Krefeld: Eine wissenschaftliche Welpenstunde

Tiererziehung : Eine wissenschaftliche Welpenstunde

Ein Fischelner Verein setzt Erkenntnisse eines Forschers um. Es geht nicht um Gehorsam, sondern Erziehung.

Hazel liebt ihr Spielzeug, Benji dagegen mag seine Leckerchen. Welcher Hund was bevorzugt, gilt es für Herrchen oder Frauchen herauszufinden, damit das Zusammenleben problemlos klappt. Hazel und Benji sind erst einige Wochen alt und nehmen mit ihren Haltern am neuen „Projekt 365“ der Ortsgruppe Fischeln des Vereins für Deutsche Schäferhunde (SV) teil. Auf der großen, frisch gemähten Wiese wuseln sie zuerst mit den Artgenossen herum. In der Welpen-Stunde danach lernen sie, mit dem Menschen ein Team zu bilden. Das Herrchen lernt auch.

„Mit zahlreichen praktischen Übungen und der Vertiefung des Erlernten durch Theorie gelingt es den Haltern, ihren Welpen zu einem sozial kompetenten und umweltsicheren Hund zu erziehen“, berichtet SV-Übungsleiterin Melanie Keusemann. „Das sogenannte ,Projekt 365` begleitet die Entwicklung des Hundes von der achten Lebenswoche bis zum Alter von einem Jahr. Wir, eine Ortsgruppe des SV, nehmen an dieser Studie teil und bieten daher zwei Welpen-Stunden pro Woche an, in denen das Ausbildungsprogramm durchgeführt wird.“

Die Hunde sollen nicht gehorchen, sondern vorausschauend handeln

Aufbau und Festigung einer guten Bindung zwischen Hund und Mensch ist ein Schwerpunkt des Projekts. Es beruht auf den Erkenntnissen des Zoologen und Hunde-Verhaltensforschers Udo Gansloßer. Er findet, dass es Zeit sei, bei der Erziehung des Vierbeiners neue Wege zu gehen. Dabei hat er herausgefunden, dass die Hunde aus ihrer Vorgeschichte viele Dinge mitbringen.

Keusemann erklärt: „Hunde sind, wenn sie gut sozialisiert in West- oder Mitteleuropa aufwuchsen, wohl die einzige Tierart, die perfekt ,zweisprachig` ist. Sie haben die Fähigkeit, mit Artgenossen zu kommunizieren und auch mit dem Menschen. Hunde haben das Bedürfnis, sich an den Menschen zu binden, und zwar weil sie dem Menschen gefallen wollen, also um seiner selbst willen.“ Diese gute Bindung zu stärken, sei das Ziel.

Bei dieser Ausbildung sei nicht Training vorrangig, sondern eine grundlegende Erziehung, berichtet die Übungsleiterin weiter. Es gelte der Grundsatz: „Gehorsame Hunde tun, was ihnen gesagt wird, erzogene Hunde handeln vorausschauend, so dass ihnen nicht gesagt werden muss, was sie zu tun haben. Die Teilnehmer werden lernen, die Persönlichkeit ihres Hundes zu beurteilen und seine Stärken und Schwächen einzuschätzen, kurz: ihn zu verstehen.“

Es geht also nicht um „Komm, Platz oder Sitz“, nicht ums Ballwerfen, wobei die Konzentration vom Menschen auf Ball und Jagdverhalten gelenkt wird. Es geht anders. Ein Beispiel gibt die Übung „Guck mal“, bei der der Hund – wie schon oben beschrieben – mit Hilfestellung des Menschen sein Leckerli oder Spielzeug findet und merkt: „Hier ist was los, suchen und finden“. Bei „Ganz ruhig“ wird der Hund in langen Strichen gestreichelt, kann so entspannen. „Das muss geübt werden und hilft dem Vierbeiner.“

Sven Renner ist mit Welpe Benji, einem japanischen Akita, gekommen. „Uns wurde diese Hundeschule empfohlen“, berichtet er. „Benji ist der Leckerchen-Typ. Die Arbeitsweise ist sehr interessant.“ Hazel, ein zwölf Wochen alter Labrador-Australian-Shepherd-Mischling, gehört David Bonnen und Saskia Jacobs. Sie sagt: „Diese Ausbildung ist spannend, hat viele Aspekte. Die Betreuung geht über lange Zeit. So lernen wir, den Hund gut zu verstehen.“

Für Gaby Bender und ihren Flat-Coated-Retriever Gino steht die Sozialisation obenan. „Azubi“ steht auf dem Geschirr des Hundes.

„Jede Woche lernen die Teilnehmer etwas Neues dazu. Dann gibt es auch keine Probleme mit den Hunden, wenn aus den Azubis mit etwa einem Jahr Pubertierende werden“, erklärt Melanie Keusemann.

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