Krefeld: Bockelberg Verlag zeigt Geschichte auf Postkarten

Historie : Alte Postkarten zeigen Krefelder Stadtgeschichte

Der Fotograf Werner Bokelberg hat 50 Jahre lang Postkarten gesammelt und nun herausgebracht. Sie zeigen die Seidenstadt, wie sie vor 100 Jahren aussah.

Die besondere Schönheit der Samt- und Seidenstadt, die entdeckt man wohl nur auf alten Schwarz-Weiß-Fotografien. Und wie adrett erscheinen darauf all die anderen Straßen und Plätze: Die Friedrichstraße mit der Markthalle, die Blumenstraße und die Rheinstraße. Selbst der Hafen wirkt, als hätte man ihn vom Schmutz befreit und blank geputzt. Der Hamburger Fotograf und Sammler Werner Bokelberg hat eine Reihe historischer Postkarten zusammengetragen. Fast 50 Jahre lang ist Bokelberg durch die Welt gereist und hat Menschen fotografiert, schreibt Isabelle Hofmann in der Beilage zur „Städtebox“, die im Folgenden in Auszügen dokumentiert ist.

Dabei seien Bokelberg immer wieder atmosphärisch dichte Stadtansichten in die Hände gefallen, die ihn faszinierten und die er mit der Zeit systematisch gesammelt hat. Hamburg, Berlin und viele weitere Städte sind mittlerweile in solchen Postkartensammlungen zusammengestellt. Seine neueste Sammlung trägt den Namen „Krefeld vor 100 Jahren“ – die schönsten Ansichten der Stadt. Sie gibt Einblick in eine Zeit, da sich Krefeld noch mit C schrieb (bis zur Bildung des Stadtkreises Krefeld-Uerdingen 1929) und die Seidenbarone hier den Ton angaben.

Angesichts dieser Bilder kommen einem die Worte des Schriftstellers und Verlegers Joachim Heinrich Campe in den Sinn. Er schrieb 1789 seiner Tochter: „Ich nenne dir, indem ich Crefeld hinschreibe, den Namen der niedlichsten, saubersten, freundlichsten und blühendsten Manufakturstadt, die ich je gesehen habe. Das schöne, längs den Häusern ausgelegte Straßenpflaster ist so rein, als wenn es täglich gewaschen würde, und so eben, als wenn die Steine abgeschliffen wären… Überall Wohlstand und bürgerliche Glückseligkeit.“

Glaubensflüchtlinge bringen das Seidengewerbe in die Stadt

Wer hat das Krefeld Anfang der 80er Jahre noch in guter Erinnerung? Nicht nur als Ort aus „Samt und Seide“, sondern als Zentrum des zivilen Ungehorsams. In der Stadt am Niederrhein hatte sich damals die linke Szene um ihre grünen Gallionsfiguren Petra Kelly, Gert Bastian und Otto Schily versammelt, um die Bürger gegen die Stationierung amerikanischer Pershing-Raketen zu mobilisieren. Rund fünf Millionen Menschen unterstützten den „Krefelder Appell“. Am 22. November 1983 sprach sich der Deutsche Bundestag mehrheitlich für die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen aus. Die Friedensbewegung war gescheitert und Krefeld um einen Teil Stadtgeschichte reicher.

Warum auch immer Krefeld in den Mittelpunkt des Protestes geriet – es passt zu dieser Stadt, die über Jahrhunderte als Hort des Friedens und der Liberalität galt. Grund war die Neutralität, auf die sich Spanier und Niederländer im Zuge des Religionskrieges verständigt hatten. Ab 1607 war für die „Herrlichkeit Krefeld“, eine zur Grafschaft Moers gehörige Enklave innerhalb kurkölnischen Gebietes, die Frage der Konfession nebensächlich und sorgte für eine wirtschaftliche Blütezeit. Von allen Seiten strömten evangelische Glaubensflüchtlinge, die Mennoniten, in die Stadt und brachten ein Handwerk mit, das fortan zum Markenzeichen dieser Stadt wurde – das Seidengewerbe.

In Sachen Seide waren die „von der Leyen“ die ersten „Global Player“ und belieferten den gesamten europäischen Adel im 18. und 19. Jahrhundert. 1768 webte bereits die Hälfte aller Einwohner (rund 4000 Bürger) für diese Familie, die zur mächtigsten und reichsten der sogenannten „Seidenbarone“ aufstieg. Preußenkönig Friedrich II. ließ bei ihnen nicht nur seine Strümpfe stopfen, er erbat auch Kredit für seine Kriege (Krefeld war mittlerweile preußisch geworden) und revanchierte sich mit Privilegien: Zollfreiheit für die Einfuhr von Rohseide. Monopolrechte für die Seidenproduktion. Und die Ausnahme der Krefelder vom Armeedienst: „Crefeld und die dasigen Manufacturen sehe ich als ein Kleinod an, welchem die Werber wegbleiben müssen“, befahl Friedrich 1781. Deshalb auch der Spruch: „Es gibt Gute, Böse und Krefelder.“

Krefeld um 1900: Die reichste Stadt des Deutschen Reiches

Da die Krefelder zeitweise nicht in den Krieg ziehen mussten, florierte das Seidengewerbe umso mehr. Bald galt Krefeld als zweitreichste Stadt Preußens, daran konnte weder die schwankende Konjunktur während der Franzosenzeit, noch die um 1880 einsetzende Industrialisierung etwas ändern. Um 1900 galt Krefeld als reichste Stadt im Deutschen Reich. Dem gegenwärtigen Stadtbild ist dieser enorme Wohlstand kaum noch anzusehen, zu viele Gebäude wurden während des Zweiten Weltkrieges zerstört.

Heute zeugen vereinzelt Gebäude, Parks und Plätze sowie die großen, rechteckig angelegten Boulevards von der einst so hochherrschaftlichen Stadt. Allen voran das 1764 von Martin Ledel, im Stil des rheinischen Klassizismus, errichtete „Stadtschloss“ der von der Leyen, das seit 1860 als Rathaus genutzt wird. Die imposante Burg Linn, die heute ein Museum birgt, und das spätbarocke Stadtpalais „Haus Floh“, das vornehmste der Krefelder Patrizierhäuser. Auch einige der typischen Seidenweberhäuser sind noch erhalten.

Aufbruchstimmung spiegelt sich in Postkarten wider

Schon damals vollzog sich der Strukturwandel in Richtung Stahlindustrie: August Thyssen gründete 1900 die Krefelder Stahlwerk AG, die im Laufe der Jahre weitere Schwerindustrie in die ständig wachsende Stadt zog. Die Anbindung an den Rhein begünstigte die Ansiedlung neuer Industrie. Diese Aufbruchstimmung, im Zuge des wirtschaftlichen Wandels, scheint sich auch in den Ansichtskarten vom alten Stadtbild zu spiegeln: Wie elegant zeigt sich auf den Aufnahmen doch die Hochstraße – heute noch die Haupteinkaufsstraße von Krefeld, doch damals eine mit Pariser Flair. Was hatten die Geschäfte auf dieser Straße für prächtige Fassaden! Überall waren klassizistische Erker, Giebel und reicher Figurenschmuck zu sehen. Wie idyllisch und vornehm präsentierte sich ebenso der Ostwall – heute eine der größten Verkehrsadern, um 1900 jedoch eine wahrhafte grüne Prachtallee, mit einem breiten Mittelstreifen aus gepflegten Parkanlagen. Red