Glücksforschung Brauchen wir das Fach Glück im Unterricht?

Krefeld · Sylvia Paschold hat die Kunstaktion „Glück in Krefeld“ ins Leben gerufen. Sie beschäftigt sich intensiv mit Hintergründen zum Glück, wünscht sich einen „Glückskongress“ in Krefeld und ist für einen „Glücksunterricht“ an Schulen.

 Sylvia Paschold hat zahlreiche Bücher zum Glück gelesen und fordert eine größere Wertschätzung im Umgang mit dem Thema auch in der Schule und in der Wirtschaft.

Sylvia Paschold hat zahlreiche Bücher zum Glück gelesen und fordert eine größere Wertschätzung im Umgang mit dem Thema auch in der Schule und in der Wirtschaft.

Foto: Andreas Bischof

In diesem Monat, am 20. März, ist der Tag des Glücks. Wenn auch derartige Tage zu mehr oder weniger belanglosen Aspekten inflationär sind, so wird dem Thema derzeit doch tiefere Bedeutung beigemessen: An manchen Schulen gibt es bereits das Unterrichtsfach „Glück“ oder zumindest Stunden dazu, Bhutan hat einen Glücksminister und vielen Firmen auch hierzulande lassen sich das Glück beziehungsweise die Zufriedenheit der Mitarbeiter immer mehr kosten – freilich auch, um im Wettbewerb der fähigsten Köpfe die besten Karten zu haben. Dennoch, das Thema Glück ist angekommen, darf man wohl sagen.

Sylvia Paschold beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema, auch wenn sie keinen direkten wissenschaftlichen Hintergrund dafür hat. Zumindest ist sie keine Psychologin oder Soziologin, in diesen Disziplinen dürften die Forscher wohl am ehesten akademisch gesicherte Kenntnisse zum Glück liefern können.  Und dennoch sagt die Grafik-Designerin: „Das Glück ist auch ein Teil dessen, was ich studiert habe. Es geht viel darum, aus negativen Denkmustern herauszukommen.“ Und das spielt bekanntlich in jeder Disziplin eine Rolle.

Öffentlich aufmerksam geworden auf sie im Zusammenhang mit dem Thema sind die Menschen, als sie sich vor Jahren erstmals um das Glück vor der eigenen Haustür gekümmert hat – mit dem Kunstprojekt „Glück in Krefeld – Krefelder Gesichter und Geschichten“ (siehe Kasten). Und das hatte einen Grund: Eine gewisse Unzufriedenheit in dieser Stadt habe sie wahrgenommen, trotz materiellen Wohlstands. Ein allgemeines Genörgel, ein Genervtsein, ein negatives Rauschen hier und dort. Das fällt natürlich besonders einem Menschen auf, der sich schon an den „kleinen Dingen des Lebens“ laben kann. „Das habe ich schon immer gemacht“, sagt die 62-jährige und wählt als Beispiele fliegende Hummeln oder auch das Aufwachen am Morgen. „Ich bin immer dankbar dafür, dass ich einen Tag geschenkt bekomme.“

Vielen Menschen sei diese Möglichkeit nicht mehr gegeben, so zu empfinden. Sylvia Paschold wähnt sogar ein gesellschaftliches Phänomen dahinter. „Der Wert des Fühlens geht uns verloren“, sagt sie, sieht aber schon Ansatzpunkte einer Umkehr. Beispielsweise in der Schule. Hier und da gebe es schon einen „Glücksunterricht“ als Fach. Aber was soll das bringen? „Es gibt gewisse elementare Dinge wie Empathie, die können Menschen lernen, insbesondere Kinder.“ Ihnen könne beigebracht werden, wie ein glückliches Miteinander funktioniert. „Da geht es ins Fühlen hinein. Kinder können beispielsweise erfahren, wie sie sich fühlen, wenn ihnen jemand etwas Schönes sagt.“

Und Kinder könnten auch lernen, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. In Südafrika würden beispielsweis Schulkinder im Unterricht befähigt, etwas für sich zu tun. Und auch hierzulande glaubt Sylvia Paschold: „Wenn man seine Situation verändern will, kann man viel dafür tun.“ Aber das habe viel damit zu tun, welchen Blick man auf sein Leben werfe. „Wenn ich alles nur anstrengend finde, setzt sich das natürlich irgendwann in meinem Denken fest.“

Die Verbindung zu einem Menschen kann glücklich machen

Den Vorwurf, dass man aus der Wohlfühlecke leicht darüber befinden könne, wie sehr viel ärmere Menschen ihr Leben in den Griff bekommen könnten, um glücklich zu sein, lässt Sylvia Paschold nicht so stehen. „Ich war selbst fast acht Jahre alleinerziehende Mutter und habe Arbeit gesucht. Allein schon die Verbindung zu einem Menschen macht glücklich. Wir sind halt nicht in den Urlaub gefahren, sondern sind ins Schwimmbad gegangen.“

Als Tipp, wie Menschen ihr negatives Empfinden „umswitchen“ könnten, empfiehlt die Krefelderin unter anderem ein Achtsamkeitstraining, um die jetzige Situation „neutral“ beobachten zu können. Auch Dankbarkeitsübungen könnten zu dem Programm gehören: Innerhalb von fünf Minuten wird nach einem Tagesverlauf rekonstruiert, was man Positives erlebt hat. „Die Sammlung von negativen Erfahrungen reduziert sich so.“

Firmen rät Sylvia Paschold, die Zufriedenheit der Mitarbeiter sehr ernst zu nehmen und die Unternehmenskultur zu überarbeiten. Denn glückliche Menschen seien produktiver und kreativer. Oder anders herum: Jährlich gingen der Wirtschaft Milliarden Euro verloren, weil viele Mitarbeiter unglücklich seien – allein schon, wenn man die Fehlzeiten veranschlage. Und die Krefelderin, die auch Workshops und Happiness-Trainings anbietet, rät der Wirtschaft, über die Einführung des „Bruttonationalglücks“ nachzudenken. In Zeiten fortschreitender Umweltbelastung, sei es nicht richtig, nur harte Wirtschaftsfakten in Bilanzen einfließen zu lassen.

Derartige Themen könne man in einem „Krefelder Glückskongress“ erörtern. Doch mit diesem Anliegen hatte sie bislang bei den Entscheidungsträgern noch kein Glück.

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