Krefelder coloriert Fotos aus den 50er- und 60er-Jahren

Krefeld-Fotos : Krefelder färbt alte Fotos

Die Fotos von Karlheinz Lengwenings haben es Erich Gremmel besonders angetan.

Die Welt ist nicht Schwarz-Weiß. Auch wenn das beim Betrachten alter Fotografien so scheint. Sie ist aber auch nicht so bunt und grell gewesen, wie sie heute daher kommt. Das Farbsprektrum vor mehr als 50 Jahren war verhaltener und begrenzter. Erich Gremmel hat ein gutes Auge dafür. Der gelernte Autolackierer nutzt sein geschultes Auge und Farbgespür, um heute Schwarz-Weiß-Fotografien behutsam zu colorieren. Mit viel Erfolg und Zuspruch. In der Facebook-Gruppe „Wenn du in Krefeld aufgewachsen bist“ gibt es dafür viel Anerkennung.

Eine Auswahl der Bilder
hängt im Café Coelen

Zur Zeit hängt eine Auswahl seiner Werke im Café Coelen neben Mediothek und Theater. Wer weiß schon, dass Willy Brandt 1961, damals Regierender Bürgermeister in Berlin, vor dem Kaiser-Wilhelm-Museum eine flammende Rede gehalten hat und Tausende von Krefeldern ihm dicht gedrängt, aufmerksam zuhörten. Karl-Heinz Lengwenings hatte dieses Zeitdokument auf Zelluloid gebannt. Der vor einem Jahre gestorbene 90-jährige Krefelder war damals als Zeitungsfotograf der Neue Rhein Zeitung im Einsatz.

Deshalb war es für Gremmel auch ein Glücksfall, dessen Sohn Peter kennengelernt zu haben. „Eine regelrechte Internetbekanntschaft“, erzählen Gremmel und Lengwenings bei einem gemeinsam Kaffee. Lengwenings hatte nach dem Tod des Vaters rasch begonnen, dessen umfangreiches Archiv zu sichten und Fotografien bei Facebook in der Krefelder Gruppe einzustellen. „Ich erhalte seither sehr viel positive Resonanz darauf; die Nutzer finden das klasse“, erinnert er sich.

Auch Gremmel ist einer von ihnen. Obwohl er als leidenschaftlicher Hobby-Fotograf seit mehr als 25 jahren mit dem Bildbearbeitungsprogramm Photo shop arbeitet, hat er erst im vergangenen Dezember damit begonnen, Schwarz-Weiß-Fotografien zu colorieren. Gar nicht so einfach. Im Internet habe er ein Anleitungsvideo entdeckt - und rasch auch sein Talent dafür. „Nach zwei bis drei Versuchen bin ich damit klargekommen.“ Das Einzige, was fehlte, waren geeignete Fotografien.

„Ich wollte nicht nur Schauspieler bearbeiten, doch es gab einfach nichts Ansprechendes im Netz, das gemein-frei gewesen und damit kostenfrei und veränderbar gewesen wäre“, erinnert sich Gremmel. Deshalb habe er Peter Lengwenings sofort via Messenger privat angeschrieben und sein Anliegen vorgetragen. Der war sofort begeistert von der Idee.

Der gelernte Lackierer hat
ein gutes Auge für Farben

Als er die erste Fotografie in der Facebook-Gruppe einstellt, ist er selbst überrascht über die Anerkennung. „80 Likes und 30 bis 40 Kommentare“, erzählt Gremmel. „Die Leute finden die colorierten Fotos toll, weil sie nicht bunt sind, sondern die Originalfarben zeigen.“ Für die Betrachter ist es wie eine Zeitreise in ihre eigene Vergangenheit.

„Mir kommt zugute, dass ich mich an die damaligen Farben erinnere“, sagt Gremmel. Ihm helfe aber auch das Erinnerungsvermögen der Betrachter. „Bei meinem Lieblingsbild von Karl-Heinz Lengwenings, das Straßenbaumaßnahmen auf der Hansastraße zeigt, habe ich eine Tonne in Gelb coloriert, tatsächlich war sie grau.“ Ein älterer Krefelder hat ihn darauf hingewiesen. Wie aufwendig das Verfahren ist, wird deutlich, wenn Gremmel die Arbeitsschritte aufzählt. Bei einer Größe der Bilder von 30 mal 45 Zentimeter und einer Datenmenge von einem Megabyte benötigt er viereinhalb bis sechs Stunden für die Colorierung eines Motives. Er fängt mit den Halbtönen an, von denen er acht bis zehn besitzt, und legt sie übereinander. „Bei Lippen zum Beispiel nehme ich nicht einfach ein Rot, sondern lege mehrere Schichten übereinander.“ Wie bei der Anwendung einer Lasur, verändere sich mit jedem Schritt die Farbe mehr und mehr.

Am liebsten würde er jetzt
Familienfotos colorieren

„Das ist unheimlicher Fummelskram“, sagt Gremmel, ein Aufwand, den er für das Ergebnis aber gerne in Kauf nimmt. „Das kann man nur machen, wenn man richtig Spaß daran hat.“ Zwei Stunden am Tag arbeitet er maximal an einem neuen Werk – dann wendet er sich anderen Dingen zu.

In den heißen Sommermonaten haben Gremmel und Peter Lengwenings eine Verschnaufspause eingelegt. „Das Sichten der Fotos meines Vaters ist schon sehr intensiv“, sagt Lengwenings . 400 000 bis 450 000 Negative sind es in etwa, die er Schritt für Schritt einzeln einscannt, thematisch zuordnet und teils mit Datum versieht. Sechs bis sieben Minuten dauert das pro Bild, 12 000 hat er inzwischen auf diese Weise schon bearbeitet. Herzensangelegenheit eines Sohnes und mentaler Ausgleich zur beruflichen Arbeit. Jetzt im Herbst soll es weitergehen.

Auch Gremmel ist gespannt darauf. Er hat aber schon neue Motive im Visier. „Ich würde gerne Familienfotos aus privaten Archiven colorieren“, erzählt er. Für besondere Anlässe. Wer Interesse daran hat, kann sich telefonisch (mobil 0177/371 2089) oder via Facebook bei ihm melden.