Krefeld: Ein Zeichen für das Medium Buch am Uerdinger Marktplatz

Montagslesungen : Montagsleser kämpfen weiter am Uerdinger Marktplatz

Im September tragen Kinder und Jugendliche bei den Montagslesungen vor der Uerdinger Bücherei vor.

Mehr als ein Dutzend Personen ist stehengeblieben vor dem Pult, das vor der Bücherei Uerdingen am Rande des Marktplatzes aufgestellt ist. Schülerin Louisa hat sich bereit gemacht. Sie ist etwas nervös, hat Lampenfieber. Gleich wird sie eine Passage aus dem Buch „Harry Potter und der Stein der Weisen“ vortragen. Doch zuerst wird ein Lied angestimmt. Der Liedtext wird von den Organisatoren noch schnell verteilt. „Die Gedanken sind frei“, das alte deutsche Volkslied. Dann geht es los. Es ist die 329. Montagslesung an diesem Abend. In diesem September sollen vor allem Kinder und Jugendliche vortragen. Louisa ist aufgeregt. Die Tante habe sie angesprochen, hier mal mitzumachen. Warum hat sie sich für Harry Potter entschieden? „Es ist ein Standardbuch, das jeder kennt oder jeder mag. Es spricht jede Altersklasse an.“ Im Hintergrund haben Leute ein Plakat aufgehängt: „Bücherei Uerdingen wieder öffnen“. Ein Schüler filmt die Vorlesung für die sozialen Netzwerke.

Im Mai 2013 haben die Montagslesungen begonnen

Die Lesungen sollen auch ein Zeichen setzen und Hoffnung sein, dass die Bücherei bald wieder vollumfänglich genutzt werden kann. Seit ihrer Schließung im Mai 2013 ist sie eher ein Provisorium. Damals begannen die Montagslesungen. In den vergangenen Jahren haben hier schon einige Krefelder Prominente vorgetragen: Norbert Walter-Borjans etwa, 1952 in Uerdingen geboren und bis 2017 Finanzminister Nordrhein-Westfalens. Aber auch andere wie der heutige Oberbürgermeister Frank Meyer, der aus Krefeld stammende Fantasy-Autor Bernhard Hennen oder der Theater-Schauspieler Daniel Minetti haben hier schon gelesen. Die Liste ist lang. Einmal war es sogar eine Frau aus dem Publikum, die kurzerhand einsprang, weil die eigentliche Vorleserin im Stau stand. Sie holte rasch ein Buch aus dem Auto.

Die Kaiserplatz-Schülerin Louisa lobt die allwöchentliche Aktion: „Es wird immer weniger Wert auf das Lesen gelegt. Ich finde, das Lesen sollte beibehalten und gefördert werden. Man sollte nicht immer nur ins Internet gucken.“ Das ist auch ein Anliegen des Arbeitskreises „Erhalt Bücherei Uerdingen“. Zwei Mitglieder, Susanne Tyll und Norbert Sinofzik, sind unter den Zuhörern. „Kinder und Jugendliche sollen sich für die Sache engagieren. Wir wollen dokumentieren, wie wichtig das Lesen ist. Das Buch ist wichtig, die Griffnähe auch“, sagt Sprecherin Tyll. Probleme, junge Leute zu finden, gebe es nicht.

Etwa 400 Bücher stehen derzeit in den Räumen der Uerdinger Bücherei. Ein Regal für Kinderliteratur, eines für Erwachsene, mehr nicht. Keine Beratung, keine Listen. Wer ausleihen will, greift ins Regal. „Es ist wie ein Bücherschrank“, bemängelt Susanne Tyll. Sie fügt an: „Wir wollen ein Quartierszentrum mit Medienausleihe, eine richtige Bücherei haben. Vor der letzten Wahl hieß es von der SPD, sie wolle sich dafür starkmachen. Bisher aber ist die Umsetzung verhalten.“ Norbert Sinofzik und der Arbeitskreis favorisieren eine Zweigestelle der Mediothek. Ein offener Treff, ein Lesecafé, vielleicht auch Raum für Wohlfahrtsverbände und ihre Beratungen. Ein Bürgerhaus mit „professioneller, städtischer Medienausleihe.“ Bislang müssen sich die Uerdinger noch mit wenig begnügen. Ein Anfang ist gemacht, mehr aber noch nicht.

Mehr von Westdeutsche Zeitung