war Krefeld nicht. Zum Bewerbungstermin verließ Schnurre Thale in Sachsen-Anhalt, Freunde und Familie, stieg am Krefelder Hauptbahnhof nach knapp sieben Stunden („Ruckzuck nach Hause geht jetzt nicht mehr“) aus dem Zug und ging über die Lewerentzstraße zur Hochschule am Frankenring. „Hui“, sagt Lucas, wenn er an diesen ersten Eindruck zurückdenkt.

Und: „Ich bin trotzdem gekommen.“ Was ihn überzeugte, war die Hochschule selbst: „Ich hatte das Gefühl, es geht um mich. Die wollten nicht nur meine Mappe sehen, sondern interessierten sich auch für den, der sie bringt.“

Seit einem halben Jahr lebt Schnurre in einer Wohnung „mit französischem Balkon und Blick auf einen kleinen Hinterhof“, schwärmt er. Er hat gehört, Krefeld sei eine grüne Stadt, doch er nimmt das nicht wahr. „Was mir auffällt, ist vor allem der Dreck. Ich frage mich, wie andere Städte es schaffen, so sauber zu sein.“

Spots in Krefeld sind für den Hochschüler das Limericks, die Tannenhöhe, natürlich das Café an der Tannenstraße, Alexander- und Corneliusplatz, private Partys und die Clubs. Und auch das Café Liesgen. „Das ist ja auch von Designern entwickelt worden.“ Im Sommer genießt Schnurre die vielen Parks. Namen kenne er nicht, „ich gehe einfach hin“.

Die Studenten prägen Krefeld nicht. Wer in der Region wohne, strebe nach Seminar-schluss zu Bus, Zug oder Auto und raus aus Krefeld. Sie verpassten etwas, sagt Schnurre, der Designstudent aus Sachsen-Anhalt, der in Krefeld heimisch geworden ist. „Wir verbringen viel Zeit in der Hochschule und ihren Werkstätten.“ Das seien tolle Einrichtungen. „Hier kann man von früh bis abends bleiben.“ Die Zahl der Studenten, die das nutzte, wachse. „Es ist aber nicht in den Köpfen der Krefelder, dass Krefeld im Südbezirk eine Hochschule hat.“ Das sei schade, sagt Lucas Schnurre. „Studenten und Stadt könnten sich gegenseitig befruchten.“

Kontakte gibt es zwischen Stadt und Hochschule, zwischen Designern und städtischem Marketing, es gebe Diskussionsrunden in der Fabrik Heeder, aber die lockten nur Designer. „Die Hochschule könnte visionär auf die Stadt wirken, aber das tut sie auf das Lebensgefühl nicht.“

Der erste — schlechte — Eindruck der Stadt ist dennoch relativiert. Schnurre hat viele Kontakt im Viertel, in Mitte und Süd gefunden, spannende Geschichten gehört und schöne Häuser entdeckt. „Zum Fest Viertelpuls hat der Fachbereich Design viel beigetragen. Wenn ich unseren Beitrag herausrechne, wäre das Fest nicht so schön gewesen.“

Das Pionierhaus in der Alten Samtweberei ist in seinen Augen eine Chance für die ganze Stadt. Viele Hochschulabgänger seien da engagiert. „Da könnte eine Szene entstehen.“

Anfang 2017 wird Lucas Schnurre seinen Bachelor machen, danach soll der Master kommen. „Aber nicht in Krefeld.“ Er wolle noch einmal woanders hingehen, neue Einflüsse aufnehmen, neuen Anforderungen begegnen. Und unbekannten Menschen. Rund 80 „Einheimische“ kenne er, sagt Schnurre, viele mittlerweile auch „vom Sehen“. „Wenn man rausgeht, kann man Krefelder kennenlernen.“

Was ihm heute bei Krefeld einfällt? „Müll“, sagt Lucas Schnurre, und ärgert sich, „weil es so banal ist“. Vielen Menschen fehle die Verantwortung gegenüber ihrem Wohnhaus und der Umgebung, „aber die Aktionen der urbanen Nachbarschaft bringen Anstöße“.

Was Lucas Schnurre, der Sachsen-Anhaltiner, auch wahrnimmt: Viele Leute wohnten in der Stadt, arbeiteten jedoch außerhalb. Krefeld, sagt Schnurre, sei insofern „ein privater Ruheraum“.

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