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Krefeld: Blick hinter die Kulissen mit VHS-Leiterin Dr. Inge Röhnelt

Jubiläum : VHS soll ein Ort des Bürgerdialogs sein

Interview Die Volkshochschule wird 100 Jahre alt. Mit Leiterin Inge Röhnelt haben wir über Vergangenheit und Zukunft gesprochen.

Frischer Putz, neue Farbe: Die Volkshochschule am Von-der-Leyen-Platz putzt sich heraus. „Alles fürs Jubiläum“, sagt VHS-Direktorin Inge Röhnelt und deutet auf das Gerüst am Gebäude. Vor 100 Jahren ist die Volkshochschule in Deutschland gegründet worden, was in Krefeld an zwei September-Wochenenden gefeiert wird. „Passend dazu bekommen wir sogar einen neuen Schriftzug auf die Fassade. Damit sich neue Besucher nicht länger darüber beklagen, dass wir nicht zu finden seien“, sagt Röhnelt und lächelt. Mit ihr haben wir über das Jubiläum gesprochen.

Die Volkshochschule ist ja gewissermaßen eine Seniorin. Ist sie aus Ihrer Sicht trotzdem jung geblieben?

Inge Röhnelt: Das will ich hoffen. Eine Volkshochschule, die etwas auf sich hält, geht mit den gesellschaftlichen Entwicklungen. Und bleibt sich dabei trotzdem treu. Als ich 1987 in Ratingen bei der VHS anfing, haben wir Veranstaltungsankündigungen noch mit Filzstift auf ein Blatt Papier geschrieben und das dann ausgehängt. Das reichte damals. Heute müssen wir uns in einer umfangreichen Bildungslandschaft behaupten. Unser Qualitätsmanagement reicht deshalb von der Lehre über die Dozenten bis zu den fünf interaktiven Active Panels, die die alten Tafeln abgelöst haben.

Das hat es in dieser Form früher also nicht gegeben?

Röhnelt: Genau. Ein professionelles Marketing, Kundenservice und auch ein Beschwerdemanagement sind heute auch für die VHS unverzichtbar, um für unsere Kunden attraktiv zu sein.

Das Kursangebot hat sich ebenfalls geändert?

Röhnelt: Die Schwerpunkte liegen auf Kultur, Gesundheit, Gesellschaft, Sprachen. Das war schon vor 100 Jahren so. Während früher aber Sprachen im Frontalunterricht aus dem Grammatikbuch vermittelt wurden, gibt es heute Kleingruppen, Native Speaker, spanische Abende mit Tapas oder ein französisches Frühstück mit Lesung. Das ist eine Weiterentwicklung, die sehr gut angenommen wird.

Wer kommt zu Ihnen? Mehr als nur das klassische Bildungsbürgertum?

Röhnelt: Oh ja. Das fängt bei Angeboten für Abiturienten an, die zum Beispiel ihren Lernstoff vertiefen. Das wird sehr gut in Anspruch genommen. Es gibt aber auch Orientierungshilfen für den Beruf. Dann ist da die Generation Ü50, die Bildungsangebote wie Literaturkurse oder Sprachen nutzt. Und im gesellschaftlichen Spektrum sind wir in Krefeld der größte Anbieter von Integrationskursen. Bis zu 1300 Teilnehmer lernen bei uns Deutsch.

Wie entscheiden Sie, was auf die Angebotsliste kommt?

Röhnelt: Das ist je nach Fachgebiet unterschiedlich. 80 Prozent der Fremdsprachen-Kurse werden fortgeschrieben. Im Bereich Gesellschaft und Politik gibt es dagegen ständig neue Themen. Doch wir haben im VHS-Team sehr gut ausgebildete, erfahrene Programmplanerinnen, allesamt mit Master-Abschluss. Im Team stimmen wir uns über die Themen ab. Zur Orientierung werden zum Beispiel Fachmessen besucht.

Gibt es schon mal Kursangebote, die sich als Flop erweisen?

