Krefeld: Laster-Invasion legt Uerdingen und Linn lahm

Verkehr : Laster-Invasion legt Stadtteile lahm

Umleitungen an der B288: Anwohner in Uerdingen und Linn protestieren gegen die Lkw-Flut auf ihren Straßen.

Fast wie bestellt will der Fahrer eines schweren polnischen Silolastwagens von der Tankstellenanlage an der Linner Straße nach rechts in die Mündelheimer Straße abbiegen. Dann sieht er die Absperrbaken und das Sackgassenschild und muss auf der Kreuzung drehen. Es wird eng auf dem Knotenpunkt, Autofahrer und weitere Lastwagenfahrer, die an anderen Ampeln Grün haben, kommen nicht weiter. Es wird gehupt und hinter den Frontscheiben geschimpft.

„Das ist noch gar nichts“, sagt Werner Blaumeiser. „Sie müssten mal morgens um 5.30 Uhr hier stehen. Dann geht nichts mehr und die hupen nur.“ Aus dem Bett fallen kann der Anwohner der Mündelheimer Straße wegen des Lärms aber nicht mehr. Er muss um 5.30 Uhr zur Arbeit fahren. Nach Linn. Doch rückwärts mit dem eigenen Wagen auf die Straße rangieren, um dann auf die Linksabbiegerspur zu kommen, funktioniert nicht. „Die Lastwagenfahrer lassen einen nicht einfädeln, weil sie selbst unter Stress stehen. Also fahre ich mehrere hundert Meter weiter bis zur Bäckerei und drehe dann. Das kann doch nicht sein…“

Ihrem Unmut über die Verkehrssituation in Uerdingen und Linn haben jetzt etwa 30 Bürger auf dem Tankstellengelände neben dem Gartenbauverein Rheinbrücke Luft gemacht. Aktueller Anlass sind die Arbeiten an dem Kreisverkehr Düsseldorfer Straße/Floßstraße. Während früher die Lastwagen (und andere Autofahrer) von der A57 über die Berliner Straße vor der Rheinbrücke direkt rechts Richtung Hafen fahren konnten, müssen sie nun über die Linner, Mündelheimer und Königsberger Straße zum Hafen fahren. Doppelter Lasterstress für die Anwohner mit zusätzlichem Lärm und Abgasen. „So schlimm wie jetzt war es noch nie“, sagt Blaumeiser, der seit zwölf Jahren an der Mündelheimer Straße wohnt. „Auf den Balkon setzen können wir uns hier nicht mehr.“

Was in den Augen vieler Anwohner noch gravierender ist: „Am Mittwoch beginnt die Schule, dann wird es richtig gefährlich hier“, sagt Peter Stammsen. Er wohnt an der Königsberger Straße direkt gegenüber einem Kindergarten und sorgt sich um Kita- und Schulkinder. Er hat die Protestaktion angezettelt, nachdem er Zeuge eines Fast-Unfalls zwischen einem Rad- und einem Lastwagenfahrer an der Königsberger/Ecke Westpreußenstraße geworden war. „Der Fahrradfahrer musste voll bremsen, um nicht unter dem Lkw zu landen, der ihn übersehen hatte. Das kann doch so nicht weitergehen. Muss erst etwas passieren?“

Ein Ehepaar sorgt sich insbesondere um die Kinder, die nicht von ihren Eltern zur Schule gebracht werden: „Auf der Westpreußenstraße und den umliegenden Straßen fahren viele Kinder mit dem Fahrrad. Ich habe ihnen schon gesagt, sie sollen auf dem Bürgersteig fahren“, sagt Walter Schulz. Dort aber seien auch Kinder zu Fuß unterwegs. „Es ist ein Chaos ohne Ende“, sagt er und seine Frau Susanne ergänzt. „Das ist hier schlimmer als auf der A3.“

Aber auch direkt vor Kindergärten und Schulen herrschen nach Angabe der Bewohner derzeit Zustände wie auf einer Autobahn. Klaus Elfes, der sich direkt mit einem Brief an die WZ gewandt hat: „Einige Lkw-Fahrer nutzen als Umgehung des Rückstaus auf der Linner Straße zur B288 den Abzweig der Düsseldorfer Straße Richtung Innenstadt in Höhe des Uerdinger Ruderclubs, obwohl hier die Einfahrt für Lkw verboten ist.  Es gibt mehrere Einfahrtverbotsschilder.“

Lkw festgefahren: Polizei
klingelt Anwohner aus dem Bett

Dass diese missachtet werden, weiß auch die Polizei. Vor einigen Tagen mussten Beamte nach Angabe von Wolfgang Braams sogar im kleinen Nikolausweg im Morgengrauen den Fahrer eines festgefahrenen Lastwagens herauslotsen. „Die Polizisten haben die Leute aus dem Bett geklingelt, damit die Autos weggesetzt werden konnten.“

Doch die Anlieger der betroffenen Straßen belassen es nicht nur bei Kritik – sie haben auch konstruktive Vorschläge zur kurzfristigen Verbesserung. Dagmar Wegmann beispielsweise schlägt eine Behelfsampel für Fußgänger auf dem Teil der Mündelheimer Straße vor, die zur Düsseldorfer Straße führt. Denn am regulären Ampelübergang zur Linner Straße komme sie zurzeit nicht ohne Gefahr über die Straße: „Wenn Sie bei Grün rüber wollen, ist alles mit Lastwagen zugestellt. Und wenn Sie dann mit der Nase vor dem Führerhaus der Lkw-Fahrer stehen, machen sie noch Gesten, dass ich da nichts zu suchen habe.“

Um zumindest den Rückstau auf der Linner zur Mündelheimer Straße zu verringern, schlägt Peter Stammsen vor, die Taktung der Lichtzeichenanlagen zu verändern. „Die Ampeln sind nicht gut aufeinander abgestimmt.“ Ein Anwohner schlägt sogar vor, den Rechtsabbiegern zur Berliner Straße permanent per gelbem Warnlicht die Möglichkeit zu geben, rechts Richtung A57 abzubiegen. Und Susanne Tyll sieht das Problem der Lkw-Fahrer in Wohngebieten auch darin, dass das Verbotsschild an der Tankstelle zu verwirrend ist. „Das dauert doch eine halbe Stunde, um das zu verstehen.“ Werner Blaumeiser sieht das anders: „Das rote Zeichen mit dem weißen Balken darin kennt doch jeder Autofahrer. Das ist international.“ Die Lastwagenfahrer ignorierten viel mehr bewusst die Hinweise und versuchten mit allen Mitteln, zum Ziel zu gelangen.

Die Probleme seien vielmehr durch eine falsche Planung verursacht worden. Eine direkte Anbindung der A57 an den Hafen sei wichtig gewesen. „Das hätte man früher anders planen können. Wenn der Containerhafen kommt, können wir hier ganz einpacken.“

Mehr von Westdeutsche Zeitung