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Krefeld: Klingelingeling, hier kommt der Cocktail-Mann

Pünktlich zum Feiertag : Klingelingeling, hier kommt der Cocktail-Mann

Die Plastikbecher sind die entscheidenden Details. Sie lassen erahnen, dass das hier keine Bar im Normalbetrieb ist. Wäre es Normalbetrieb an diesem Freitagabend, hätte Barkeeper Winroden Abak Gläser vor sich auf der Theke stehen.

Nun kommen Eis, die vielen Säfte und Spirituosen eben in die Plastikalternative. Darin können Abaks Cocktails nach Hause geliefert werden.

Anfang Mai hat er den Lieferdienst mit Restaurant-Betreiber Reza Sadeghi und Veranstaltungsmanager Kevin Friedrichs gestartet. Seitdem geht es jeden Freitag und Samstag mit den Getränken quer durch Krefeld. Die drei sind Vertreter des schönen Lebens in der Stadt. Friedrichs, schwarze Kappe, weiße Turnschuhe, etwa organisiert normalerweise unter anderem Veranstaltungen wie Street-Food-Festivals und Partys. Außerdem ist der 29-Jährige Eventmanager im „Hut Ab Club“ an der Dießemer Straße. Die Corona-Auflagen treffen sein Geschäft und das der Mitstreiter hart. Mit dem Cocktail-Lieferdienst wollen sie ein Stück Nachtleben erhalten.

Natürlich setzen sie auf Cocktails. In etlichen Städten sind diese während der Corona-Einschränkungen ein großes Thema. In Münster stellen sich junge Leute draußen an, um die Getränke ihrer geschlossenen Lieblingsdisco zu bekommen. In München erzählt Star-Barkeeper Charles Schumann, wie es mit dem Cocktail daheim klappt.

Überall sind die Getränke wohl die Flucht in gute Zeiten. Der Cocktail ist das Schöne. Er ist der Sommerabend mit Freunden. Er ist die Strandbar im Urlaub. Er ist die unendliche Partynacht. In Krefeld kommt das Gefühl vom Liefermann.

Startpunkt ist die schmale Theke in Sadeghis Restaurant La Romantica – einem kleinen Laden in Sichtweite des Rathauses. Die ersten Gäste dürfen mittlerweile wieder ins Lokal kommen. Der Lieferdienst soll dennoch weitergehen. Denn wie viel ist ein Restaurant-Betrieb unter Auflagen wert? Personal mit Mundschutz und ein ob der Abstandsregeln spärlich besetzter Gastraum – das ist weit weg von dem, was sich Gastronomen wünschen.

So steht Abak weiter hinter der Theke. Mund und Nase sind mit der Maske bedeckt. Mit vielen flinken Handgriffen in das Labyrinth aus Flaschen vor ihm mischt er die Getränke. Friedrichs sitzt etwas abseits an einem Tischchen. Vor ihm sind Laptop und Handy. Damit nimmt er die Bestellungen entgegen und plant die Touren der Fahrer.

Drei Lieferanten sind zwischen 18 und 23 Uhr im Einsatz. „Es läuft besser als gedacht“, sagt Friedrichs. Am Premieren-Samstag des Angebots habe er irgendwann keine Bestellungen mehr annehmen können. „Manche bestellen zwei Mal am Abend. Andere möchten kein Eis im Becher, damit sie den Cocktail noch später trinken können“, sagt Friedrichs. Die Klassiker „Sex on the Beach“ und „Mojito“ würden am häufigsten geordert. „Es passt zur Sommerzeit, die jetzt anbricht.“

Einer der Fahrer ist an diesem Abend Chris Thomas. Friedrichs ist sein Cousin. Heute hilft er aus. Friedrichs stellt ihm die Getränke in eine Kühlbox. Dazu die Trinkhalme. Thomas hebt die schwarze Kiste hoch und geht zum Auto. „Preis schick ich dir noch“, ruft Friedrichs hinterher. Thomas lädt die Ware in den Kofferraum seines weißen Wagens. Dann geht es in Richtung St. Tönis. Thomas lenkt das Auto durch den Stadtverkehr – mit der ganz eigenen Dynamik, die nur Lieferdienste und Taxis haben.

Der Lieferant parkt in einem Wohngebiet an der Stadtgrenze zu Krefeld. Die letzten Meter trägt er die Cocktails zur Haustür von Francesca Fehmer und ihrem Partner. Klingelingeling, hier kommt der Cocktail-Mann. Erst bellt der Hund. Dann macht die junge Frau in Jogginghose auf. Das erste Mal habe sie vergangene Woche bestellt, sagt sie. Das hat ihr gefallen. „Sonst sind wir gerne Cocktails trinken gegangen.“ So gehe das eben gemütlich zu Hause. Ihr Favorit sei der Amore Mia, eine eigene Kreation von Barkeeper Abak. Diese besteht aus Limettensaft, Holundersirup, Bitter Lemon, Minze und Gin. Thomas stellt die Getränke ab und nimmt das Geld entgegen. Schon düst er wieder in die Krefelder Innenstadt. Freilich mit der Musik im Auto, die es sonst zum Cocktail im Club gibt.

Friedrichs wartet bereits vor der Tür. Mit der Zigarette in der Hand steht er vor dem La Romantica. „Jetzt müssen wir nach Linn“, sagt er zu Thomas. Dann holt er die nächsten Getränke. „Das ist schon eine Umstellung“, sagt Friedrichs. „Ich sitze hier und koordiniere.“ Normalerweise sei er abends vor Ort bei seinen Veranstaltungen und habe über Tag alles geplant. „Klar vermisse ich das – jedes Wochenende“, sagt er.

Vor Barkeeper Abak stehen die Becher mit Minze und Limetten. Die Herstellung der Cocktails sei der gleiche Aufwand wie im normalen Betrieb, sagt er. Währenddessen orchestriert er vor sich den Regenbogen. Gelb, orange und grünlich färben sich die Getränke. „Cocktails machen, ist eine Kunst“, sagt Abak. Es komme zum Beispiel auf das richtige Verhältnis von Süße und Säure an. Das gilt auch beim Lieferdienst. Die Gäste fehlen ihm dabei allerdings. „Ich komme gerne mit Menschen in Kontakt“, sagt er. „Da kann ich ihnen erklären, was ich mache, oder etwas empfehlen.“

So ist es Fahrer Thomas, der den Kundenkontakt hält. Auf geht es nach Linn. Wenn der Betrieb kein Ende gegen 23 Uhr hätte, könne er vermutlich die ganze Nacht liefern, sagt er. In Linn wartet Lisanne Melisch mit einer Freundin draußen auf einer Bank nahe ihrer Wohnung. Sie sitzen in der Abendsonne. Für sie sind die Cocktails ein Ersatz für Festivals und den Club am Wochenende. „Die mischt man sich nicht mal eben selber“, sagt Melisch. „Und Bier und so gehen auch nicht immer.“ Deshalb nennt sie den Lieferdienst „eine coole Idee“.

Für Thomas geht es wieder weiter. Es wird noch viele Touren vom La Romantica geben an diesem Abend und wohl für viele Wochen.