Krefeld: Hülserinnen nähen 670 Boomerang Bags - die immer zurückkommen

Umweltschutz : Die „Boomerang Bag“ kommt immer zurück

Freiwillige nähen in Hüls Taschen aus gespendeten Stoffen – um gleich im doppelten Sinn die Umwelt zu schonen. Die Idee kommt aus Australien.

Die Nadel versinkt tief in orangefarbenen Blumen. Hochkonzentriert verfolgt Marit, wie Stich für Stich eine Naht entsteht. Für die Achtjährige ist es eine Premiere. Sie traut sich an diesem Tag an ihre erste „Boomerang Bag“ heran. Jetzt noch die bereits fertigen Träger anbringen, und es ist vollbracht. Dann hat auch sie eine Tasche der besonderen Art für Hüls erschaffen. Eine Tasche, die in den Geschäften die Wegwerftüten ersetzt, und nicht nur deswegen der Umwelt hilft.

Wie das Wort „Boomerang“ im Namen ahnen lässt, kommen diese Stoffbeutel immer wieder zurück. Die Idee kommt aus Australien. Zwei junge Frauen hatten die Idee vor sechs Jahren. Seitdem geht sie um die Welt. Mittlerweile sind mehr als 1000 sogenannte Communities, also Gemeinschaften, aktiv. Zuhause allein oder gemeinsam stellen die Ehrenamtlichen Taschen und Beutel her – schon 22 400 Stück über den Erdball verteilt. Das Ziel: Sie werden beim Einkauf statt Plastiktüten mitgenommen, werden wieder benutzt, weitergegeben oder zurückgegeben.

Hülserin begegnete die Idee in einem Neuseeland-Urlaub

Die Gruppe in Hüls haben Maureen Kuprella und Silja Karusseit gemeinsam auf die Beine gestellt. Kuprella war den „Boomerang Bags“ in einem Neuseeland-Urlaub begegnet. Damals hätte sie gerne sofort eine Gruppe gegründet. Als sie vor anderthalb Monaten von einem frisch gestarteten Projekt in St. Tönis las, sprach sie Karusseit an. Mittlerweile machen schon mehr als 30 Läden mit: beispielsweise eine Apotheke, ein Optiker, ein Obst- und Gemüsehändler und eine Reinigung, die nicht nur Taschen vorhält, sondern auch alle zurückgegebenen wäscht, bevor sie in den diversen Geschäften neu ausgegeben werden. „Die Nachfrage ist groß und hält an“, sagt Kuprella. Nachschub ist gefragt.

Vier Nähmaschinen surren deshalb nun ab sofort dienstags in einem Raum unter dem Dach des Freizeitzentrums Türmchen an der Cäcilienstraße über Stoffstücke. Mal mehr, mal weniger schnell. „Es können nicht alle nähen, die hier sind. Einige schneiden deshalb zu, andere bügeln“, erzählt Maureen Kuprella. Und einige arbeiten sich eben langsam vor. So wie Julia Ehringer. Die 42-Jährige steht an diesem Tag an der Bügelstation. „Das kann ich“, lacht die Hülsern, „aber ich möchte hier auch irgendwann Nähen lernen.“ Über eine Freundin ist sie zur Gruppe dazugestoßen. „Die Idee finde ich toll. Es ist so ein toller Zusammenhalt.“

Stoffstreifen für Stoffstreifen faltet sie dreimal und lässt das heiße Eisen darüber flitzen. So können die Frauen an den Nähmaschinen die Streifen ganz leicht in Träger verwandeln. Dann kommen die textilen Vierecke zum Einsatz, die zum Beispiel Ursula Zanders aus Bergen von gespendeten Stoffen schneidet. Die 67-jährige Hülsern liebt Handarbeiten. „Ich mache alles. Aber im Moment schlägt mein Herz fürs Upcycling.“ Also das Wiederverwerten von Gebrauchtem, von scheinbar Nutzlosem, das durch kreative Ideen aufgewertet wird, wiederzuverwenden ist und zum Teil völlig neuen Zwecken dient. „Das ist doch viel interessanter als das, was aus dem Katalog kommt“, sagt Zanders. Die nächste Fuhre für ihren Arbeitstisch kommt gerade an der Türschwelle an. Eine Hülserin gibt einen Wäschekorb voller Bettwäsche ab und freut sich, „dass die jetzt noch einen Zweck erfüllen kann“. Gardinen, alte T-Shirts, Hosen und vieles mehr kommen hier zu neuen Ehren. Und die kleinen Mustervierecke eines Krefelder Stoffherstellers.

Silja Karusseit sieht mehr als nur das Vermeiden von Plastikmüll durch Wegwerftüten und von Stoffmüll durch die Näh-Aktionen. „Das hat noch so viele positive Punkte. Man kommt in Kontakt mit anderen Menschen, stärkt die Gemeinschaft. Wir halten in Hüls zusammen“, sagt die 47-Jährige, die seit drei Jahren in ihrem Geschäft „Finja’s und Gäste“ Handgefertigtes aller Art anbietet, indem sie Fächer in ihren Ladenregalen an kreative Menschen vermietet. Bisher lief das „Boomerang Bag“-Projekt in ihrem Geschäft an der Krefelder Straße 22. Rund 30 Engagierte trafen sich dort seit Ende August jeden Morgen. „Gleichzeitig immer etwa so sechs. Aber es kamen immer wieder neue Leute vorbei“, erzählt Silja Karusseit. Eine Elfjährige sei extra samstags zum Trägernähen im Laden erschienen. „Diese Begeisterung mit den Kindern zu teilen, das macht total Spaß.“

Wegen der wachsenden Zahl an Menschen ist das Hülser Projekt jetzt ins Freizeitzentrum Türmchen an der Cäcilienstraße umgezogen. Unter dem Dach ist seit Stunden ein Dutzend Freiwillige zugange. „Und es sind ganz viele neue Leute dabei“, freut sich Maureen Kuprella. Zwischen ihnen ist Marit mit ein bisschen Unterstützung von ihrer Mutter beim Zusammenstecken mittlerweile fertig mit ihrer blumigen Tasche. Sie geht zum Stempel und sorgt mit dem Kissen voller Textilfarbe für den unverkennbaren Aufdruck „Boomerang Bag“. Dazu kommen Zeichen und Nummer: #549 steht auf Marits Exemplar. Die Dachorganisation, die die weltweit rund 380 Gruppen auf ihrer Internet-Seite präsentiert, empfiehlt, die Taschen zu nummerieren. „Einfach, weil es sich so gut anfühlt“, sagt Maureen Kuprella, die auch die kürzlich geschaffte 500. Bag besonders begeistert hat. Mittlerweile sind es rund 670. Eine hat den Weg nach Australien genommen. „Als Geschenk“, sagt Kuprella mit einem Schmunzeln, „uns ist klar, dass nicht alle Taschen in Umlauf bleiben, sondern manche sie auch behalten, weil sie so schön sind.“

Mehr von Westdeutsche Zeitung