Krefeld: Colonia Dignidad - Warum Ex-Sektenarzt Hartmut Hopp unbehelligt bleibt

Krefeld : Colonia Dignidad: Warum Ex-Sektenarzt Hartmut Hopp unbehelligt bleibt

Die Ermittlungen gegen den ehemaligen Sektenarzt sind eingestellt worden. Der verantwortliche Staatsanwalt aus Krefeld nimmt Stellung. Eine Organisation, die Opfer vertritt, prüft eine Beschwerde.

Der größte Ermittlungsfall in der Geschichte der Krefelder Staatsanwaltschaft ist beendet. Ohne Anklage, mit vielen offenen Fragen. Acht Jahre lang haben die Ermittler in Krefeld geprüft, ob Hartmut Hopp sich als Krankenhausleiter der Colonia Dignidad an Verbrechen in der sektenähnlichen Gemeinschaft schuldig gemacht hat oder nicht. Am Dienstag erklärte Oberstaatsanwalt Axel Stahl, dass seine Behörde das Ermittlungsverfahren gegen den 75-Jährigen eingestellt habe. „Nach umfangreichen und langwierigen Ermittlungen [...] konnte nach Ausschöpfung aller Ermittlungsansätze ein für eine Anklageerhebung erforderlicher hinreichender Tatverdacht unter keinem rechtlichen Gesichtspunkt begründet werden“, teilte der Oberstaatsanwalt mit.

Vorwürfe gegen 75-Jährigen
sind nicht zu belegen

Ermittelt wurde gegen Hopp in drei Punkten. Dem heute in Krefeld lebenden Arzt wurde vorgeworfen, an der Tötung von drei im Mai 1976 in Chile verschwundenen oppositionellen Studenten beteiligt gewesen zu sein. Auch sollte er sich schuldig gemacht haben, Sektenführer Paul Schäfer in den Jahren zwischen 1993 und 1997 Beihilfe zum sexuellen Missbrauch von Heranwachsenden geleistet zu haben. In diesem Zusammenhang war Hopp im Januar 2013 vom Obersten Gerichtshof in Santiago de Chile zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und einem Tag verurteilt worden. Zudem soll Hopp Psychopharmaka an Bewohner der Colonia Dignidad zwangsweise verabreicht zu haben.

Die Ermittler in Krefeld hatten in den vergangenen acht Jahren Tausende Prozessunterlagen aus Chile gesichtet und überprüft. Allein für die Übersetzung der Dokumente sollen Kosten in sechsstelliger Höhe angefallen sein. Oberstaatsanwalt Axel Stahl war im vergangenen Jahr gemeinsam mit einer Delegation des Deutschen Auswärtigen Amtes in das südamerikanische Land gereist, um vor Ort mit Betroffenen und Richtern zu sprechen. „Trotz der umfangreichen Ermittlungsarbeit gibt es aus unserer Sicht keine tatsächlichen Anhaltspunkte oder sonstige Beweismittel für die Straftaten des ehemaligen Beschuldigten“, sagt Stahl.

Das Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf hatte bereits im vergangenen September entschieden, dass das chilenische Gerichtsurteil gegen Hopp in Deutschland nicht vollstreckt werden darf. Dass Hopp der Leitung der Colonia Dignidad angehörte und an der Gründung eines Internats mitwirkte, reiche nach deutschem Recht nicht, um eine Beihilfetat zu begründen, befand das OLG damals.

Hartmut Hopp zeigte sich nach Angaben seines Verteidigers Helfried Roubicek erleichtert, dass die Ermittlungen gegen ihn eingestellt wurden. „Diese rund acht Jahre des deutschen Ermittlungsverfahrens seit 2011 waren für mich nicht nur sehr schwer, sondern der größte Einschnitt in meinem Leben“, ließ Hopp mitteilen.

Das Europäische Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte (ECCHR) sprach gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) nach Bekanntwerden der Einstellung der Ermittlungen gegen Hartmut Hopp von einer „Schlussstrich-Mentalität“ der deutschen Justiz. Die Organisation, die einen Teil der Opfer der Colonia Dignidad vertritt, prüfe, ob sie Beschwerde gegen die Entscheidung der Krefelder Staatsanwaltschaft einlege. 

Jahrzehntelang ermittelten chilenische Behörden zu den Vorkommnissen auf dem Gelände der deutschen Glaubensgemeinschaft im Süden Chiles. Während der Militärdiktatur von Augusto Pinochet (1973-1990) soll die Siedlung unter Leitung des Deutschen Paul Schäfer als Folterlager des chilenischen Geheimdienstes genutzt worden sein.

Die deutsche Botschaft in Santiago de Chile soll zudem jahrelang weggeschaut haben, anstatt Foltervorwürfen von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International nachzugehen.

Das bestätigt auch Hartmut Hopp selbst. „Mindestens Ende der 1960er bis Ende der 1970er Jahre hat die deutsche Botschaft mit der Colonia Dignidad kooperiert“, hatte der Sektenarzt in seinem einzigen Zeitungsinterview nach seiner Flucht von Chile nach Deutschland im Gespräch mit dieser Zeitung bereits im Januar 2017 berichtet.

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