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Krefeld: „Klein-Österreich“ als Denkmal in Fischeln

Historie : Das Denkmal „Klein-Österreich“

Die 1936/39 entstandene Werkssiedlung war anfangs für das NS-Regime Teil der Kriegsvorbereitung – heute steht sie unter Denkmalschutz.

. „Liebe Klein-Österreicher“ wendet sich die Vorsitzende der „Interessengemeinschaft Klein-Österreich“ im Aushangkasten am Tiroler Weg an ihre Mitbewohner und beschwört dann das „Wir“, das auch und gerade in der Corona-Zeit gelte, denn: „Es kommen bald wieder bessere Zeiten und dann können wir uns wieder treffen und viele schöne Dinge planen“. Das lebendige Quartier ist eine historisch bedeutende Werkssiedlung und wurde im Oktober 1998 in die Denkmalliste der Stadt Krefeld eingetragen.

 Die 60 Jahre zuvor entstandene Siedlung mit den 29 Häusern und 116 Wohnungen rund um den Tiroler Weg ist auch ein Zeugnis der industriepolitischen Beziehungen zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und Österreich, heißt es im neuen LVR-Buch „Siedlungen in Nordrhein-Westfalen“ (Band 2, Rheinschiene). Denn nach der von Hitler angestrebten und 1938 erfolgten Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich spielten die Verbindungen in der Montanindustrie eine besondere Rolle. Es gab einen regelrechten Wettlauf der deutschen Großindustrie zur Ein- und Anbindung österreichischer Unternehmen. So warb die Deutsche Edelstahlwerke um Arbeiter der Böhler Stahlwerke, denen als Anreiz zur Umsiedlung auch Wohnungen in der 1938/1939 fertiggestellten neuen Siedlung angeboten wurden. Mit den dann aus Österreich zuziehenden Bewohnern erhielt die Anlage den Namen Klein Österreich. Zu ihrer Würdigung heißt es im LVR-Buch: „Hier werden die Bestrebungen nach 1933 für eine Art Wohnungsbau zur Kriegsführung deutlich, mit der Unterbringung von Beschäftigten der kriegswichtigen Industrien.“ In ortsgeschichtlicher Hinsicht sei Klein Österreich Teil eines Gürtels von Arbeitersiedlungen, der sich von Fischeln über Lehmheide nach Benrad erstreckt, mit den Deutschen Edelstahlwerken als wichtigstem Bezugspunkt, schreibt Walter Buschmann. Nach dem Krieg wurden die Häuser vom US-Militär beschlagnahmt, die Familien mussten in Behelfsunterkünfte wie in die Kabinen des nahen Freibads Neptun umziehen.

Auch die Stadt stellt in ihrer Denkmalliste den historischen Wert der Siedlung heraus, obwohl sie während der NS-Diktatur entstand: „Die Siedlung ist ein typisches, städtebaulich qualitätvoll gestaltetes, original erhaltenes Beispiel für den Siedlungsbau aus der Anfangszeit des Dritten Reiches, als man in ideologischer Abkehr von den Gestaltungstendenzen der Weimarer Republik die bodenständige, nach den Prinzipien des Heimatschutzes handwerklich qualitätsvolle Architektur förderte.“

Es gibt vier Haustypen, jedes Haus hat vier Wohnungen mit drei bis vier Zimmern plus Wohnküche. Zu jedem Haus gehört ein rund 200 Quadratmeter großer Garten. Balkone oder Terrassen haben die Häuser hingegen nicht – ein Indiz dafür, dass man beim Bau der Anlage eine eher einfache Mieterschicht im Blick hatte. Heute wirken die Häuser in der hübschen Siedlung mit ihren relativ hohen Fenstern in mancher Hinsicht wieder modern, auch wenn einigen ein Anstrich oder ein neues Dach durchaus gut tun würde. Vor Jahren traten Probleme mit Schimmel auf.

Während sich der städtische Denkmalschutz bisweilen skeptisch zeigte gegenüber dem Versuch des LVR, nicht nur Häuser, sondern ganze Siedlungen als „Denkmal“ zu würdigen, ist das hier keine Frage. So heißt es in der Denkmalliste 1998: „Als Denkmal sind Einzelbauten, Siedlungsgrundriss und Grünanlagen der Siedlung Klein Österreich als eng aufeinander bezogene Teile eines Ganzen.“