Röhnelt: Es gibt klare Regeln: Wenn ein Kurs zweimal nicht angenommen wird, also weniger als zehn Interessenten gefunden hat, dann wird er nicht mehr angeboten. Schließlich arbeiten wir hier mit Steuergeldern. Allerdings muss man auch schon mal etwas ausprobieren dürfen. So haben wir den Besuch eines Smart Homes in Düsseldorf im Programm. Ich finde die Frage ungemein spannend, wie ein digitales Heim der Zukunft funktioniert, doch derzeit wird das Angebot schlecht gebucht. Das kann sich aber ändern. Vielleicht legen wir das Angebot in zwei Jahren nochmal auf. Diese Möglichkeit haben wir.

Wie viele Krefelder nutzen Ihre Angebote im Jahr?

Röhnelt: 2018 hatten wir 1800 Veranstaltungen, davon 1650 Kurse. Wir haben mit 500 Dozenten 53 000 Stunden gegeben, die 27 895 Buchungen durch Teilnehmer hatten.

Viele Besucher gewinnen Sie durch Veranstaltungen, die sich mit aktuellen gesellschaftlichen Themen in Krefeld beschäftigen. Sei es nun Fridays For Future, die Zukunft des Theaterplatzes oder auch Ideen fürs alte Stadtbad. Stimmt der Eindruck, dass dies im Vergleich zu vielen anderen Volkshochschulen in der Region eine Krefelder Besonderheit ist?

Röhnelt: Ja, diesen Bereich verantworte ich selbst. Das ist mir ein Anliegen. Ich finde es wichtig, dass die VHS ein Ort ist, in dem Themen der Stadt diskutiert werden, ein Ort des Bürgerdialogs, an dem auch Pläne präsentiert werden können. Den anonymen Echokammern auf Facebook und Twitter müssen wir unbedingt analoge Diskussionsräume entgegensetzen, müssen zeigen, wie man sich mit kontroversen Thesen auseinandersetzen kann. Der Dialog ist in der Demokratie ungemein wichtig. Das dürfen wir uns nicht aus der Hand nehmen lassen. Es wäre schön, wenn möglichst viele Leute sagen würden: „Ich brauche keine Follower und weniger Likes, aber mehr Durchblick, deshalb gehe ich mal zur VHS und hole mir dort meine Anregungen.

Wird es die Volkshochschule in 100 Jahren auch noch geben?

Röhnelt: Ja – aber was soll ich auch anderes sagen (lacht). 100 Jahre kann ich nicht in die Zukunft schauen. Aber wir haben hier ein junges, engagiertes Team, das uns weiter ins 21. Jahrhundert trägt.

Und mit dem Sie das Jubiläum kräftig feiern wollen...

Röhnelt: Am Freitag, 13. September, gibt es ab 19 Uhr bei uns eine richtige Party, bei der die Leute viel Spaß haben sollen. Für einen Eintrittspreis von nur acht Euro bieten wir ein super Programm. Musik und Kabarett kommen von Peter Fischer, der in diesem Jahr den Nachwuchspreis um die Krefelder Krähe gewonnen hat. Live auf der Bühne ist die Band Mondo Mashup Soundsystem zu erleben. Es gibt Tanzauftritte durch den Rock’n‘Roll Verein Number One sowie große kulinarische Unterstützung durch das Bistro Colonade, das Sylter Eiscafé und die Cocktail Ambulanz. Wir erwarten bis zu 400 Besucher. Karten gibt es bei uns im Vorverkauf und an der Abendkasse.

Und wie geht das Jubiläum dann weiter?

Röhnelt: Am 22. September folgt ein Festakt mit geladenen Gästen. Mit ihm wird auch eine multimediale Ausstellung zu unserem 100-jährigen Bestehen eröffnet. Sie kann dann vom 23. September bis zum 18. Oktober besucht werden. Es geht um die Entwicklung der Bildungsgeschichte der VHS von 1919 bis in die Gegenwart. Doch auch viele Teilnehmer, Dozenten und Bufdis kommen mit ganz persönlichen Statements über die VHS zu Wort. Was auch ein Signal sein soll, dass die Menschen bei uns lernen können, sich aber auch wohlfühlen sollen. Denn wir wollen Herz und Verstand ansprechen.