Krefeld: Warum der KFC der zweitemotionalste Verein der Welt ist

Kolumne Krefelder Frühstück : Warum der KFC der zweitbeste Verein der Welt ist

Die großen Erfolge liegen schon länger zurück, dennoch gibt es viele Gründe, den KFC Uerdingen sehr zu mögen. Das muss sogar ein Schalke-Fan anerkennen.

Ich habe ein Geständnis zu machen: Ich bin Fan vom FC Schalke 04. Darauf erlebe ich üblicherweise zwei Reaktionen. Entweder begeisterte Zustimmung, der Gegenüber ist ebenso Schalker. Meistens ist es aber ein schockiertes „Warum das denn?“. So richtig beliebt ist mein Verein bei den wenigsten.

Warum ich als Rheinländer die Jungs aus dem Pott mag? Es ist der emotionalste Verein überhaupt. Zwischen Größenwahnsinn und absoluter Enttäuschung liegen wenige Spielminuten. Wer Fußball leiden möchte, muss nach Gelsenkirchen.

Nun sind wir hier in Krefeld und ich will Ihnen nicht mit einer blau-weißen Vereinschronik den Morgen verderben. Lieber möchte ich Ihnen eine erfreuliche Parallele aufzeigen. Trotz unterschiedlicher Ligen sind der KFC Uerdingen und S04 ähnlicher, als man vermutet. Für mich gibt es Gründe, Uerdingen den zweitbesten Klub der Welt zu nennen.

Es war ein verregneter Montagabend im November, an dem ich meine Liebe für den KFC erkannte. Mit meinem besten Freund schaute ich mir das Spiel der Uerdinger in Duisburg an. „Ich zeige dir mal guten Fußball aus meiner Heimat“, hatte ich ihm gesagt. Wir sahen, wie die Krefelder mit 0:2 im Duisburger Nieselregen scheiterten. Schlimmer war eigentlich nur noch das, was in diesem Stadion unter dem Namen Currywurst verkauft wird. Völlig enttäuscht ging ich dennoch nicht nach Hause. Die Fans im Gästeblock haben mich beeindruckt. Trotz eines Abends, der unterhaltsam war wie ein Wahlsonntag für Sozialdemokraten, schrien sich die Anhänger die Stimmbänder wund. Bedingungslose Liebe für den Verein bei maximalem Misserfolg: Das gefällt dem Schalker.

Zumal ich die Krefelder schon beim Pokalspiel Anfang der Saison so erlebt habe. Bei der Niederlage gegen Dortmund feierten die Uerdinger ihre Elf. Kein Frust, sondern Anerkennung für eine kämpferisch starke Leistung. So holt man zwar 60 Jahre plus X keine Meisterschaft, hat aber einen ehrlichen gemeinsamen Nenner für das Publikum.

Auch der Blick auf den Kader des KFC kommt mir seltsam bekannt vor. Spieler wie Adam Matuschyk, Assani Lukimya und leider auch der Dortmunder Kevin Großkreutz haben Erfahrung in der Bundesliga. Für Chemnitz und Sonnenhof Großaspach müsste es problemlos reichen. Doch es reicht nicht, das Team quält sich. So sind auch viele Schalker Jahre. Gerne machen wir Top-Leute fertig für die Flucht nach Moskau oder Istanbul.

Diese Fähigkeit, am großen Erfolg vorbei zu schlittern, macht die Faszination aus. Der, dessen Verein regelmäßig Saisonziele erreicht, tut mir leid. Der kann sich gar nicht vorstellen, wie toll ein Arbeitssieg am 13. Spieltag ist. Alle paar Jahre einen Titel braucht es daher ohnehin nicht. Es reicht völlig aus, den Mythos um den eigenen Club auf Erfolgen aufzubauen, an die sich die jüngeren Zuschauer gar nicht erinnern. Bei Uerdingen ist es der Pokalsieg 1985. Bei Schalke der UEFA-Cup 1997 und immer mal wieder eine Hand an der Schale.

Freilich müssen wir über Gemeinsamkeiten abseits des Platzes reden. Da sind beide Clubs auf einem ähnlichen Weg. Uerdingen wie Schalke lassen sich von Männern lenken, die zu keiner romantischen Fußballfantasie passen. Bei Schalke ist es Clemens Tönnies. Der Fleischexperte darf nach seiner rassistischen Äußerung und drei Monaten Fußball auf der heimischen Couch in Rheda-Wiedenbrück zurück an die Spitze des Aufsichtsrats. Das ist mindestens genauso fragwürdig, wie sich vom russischen Staatskonzern Gazprom sponsern zu lassen. Gute Kontakte nach Russland lassen sich ebenso bei Uerdingen erahnen. KFC-Boss Mikhail Ponomarev verschleißt massenhaft Trainer. Nach wie vor kursiert eine Geschichte, wie er in der eigenen Kabine ausgerastet seien soll. Mit der Ruhe im Verein hat das nichts zu tun. Und wer mit Fans auf dem Weg zum Stadion spricht, merkt: Sie wissen gar nicht so recht, woher Ponomarev kommt und was er eigentlich will.

Warum sollte man Anhänger von so einem Klub sein? In der Tönnies-Geschichte ist mir ein Sticker mit der Aufschrift „Wir überleben dich“ in Erinnerung. Diese Vorstellung trifft es. Es gibt Vereine, die größer sind als die Mächtigen an der Spitze. Das sind Vereine wie Uerdingen, bei denen selbst nach dem Absturz in den Amateursport eine Fanszene geblieben ist.

Nach diesen ernsten Überlegungen würde ich Ihnen gerne noch einen lockeren Vergleich zum Thema Effenberg anbieten. Die Verpflichtung des TV-Experten als Manager sorgte für Aufsehen in ganz Deutschland. Es ist ja auch skurril, dass der Tiger an der Grotenburg vorfährt. Doch solange wir uns nicht Peter Neururer auf die Bank setzen, fällt selbst dem Schalker keine ähnliche starke Geschichte ein. Wo Coup und Kuriosität so nah bei einander sind, ist das Dasein als Fan in jedem Fall auch vor und nach dem Spiel aufregend.

Bald müssen wir lange Wochen auf das Drama KFC und den Fußball im Allgemeinen verzichten: Die Winterpause steht an. Ein paar Tage werden wir uns einreden, dass Handball ein toller Ersatz ist. Die Europameisterschaft findet statt. Oder wir gucken den Trendsport Darts. Das ist das Event, bei dem leicht übergewichtige Männer vor einem völlig überdrehten Publikum Pfeile durch die Gegend schmeißen. Und ein paar Tage verfolgen wir Skispringen. Einen ganzen Nachmittag hüpfen 50 Herren von einem Berg, während die DJ-Ötzi-geplagten Zuschauer stundenlang „Zieh“ brüllen.

Diese zweitklassige Form der Ablenkung muss nicht sein – gerade in Krefeld. Schließlich haben wir hier einen Eishockey-Verein mit treuen Fans, vergangenen Erfolgen und Kontakten zu einem gewissen Russen. Grundsympathisch und hoch emotional. Der Besuch lohnt sich.