Krefelder Experte: "Pflegenotstand ist kein Tsunami"

PFLEGE: „Der Pflegenotstand ist kein Tsunami“

Mangel ist nach Einschätzung von Udo Gretenkord vom Maria Hilf ein dauerhaftes Problem. Lage hat sich aber zugespitzt.

„Der Pflegenotstand ist kein Tsunami“, konstatiert Udo Gretenkord, der nunmehr seit 30 Jahren im Pflegemanagement des Krefelder Maria-Hilf-Krankenhauses, einer Einrichtung der Alexianer GmbH, tätig ist. Hinter diesem Vergleich, der auf den ersten Blick nahezu wie eine Bagatellisierung des bundesweit empirisch belegten Mangels an Pflegepersonal klingt, verbirgt sich eine bittere Wahrheit. Denn in den vergangenen Jahrzehnten erlebte Gretenkord nicht nur immer wieder Veränderungen im System, sondern auch latent dauerhaft vorhandene Mangelerscheinungen im Pflegesektor. Ein Pflegenotstand begleite ihn somit faktisch sein gesamtes Berufsleben, das er seit 1995 in der Rolle des Pflegedirektors ausübt. Nichts kam also überraschend, ganz schnell nach kurzer Vorwarnung, wie ein Tsunami.

Eine Pflegekraft versorgt durchschnittlich 13 Patienten

Zugespitzt hat sich der Zustand der Pflege in den vergangenen Jahren allerdings beweisbar. Im vergangenen Monat stellte die Krefelder SPD bundesweite Daten vor, aus denen eine rückläufige Personalentwicklung seit Beginn des Jahrtausends hervorgeht. In Deutschland müsse mittlerweile eine Pflegekraft durchschnittlich 13 Patienten versorgen, was sich unweigerlich in der Qualität der Pflege niederschlage.

Laut Gretenkord ist der Mangel an qualifiziertem Personal ursächlich für den derzeitigen Pflegenotstand, was sich nicht zuletzt auf politische Versäumnisse der Vergangenheit zurückzuführen ließe. „Der Pflegenotstand ist das Resultat jahrzehntelanger politischer Ignoranz.“

Nachhaltige Strukturen in der Pflege verbleiben daher häufig eine Frage der betrieblichen Eigengestaltung. Ein Vorteil des Maria-Hilfs sei somit die hauseigene Pflegeschule, so Gretenkord. Fast der gesamte Pflegekurs dieses Jahrgangs konnte in den Krankenhausbetrieb übernommen werden, was die Probleme bei der Personalakquise aber nicht gänzlich ausradiere.

Weiterhin sind qualifizierte Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt rar gesät, weswegen eine lange Verweildauer jener Arbeitskräfte im Pflegeberuf umso wichtiger ist. Diese beträgt bundesweit lediglich siebeneinhalb Jahre.

Dass man im Krankenhaus deutlich besser abschneide, stehe in direktem Zusammenhang mit einer aktiven Beschäftigungspolitik. Wenn dort Pflegende in Elternzeit gehen, werden die Arbeitszeiten flexibel und sukzessive an die familiäre Situation angepasst, sodass eine Kombination aus Berufs- und Familienleben möglich sei. So könne man Fachkräfte langfristig halten. Denn in den Pflegeberufen sind mehrheitlich Frauen beschäftigt, die im Durchschnitt über einen längeren Zeitraum Elternzeit nutzen.

Die Vergütung der Pflegekräfte basiert wegen der konfessionellen Bindung des Krankenhauses auf dem Arbeitsvertragsrecht der Caritas. Das Lohnniveau im Beruf spiele grundsätzlich eine wichtige Rolle, reihe sich allerdings derzeit hinter der Forderung nach einer sinnvollen Personalbesetzung ein, die im Kern die Attraktivität des Berufs beeinflusse.

Die zentrale Forderung ist daher eine angemessene personelle Ausstattung, die den Pflegebedarf der einzelnen Patienten decken könne. Derzeitige Bestrebungen für eine Mindestbesetzung seien grundlegend. Die aktuellen Personaluntergrenzen beziehen sich nur auf wenige pflegesensitive Bereiche des Krankenhauses.

Standards für Mindestbesetzung gelten nicht für alle

In der Kardiologie greift die Personalregelung bereits. Doch die Neurologie, ein ebenso wichtiger Bereich in Sachen Pflegebedarf, müsse ohne einen Mindestbesetzungsstandard auskommen, erläutert der Experte. Gebraucht werde aber nicht nur eine solche Regelung für alle Krankenhausbereiche. Nötig sei auch eine Methode, die den eigentlichen Pflegeaufwand abgestuft abbildet.

Im Rahmen von Fallpauschalen werde der Pflegeanteil zu undifferenziert dargestellt, urteilt Gretenkord – und real zu gering vergütet. Derzeit setze das System im Prinzip auf Anreize, die zu einer allgemeinen Arbeitsverdichtung führen. Da die Finanzierung deutscher Krankenhäuser nahezu ausschließlich auf der Vergütung durch Fallpauschalen basiert, wird tendenziell der Druck erhöht, möglichst gewinnbringend abzurechnen, während bei den Personalkosten gespart wird.

Der Pflegenotstand ergibt sich nach Einschätzung des Spezialisten neben dem generellen Mangel an Fachkräften auch aus komplexen systemischen und ökonomischen Konflikten innerhalb des Gesundheitswesens. Eine mögliche Option, dem Personalmangel entgegenzuwirken, sieht Gretenkord in der Akademisierung des Pflegeberufs. Dies könne die Verweildauer und Attraktivität des Berufs verbessern, indem die praktische Ausübung im Beruf mit der Akademisierung kombiniert werde.

Den Pflegenden Markus Köhler und Schwester Ulla wird ihr ursprünglicher Pflegeauftrag in den vergangenen Jahren zunehmend erschwert. Beide sind ein Musterbeispiel für die lange berufliche Verweildauer im Maria-Hilf. „Die Pflege ist spezifischer geworden“, befindet Köhler. Doch an die wachsenden Aufgaben sei die Personalstruktur nicht angepasst worden. Besonders der Dokumentationsaufwand, der sich laut Köhler trotz Digitalisierung nicht vermindere, habe sich in den vergangenen Jahren enorm erhöht. Auch kleinere Aufgaben stapelten sich zunehmend, sodass die Pflege am Patienten zu kurz komme.

In der Kardiologie sei man momentan zwar gut besetzt. Jedoch gebe es auch hier Tage, an denen es durchaus grenzwertig sei, erklärt Schwester Ulla. Sie muss neben der Patientenversorgung auch die Daten von speziell gefährdeten Patienten überwachen. Eine latente psychische Belastung sei also immer vorhanden. Dies gehe bisweilen elf bis zwölf Tage in Folge so, ehe eine zweitägige Verschnaufpause folge.

Vor diesem Hintergrund könne man allein durch höhere Tarife auch keine Menschen für die Pflege gewinnen, urteilt Markus Köhler, da die Zufriedenheit am Arbeitsplatz auch eine zentrale Rolle spiele. Zudem betonen er und Schwester Ulla gemeinsam mit Gretenkord, dass es den Pflegenden an politischer Repräsentation mangele. Die derzeitig diskutierte Gründung einer landesweiten Pflegekammer zur Interessenvertretung der Pflegenden befürworten sie. Allerdings seien die Pflegenden eine eher unpolitische Berufsgruppe, meint Gretenkord.

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