Gespräch mit Prof. Michaela Noreik Entgiftung durch Fasten: „Das ist ein Mythos“

Interview · Eine Oecotrophologin an der Hochschule Niederrhein spricht über die Wirkung des Fastens auf den Körper.

Beim Fasten helfen Wasser, Tee und leichte Brühen gegen das Hungergefühl. Doch auch bei vollwertiger Ernährung tun sie gut.

Beim Fasten helfen Wasser, Tee und leichte Brühen gegen das Hungergefühl. Doch auch bei vollwertiger Ernährung tun sie gut.

Foto: dpa-tmn/Christin Klose

In den sozialen Netzwerken ist ein regelrechter Hype um eine neuartige „Abnehmspritze“ ausgebrochen, nachdem Promis wie Kim Kardashian und Robin Williams — sicherlich nicht unentgeltlich — für diese Form des vermeintlich leichten Abnehmens werben. An den häufig mehreren Ursachen von Übergewicht ändert das nichts: Familiäre Disposition, genetische Ursachen, hormonelle Störung und oftmals der Lebensstil (mangelnde Bewegung und Fehlernährung).

Weitaus verbreiteter ist das Fasten, bei dem für eine begrenzte Zeit keine feste Nahrung zu sich genommen wird. Ob aus religiösen Gründen wie beim Christentum von Aschermittwoch bis Ostermontag und bei den gläubigen Muslimen im gerade zu Ende gegangenen Ramadan. Oder aus gesundheitlichen Gründen, um dem eigenen Körper durch den Verzicht auf bestimmte Speisen, Getränke und Genussmittel etwas Gutes tun. Aber ist das überhaupt gesund? Die Autorin sprach über das Fasten mit der Oecotrophologin Prof. Dr. Michaela Noreik, die an der Hochschule Niederrhein für Humanernährung zuständig ist.

Frau Professor Dr. Noreik, ist Fasten grundsätzlich für den Körper gesund?

Michaela Noreik: Gesund ist relativ, das hängt davon ab, in welchem Zusammenhang man das sieht. Wenn Fasten über einen kürzeren Zeitraum stattfindet, kann das durchaus positive Effekte haben. Wenn man es über einen längeren Zeitraum machen möchte, kommt es auf die Fastenform auf, wie extrem oder ausgeprägt diese ist. Dann sollte man dies nur mit Rücksprache mit ärztlichem Personal tun.

Wer sollte nicht fasten?

Michaela Noreik: Sogenannte Risikogruppen, wie Menschen mit Untergewicht, gestörtem Essverhalten, Heranwachsende, Schwangere und Stillende sowie Kranke. Wer außerdem Medikamente nimmt, sollte abklären lassen, ob sich Fasten negativ für ihn auswirkt. Beispielsweise ein Diabetiker, der sich Insulin spritzt, beim Fasten aber keine Kohlehydrate zu sich nehmen würde.

 Prof. Michaela Noreik ist im Fachbereich Oecotrophologie Expertin für Humanernährung.

Prof. Michaela Noreik ist im Fachbereich Oecotrophologie Expertin für Humanernährung.

Foto: HS-Niederrhein

Welche Formen des Fastens gibt es?

Michaela Noreik: Es gibt vermutlich 50 verschiedene. Diese unterscheiden sich in der Dauer und Ausprägung, welche und wie viel Nahrung man dabei zu sich nimmt. Es gibt das Intervall-Fasten mit verschiedenen Zeitfenstern, beispielsweise von nur acht Stunden, in denen man dem Körper Nahrung zuführt. Oder auch ein bis zwei Tage keine Nahrung aufnimmt. Dann gibt es noch das Heilfasten, bei dem sieben bis zehn Tage lediglich ungesüßte Tees, Wasser, Säfte und Gemüsebrühe konsumiert wird.

Während des islamischen Ramadans dürfen Muslime 30 Tage lang zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang weder essen noch trinken. Ist dieser andere Rhythmus nicht schädlich für die Gesundheit?

Michaela Noreik: Ein veränderter Tag-Nacht-Rhythmus wirkt sich häufig eher negativ aus, wie wir das beispielsweise bei Menschen, die in Schichtarbeit arbeiten sehen. Studien zum Ramadan zeigen jedoch durchaus einen positiven Effekt... Weil diese Muslime in einem viel kleineren Zeitfenster Nahrung zu sich nehmen, als über den ganzen Tag verteilt, ist die Kalorienmenge meist viel geringer. Der Blutzucker ist dadurch reduziert. Positive Effekte können auch die Verringerung von Entzündungsprozessen im Körper und Gewichtsabnahme bei Übergewicht sein.

Dient das Fasten nicht auch der Entschlackung und Entgiftung?

Michaela Noreik: Das ist ein Mythos. Das gibt es nicht. Fasten kann aber eine positive Wirkung auf den Blutzucker haben, die Blutfette und den Blutdruck sowie auf Entzündungsprozesse im Körper. Für Menschen mit Übergewicht oder Adipoisitas kann es außerdem eine erste Motivation für eine Gewichtsabnahme sein.

Wo liegt der Unterschied?

Michaela Noreik: Bei einem Body Maß Index (BMI) von 25 bis 30 kg/m2 spricht man von Übergewicht, von einem BMI von 30 und mehr liegt eine Adipositas vor. Zwei Drittel aller Erwachsenen sind heutzutage übergewichtig. Deshalb nimmt der Beratungsbedarf zu.

Was ist für Menschen mit Übergewicht sinnvoller: Fasten oder bewusst ernähren?

Michaela Noreik: Sinnvoll ist, sich zunächst mit Menschen zusammenzusetzen, die einem helfen, die für einen selbst beste Methode zu finden. Die zu dem jeweiligen Menschen passt und die er auch länger umsetzen kann. Dieselben vorhin genannten positiven Effekte des Fastens sehen wir auch bei der Umstellung auf vollwertige Ernährung und Bewegung. Dies geht auch mit Gewichtsveränderungen bei Übergewicht einher. Kurzzeitiges Fasten wie auch Diäten hingegen wirken nicht dauerhaft. Für Menschen mit Essstörungen oder einem gestörten Verhältnis zum Essen ist beides völlig ungeeignet. Eine Ernährungsberatung oder ein Gespräch mit ärztlichem Personal bei der Suche nach einer passenden Form der Nahrungsumstellung kann da zunächst generell hilfreich sein.

Wie sieht eine vollwertige Ernährung aus?

Michaela Noreik: Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) ist eine gesunde und umweltschonende Ernährung zu mehr als drei Viertel pflanzlich und ein Viertel tierisch. Zuckerfreie Getränke zählen mit 1,5 Litern täglich zu der größten Lebensmittelgruppe. Dann folgen die pflanzlichen Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen, Getreide und Kartoffeln sowie Öle. Tierische Lebensmittel wie Milch, Milchprodukte, Fisch, Fleisch und Ei ergänzen die Auswahl. (Anmerkung der Redaktion: Wegen der Fülle des Themas sind vegetarische und vegane Lebensweise nicht besprochen worden. )

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