Gesundheit „Das Erkennen und Behandeln einer Depression, kann Leben retten“

Im Krefelder Maria-Hilf-Krankenhaus gibt es eine neue Station, nur für schwer depressive Menschen.

Renato Pejcinovic ist Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Psychische Gesundheit am Krankenhaus Maria-Hilf am Dießemer Bruch.

Renato Pejcinovic ist Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Psychische Gesundheit am Krankenhaus Maria-Hilf am Dießemer Bruch.

Foto: Ja/Jochmann, Dirk (dj)

In der Klinik für psychische Gesundheit am Krankenhaus Maria-Hilf in Krefeld gibt es seit einigen Monaten eine Station ausschließlich für Menschen mit einer schweren Depression. Renato Pejcinovic erklärt, warum das sinnvoll ist und ab wann sich Betroffene Hilfe suchen sollten.

Warum haben Sie die neuen Behandlungsplätze geschaffen?

Renato Pejcinovic: Hintergrund des Ganzen ist, dass, die Warteliste für Behandlungen von Depressionen im Herbst 2022, als ich bei den Alexianern anfing, sehr lang war. Mit den neuen Behandlungsplätzen haben wir jetzt eine Station geschaffen, die einen Schwerpunkt für schwere Depression hat.

Warum ist das wichtig? Auf den anderen Stationen werden doch ebenfalls Menschen mit schweren Depressionen behandelt.

Pejcinovic: Auf unseren insgesamt zwölf Stationen behandeln wir fast alle psychiatrischen Erkrankungen. Die Bildung von Behandlungsschwerpunkten und Bündelung von Kompetenzen hilft uns, die besonderen Behandlungsbedarfe zu decken. Auf der neuen Station ist das Gruppenangebot spezifischer. Die Einheit ist klein und die Intensität dadurch höher.

Wie wird das Angebot denn angenommen?

Pejcinovic: Die Kapazitäten sind durchgehend voll belegt, das ist ein relativ neues Gebäude, das wir auch sehr schnell umfunktionieren konnten. Dort gibt es Einzelzimmer und ein dichtes Therapieangebot, sowohl einzeln als auch in der Gruppe.

Was passiert bei der Behandlung?

Pejcinovic: Hoffnung und Zuversicht sind bei den Patienten häufig nicht mehr gegeben. Da sind wir als Therapeuten gefragt. Es gibt weniger Störfaktoren als auf anderen Stationen. Wir sprechen auch intensiv mit Partnern und Angehörigen. Eine Depression wirkt sich sehr auf die Familiensysteme aus. Wir fördern die Beziehungsgestaltung, sprechen über die Belastungen am Arbeitsplatz und über die berufliche Wiedereingliederung. Das Konzept kenne ich aus meiner alten Klinik. Wir nutzen auch Medikamenten- und Behandlungsverfahren, die eine Spezialexpertise erfordern. Wir planen auch eine Magnetstimulanz anzubieten, vermutlich zum Ende des Jahres. Das ist eine sehr schonende Depressions-Therapie.

Gerade nach der Pandemie ist die psychische Gesundheit Thema, gibt es Zahlen, wie viele Krefelder depressiv sind?

Pejcinovic: In Deutschland erkranken generell etwa acht Prozent der Menschen im Verlauf eines Jahres an einer Depression. In Krefeld wären das etwa 19 000 Menschen pro Jahr. Frauen erkranken häufiger an einer Depression als Männer.

Was sind die typischen Symptome einer Depression?

Pejcinovic: Die Stimmung ist gedrückt, die Menschen haben keinen Antrieb, sind interessenslos, freudlos und haben mitunter Schlafstörungen und Ängste. Die Konzentration und das Selbstwertgefühl sind vermindert, Suizidgedanken können auftreten. Die Symptome müssen allerdings auch über mindestens zwei Wochen bestehen, damit man von einer Depression als Diagnose spricht.

Wer sollte denn stationär behandelt werden?

Pejcinovic: In der Regel gilt, wer seinen Alltag gemeistert bekommt, der wird ambulant behandelt. Wenn die Arbeitsfähigkeit nicht mehr gegeben ist, die sozialen Kontakte leiden und natürlich, wenn es Suizidgedanken gibt, dann ist eine kurzzeitige stationäre Aufnahme auf jeden Fall sinnvoll.

Wie lange bleiben die Patienten denn in der Klinik?

Pejcinovic: Das lässt sich schwer pauschal sagen, aber kürzer als vier Wochen ist selten und länger als acht Wochen ist ebenfalls selten.

Wie viele ihrer Patienten sind denn depressiv?

Pejcinovic: Ein Viertel, 3000 Patienten behandeln wir insgesamt pro Jahr stationär, das wären etwa 750 Patienten mit schwerer Depression.

Was genau bedeutet: Suizidgedanken?

Pejcinovic: Ausdruck einer seelischen Not, häufig bei schweren Depressionen. Suizidgedanken sind ein psychiatrischer Notfall und müssen auch notfallmäßig psychiatrisch abgeklärt werden. Wir schauen mit den Patienten gemeinsam, welche Unterstützung notwendig ist, bieten Hilfe an und sind da für den Patienten.

Was sind die Ursachen einer Depression?

Pejcinovic: Extreme Belastung, Einsamkeit, eine genetische Veranlagung, Traumatisierungen, Verlusterlebnisse und dauerhafte Überforderungen können eine Depression verursachen. Die Auslöser und Risikofaktoren sind sehr vielfältig. Wir unterscheiden zwischen leichten, mittelschweren und schweren Verlaufsformen.

Konnten Sie die anfangs erwähnte Warteliste abarbeiten?

Pejcinovic: Ja, die Liste ist abgearbeitet. Wir haben jetzt auch mehr Personal. Als ich hier angefangen habe, hatten wir 14 Ärzte weniger, die Stellen haben wir alle wieder besetzen können.

Verändert sich in der Gesellschaft gerade der Umgang mit der Krankheit?

Pejcinovic: Früher war die Psychiatrie stärker stigmatisiert, heute sprechen Familien mehr über die psychische Gesundheit und die Akzeptanz in der Gesellschaft steigt. Es gibt viel mehr Informationen dazu als früher. Früher war das ein Zeichen für Schwäche, viele Familiensysteme haben das nicht wahrgenommen, heute gibt es ein neues Selbstverständnis und das Bewusstsein für den eigenen Bedarf.

Muss noch mehr passieren?

Pejcinovic: Weiterhin ist die öffentliche Arbeit in der Aufklärung über die Depression und die Entstigmatisierung der Psychiatrie extrem wichtig, denn eine Depression sollte behandelt werden. Wir gewinnen dadurch gesunde Lebensjahre. Das Erkennen einer Depression und die konsequente Behandlung können Leben retten. Mut zur Selbstfürsorge ist keine Schwäche.

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