Beschwerden von Anwohnern „Szene“ vom Theaterplatz ist jetzt überall in der Krefelder Innenstadt

Krefeld · Vom Theaterplatz sind die Drogen- und Alkoholabhängigen erfolgreich vertrieben worden, seit das Verbot von Versammlungen in Kraft getreten ist. Doch das Problem wurde damit nur verdrängt.

 Die Trinker- und  Drogenszene hat sich vom Theaterplatz an den Ostwall im Bereich des ehemaligen Hamburg-Mannheimer-Hauses verlagert.

Die Trinker- und  Drogenszene hat sich vom Theaterplatz an den Ostwall im Bereich des ehemaligen Hamburg-Mannheimer-Hauses verlagert.

Foto: Andreas Bischof

Dr. Zendka Reischel ist verzweifelt: „Meine Patienten haben Angst, in die Praxis zu kommen“, berichtet die Zahnärztin. Besagte Praxis ist im 1. Stock des ehemaligen Hamburg-Mannheimer-Hauses am Ostwall 171. Genau dort hat sich die „Szene“ vom Theaterplatz seit Beginn der Corona-Schutzmaßnahmen breit gemacht.

Vom Theaterplatz sind die Drogen- und Alkoholabhängigen erfolgreich vertrieben worden, seit das Verbot von Versammlungen in Kraft getreten ist (siehe Kasten). Doch das Problem wurde damit nur verdrängt. „Es gibt weiterhin eine Uneinsichtigkeit. Sie weichen ins Umfeld aus. Beispielsweise an den Ostwall.“ Das erklärte Ordnungsdezernent Ulrich Cyprian bereits Ende März.

Daran hat sich vier Wochen später nichts geändert. Im Gegenteil: Es ist schlimmer geworden. Die Zahnärztin berichtet von haarsträubenden Zuständen. Unterhalb der Fenster ihrer Praxis zum Hof wird uriniert. Der Gestank steige bis in die Praxisräume hoch. Auch der Zugang zur Tiefgarage werde als Toilette genutzt. Drogen würden offen auf dem Hof verkauft. Im Eingangsbereich richteten sich Menschen mit ihren Habseligkeiten häuslich ein und übernachteten dort auch.

„Das ist ein Versagen der Stadt“, beklagt sich die Zahnärztin. Mehrfach habe sie den Kommunalen Ordnungsdienst (KOD) gerufen, der dann auch raus komme. Doch fünf Minuten, nachdem die Kräfte wieder verschwunden seien, sei alles wieder wie vorher. Derweil stünden zwei Fahrzeuge des KOD auf dem Theaterplatz herum.

Die Ärztin ist nicht die einzige, die sich beklagt. „Täglich schlendern Mitarbeiter des KOD über den menschenleeren Theaterplatz. Währenddessen stehen zehn bis zwölf Personen der Junkie-Szene vor dem Hamburg-Mannheimer-Haus, am Kiosk gegenüber dem Theaterplatz und in Sträßchen hinter dem Hamburg-Mannheimer-Haus“, berichtet WZ-Leser Günter Engels. Durch die Vertreibung der Szene werde nun öffentlich verkauft und konsumiert. „Traut sich der KOD dort nicht hin?“, fragt Engels.

Jürgen Wagner, FDP-Vorsitzender im Bezirk Krefeld-Mitte, berichtet von schlimmen Zuständen an der Bushaltestelle vor dem Gebäude. „Man kann sich nicht mehr setzen, alles ist verdreckt.“ Er habe den Oberbürgermeister über den KOD mehrfach gebeten, tätig zu werden – ohne Erfolg.

Klagen gibt es aber auch von anderen Stellen in der Innenstadt. So etwa vom südlichen Westwall. 25 Anwohner haben sich dort einer Unterschriftenliste gegen die Zustände auf den Bänken vor ihrer Haustür angeschlossen. Da ist von bierseligen Debatten bis in die Nacht, hemmungslosem Urinieren an Bäume und in die Hauseingänge sowie Pöbeleien und Randale die Rede. „Auch in Zeiten von coronabedingten Kontaktverboten und Augangsbeschränkungen, in denen den Kindern zugemutet wird, den Spielplätzen fern zu bleiben, sorgt eine vielköpfige Stammbelegschaft lautstark dafür, dass das Bier tütenweise vom nahegelegenen Kiosk geholt, zuprostend konsumiert und breitbeinig den Bäumen zugeführt wird.“ Die Anwohner seien mit diesen Zuständen überfordert. Und ob die Stadtplanung bei der Umgestaltung des Westwall-Abschnittes dieses Bild vor Augen hatte, sei fraglich. „ Jedoch die Stadt sieht weg. Es sind die Anwohner, denen nichts anderes übrig bleibt, als hinzusehen“, heißt es in dem aufgesetzten Schreiben.

Nach Auskunft von Stadtsprecher Manuel Kölker sei die Beschwerdestelle „Südlicher Westwall/Südwall“ bekannt. Die Stadt schaue nicht weg. „Neben weiterer personeller Unterstützung für den KOD mit damit einhergehender Verstärkung der Präsenz kam es zu mehreren Einsätzen vor Ort.“

Fernab akuter Beschwerden kontrolliere der KOD den Bereich täglich. „Bislang kam es dort seit dem 23. März zu 72 Ansprachen wegen Verstoßes gegen das Kontaktverbot.“ Da den Anweisungen direkt Folge geleistet worden sei und es sich jedes Mal um verschiedene Personen handelte, seien keine Bußgeldverfahren eingeleitet worden.

Nach Auskunft von Walter Fasbender, CDU-Sprecher im Ausschuss für Verwaltung, Vergabe, Ordnung und Sicherheit, habe auch seine Fraktion Hinweise aus der Bevölkerung erhalten, wonach sich die Drogen- und Trinkerszene neue Orte in der Innenstadt suche. „Wir sind überzeugt, dass mit der Aufstockung des Personals des Kommunalen Ordnungsdienstes und der Erweiterung sowie Erhöhung des Bußgeldkatalogs der Stadt Mittel zur Verfügung stehen, um eine ausreichende Ordnung herzustellen.“ Eine Mehrheit dürfe nicht unter einer extremen Minderheit leiden. „Auch erwarten wir mehr Durchsetzungskraft vom Oberbürgermeister über sein bisheriges Konzept ,Handeln und Helfen’ hinaus.“ Die CDU habe dazu Konzepte vorgelegt.