Krefeld: Performance von Ralf Berger im Haus Esters

Kunst : Performance mit der Kalaschnikow im Haus Esters

Ralf Berger schlüpft bei einer Matinee in eine zottelige Tarn-Uniform und nimmt das Publikum mit einem Zielfernrohr ins Fadenkreuz.

30 Jahre sind seit dem Fall der Berliner Mauer vergangen. 30 Jahre, seit die SED-Spitzel die ostdeutsche Bevölkerung ins Fadenkreuz nahmen, seit es Selbstschussanlagen gab und jene „Informanten“, die ausspionierten, anzeigten und letztlich die Opfer in die Gefängnisse warfen. Wer das nicht erlebt hat, kann sich kaum vorstellen, was das für die Bevölkerung bedeutete. Nun nimmt der Düsseldorfer Künstler Ralf Berger, Jahrgang 1961, im Krefelder Museum Haus Esters die Besucher ins Fadenkreuz. Doch bei seiner Performance hat niemand Angst. Kein Mensch fühlt sich unwohl mit Ausnahme des Künstlers selbst, der in seiner Tarn-Uniform bei 32 Grad Außentemperatur eine Stunde lang ein Purgartorium erleidet, das er sich allerdings selbst eingebrockt hat.

Seit 20 Jahren ist Ralf Berger als Performer tätig

Doch beginnen wir von vorn. 20 Jahre sind vergangen, seit Ralf Berger von dem damaligen Vize-Chef des Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museums, Julian Heynen, zu einer Performance eingeladen wurde. Solche Veranstaltungen lagen 1999 noch nicht im Trend wie heute. Er benahm sich wenig gesittet, ließ Fußballer gegen die Museumswände ballern oder treten, behinderte Leistungssportlerinnen im Treppenhaus mit Stöcken trimmen und schob schließlich einen Gefrierschrank aus der Cafeteria ins Foyer, um aufzusteigen und sich so lange zu drehen, bis ihm schwindelig wurde. Seitdem gilt Berger als einer der wichtigsten Performance-Künstler Deutschlands.

Ganz anders war sein Auftreten am Sonntag bei der Matinee an der Wilhelmshofallee. Da nahm er sich zurück und spielte den Beobachter im vierteiligen Tarn-Anzug Ghillie Suit, wie man das Outfit im Internet kaufen kann. Es besteht aus Hose, Jacke, Kopfbedeckung und Gewehrabdeckung. Die Kopfbedeckung hat ein Netzgewebe-Sichtfenster, durch das Berger gucken konnte, ohne genau erkannt zu werden. Und die Gewehrabdeckung war ganz wichtig für den Künstler, denn er hantierte mit einem umgebauten Zielfernrohr mit Kamera und Funkverbindung.

Kellner servieren Wodka aus Plastikwaffen

Auf dem Boden liegend oder im Türrahmen halb versteckt, so peilte er das Publikum mitsamt einem Fadenkreuz an und warf die Aufnahmen an die Wand. Die Besucher waren sonntäglich gestimmt, reagierten mit einem Hallo auf all die Bekannten und Freunde aus der Düsseldorfer und Krefelder Kunstszene und freuten sich, wenn sie ihre Schuhe oder Sonntagshosen auf einer der vielen Projektionswände entdeckten. Sie hatten keine Angst vor der permanenten Kontrolle, wie sie ein Waschzettel im Museum verhieß. Keine „Furcht vor den unbekannten Mächten“. Sie machten bereitwillig mit beim Spiel.

Die meiste Aufmerksamkeit bekamen fünf Personen eines Service-Teams, die kein Zielfernrohr, sondern Kalaschnikow-Spielgewehre aus billigem Plastik mit einem Korken am Ende der Waffe bereithielten. Sie zielten jedoch nicht, auch nicht zum Scherz, sondern boten einen „Wodka-Shot“ an, entkorkten das Gerät und schenkten das eisgekühlte Getränk den Gästen in bereitstehende Gläser ein.

Während der Künstler wie ein Waldschratt Verstecken spielte, standen die fünf Bediensteten in weißer Bluse wie servile Kellner herum und gaben sich betont höflich. Der „autoritäre Zwangsmechanismus“, wie ihn der Museumsflyer beschreibt, ging ins Leere. Das Publikum kannte sich bestens in all den Spielen aus. So gedieh die Veranstaltung letztlich zu einem „Come together“, einem sonntäglichen Beisammensein. Die Museumsdirektorin war da, die Galeristen zeigten sich, die Künstler gruppierten sich um ihre jeweiligen Fans. Tolle Stimmung und viel Small Talk.

Für Deutsche ist das Bespitzeln selbstverständlich geworden

Man könnte sich natürlich auch fragen, ob wir uns in unserem Alltag allzu sicher fühlen? Ist die Bespitzelung durch Google, Facebook, Apple & Co. so selbstverständlich geworden, dass wir sie gar nicht mehr bemerken oder wahrhaben wollen? Muss nur noch der Künstler im Tarn-Anzug herumlaufen, um auf Persönlichkeitsrechte hinzuweisen?

Um den Irrwitz der Situation begreifbar zu machen, stellte Ralf Berger ein paar Warnschilder an die Wände im Haus und vor dem Haus. „Unterwirf dich“, „Gehorche“, „Schlafe“, „Keine Gedanken“ hieß es da. Das Ende blieb offen.

Ein Wort noch zum Künstler selbst. Seit seiner Studentenzeit an der Kunstakademie Düsseldorf bei Klaus Rinke bringt er sich selbst ins Spiel. 1997 lief er mit verbundenen Augen  auf einer kreisrunden Scheibe und drohte abzustürzen. Auch 1997 hielt er sich so lange an Stangen fest, bis er sich nicht mehr halten konnte.

Oder er saß in einem Raum und blies Luftballons auf, bis der Raum mit seinem Atem gefüllt war. 2003 verspeiste er eine Torte mit dem Abbild seines Kopfes darauf. 2005 nahm er sich selbst in den Schwitzkasten. Im Wahljahr 2016 hatte er Gläser mit Deckeln in den Farben Schwarz, Rot und Gold, in die er ein „Hurrah“ pustete.

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