Krefeld — Die Stadt ohne Rhein

Krefeld — Die Stadt ohne Rhein

Jürgen Matz wirft der Stadt vor, sich auf Uerdingens Kosten mit fremden Federn zu schmücken.

Uerdingen. Jürgen Matz ist kein Krefelder, er ist Uerdinger — da versteht der 55-Jährige keinen Spaß. Für seinen Job fährt er nicht in die Stadt, sondern nach Krefeld. „Das ist ein Unterschied!“ Seiner Rheinstadt blieb Matz nur zweimal etwas länger fern. Er erzählt, dass er im Krankenhaus Lank-Latum geboren wurde und Uerdingen später für eine Frau verließ. „Damals lebte ich für zweieinhalb Jahre in Hüls.“ Die Industriegeschichte, der KFC Uerdingen, der jetzt in der 3. Liga Fußball spielt, und natürlich die Lage am Rhein: dafür liebt Matz sein Uerdingen, darauf ist er stolz. Und er ist sauer. Auf die Stadt Krefeld, die sich in ihrem Briefkopf, Logos, und auf Broschüren Stadt am Rhein nennt, „eine Stadt, die es nicht gibt“, ärgert sich Matz. Und darüber, dass sie das bis heute nicht zurücknehmen will.

Foto: Andreas Bischof

Rückblick: Anfang des Jahres hatte sich der Uerdinger darüber beim Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung (MHKGB) beschwert, das nach Prüfung zu dem Ergebnis kam: Matz hat Recht. Ohne Ratsbeschluss und Zustimmung der Aufsichtsbehörde sei die Verwendung eines solchen Signets auf offiziellen Briefbögen „aus reinen Marketinggründen“ unzulässig, heißt es in der Begründung. Ein Erfolg für Lokalpatriot Matz — doch geändert hat sich seither nichts. Die Stadt nehme „weiterhin mit dem Hinweis darauf, dass Krefeld am Rhein liegt, eine geografische Positionierung“ vor, erklärt Stadtsprecher Dirk Senger. „Wegen der rechtlichen Klärung zum Signet wartet die Stadt auf eine abschließende Einschätzung durch die Kommunalaufsicht.“

Jürgen Matz, Lokalpatriot

Eine Antwort, mit der sich Jürgen Matz nicht zufrieden gibt. Auf Wikipedia hat der 55-Jährige die Seite „Krefeld-Uerdingen am Rhein“ erstellt, um endgültig mit „Vorurteilen und Falschbehauptungen“ über die Rheinstadt aufzuräumen, „weil ich etwas gegen Geschichtsverfälschung habe“, sagt er. „Düsseldorf, Köln, Monheim und Uerdingen liegen am Rhein. Krefeld nicht.“ Mit viel Akribie und Quellennachweisen erklärt er im Netz auch, wie die alte Rheinstadt nach dem Zusammenschluss zu Krefeld-Uerdingen 1929 „als Dachgemeinschaft mit zwei gleichberechtigten Partnern“ unter dem Naziregime 1940 ein Stadtteil Krefelds wurde. Und das, obwohl Uerdingen auch später „förmlich nie eingemeindet wurde“, schreibt Matz auf Wikipedia. Zähneknirschend fügt er an: „Sicherlich ist Uerdingen heute ein Stadtteil von Krefeld. Auch wenn ich es gerne anders hätte.“

Dafür hat der Uerdinger Gründe. Sein Groll gegenüber der Stadt Krefeld beginnt in Matz’ Jugend. Als 17-Jähriger gründete er die Initiative „Ein Saal für Uerdingen“. Die Zeitungsartikel, die seinen Kampf und auch den Misserfolg dokumentieren, hat er aufbewahrt. „Kein Seidenweberhaus für die Rheinstadt“, titelte etwa der Stadtanzeiger im Februar 1981. „Da bin ich das erste Mal von der Stadt enttäuscht worden.“ Bis heute gebe es in Uerdingen keinen Veranstaltungssaal, den man sich leisten könne, sagt Matz. „Was wir haben, ist irgendeine Turnhalle (im Berufskolleg Uerdingen, Anm. d. Red.). Selbst die Uerdinger Feuerwehr konnte nicht das Geld berappen, um ihre Jubiläumsfeier da abzuhalten“, schießt Matz gegen die Stadt. „Wenn es nach Krefeld geht, dann reißen sie das Seidenweberhaus ab und bauen zur 650-Jahr-Feier 2023 ein neues Seidenweberhaus auf den Theaterplatz.“ Sein Vorwurf: Krefeld denke vor allem an eines: an Krefeld selbst. „Krefelds Karneval wurde über Jahre aus der Stadtkasse bezahlt“, sagt Matz, der seit mehr als 40 Jahren im Uerdinger Karneval aktiv und Vorsitzender der KG Op de Höh’ und KG Eulenturm ist. „Uerdingen musste sich das immer selbst zusammensparen.“

Das vor einigen Jahren im Rahmen eines Stadtkonzeptes am Elfrather See (in Uerdingen) angedachte Fußballstadion für den KFC sei nie gebaut worden. Deshalb müsse der Verein — 1905 als FC Bayer Uerdingen 05 (in Uerdingen) gegründet — jetzt auch im Stadion des MSV Duisburg spielen. Der KFC-Aufstieg in die 3. Liga sei dann groß gefeiert worden — vor dem Krefelder Rathaus, nicht in Uerdingen. „Das ist ja, als wenn Schalke den Pokalsieg in Gelsenkirchen feiert — und nicht auf Schalke“, schimpft Matz auf eine Stadt, die sich nicht zu schade dafür sei, „sich mit fremden Federn zu schmücken“. Mit dem KFC, mit dem Rhein und der Industrie. „Und was hat Krefeld? Das Ostwall-Glasdach“, ätzt Matz und setzt noch einen drauf: „Andersherum wüsste ich nicht, welche Vorteile Uerdingen dadurch genießt, ein Stadtteil von Krefeld zu sein.“

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