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Krefeld: Bärbel Schnell ist Vorsitzende des Bürgervereins Kronprinzenviertel

Bärbel Schnell : „Auf langfristige Vereinsarbeit haben die wenigsten Lust“

Bärbel Schnell ist Vorsitzende des Bürgervereins Kronprinzenviertel, ein Quartier mit Herausforderungen. Und jetzt möchte der sich auflösende Verein Schinkenplatz auch noch etwas „vererben“.

Nach fast 100 Jahren Existenz löst sich der Bürgerverein Schinkenplatz auf – mangels Mitgliedern. Das langjährige Vorstandsmitglied Cornelius Schmidt, Pfarrer der Altkatholischen Gemeinde, sagte unserer Redaktion, dass die Menschen im Quartier aber „nicht ohne Vertretung“ seien und meinte damit den Bürgerverein Kronprinzenviertel. „Ich nehme die Herausforderung an“, sagt dessen Vorsitzende Bärbel Schnell lachend und erzählt im Interview von den Herausforderungen vor Ort.

Dem Bürgerverein Schinkenplatz sind die Mitglieder durch Wegzug verlorengegangen beziehungsweise buchstäblich weggestorben. Haben Sie mehr Glück in Ihrem Verein?

Bärbel Schnell: Was der Bürgerverein Schinkenplatz erlebt hat, ist ein grundsätzliches Problem. Es ist zwar nicht schwer, Menschen für konkrete Projekte zu finden, aber auf langfristige Vereinsarbeit haben die wenigsten Lust. So sind wir ein sehr kleiner Verein, der aber auf ein gutes Netzwerk von Nicht-Mitgliedern zurückgreifen kann.

Ist das für Sie frustrierend?

Schnell: Das Engagement von Anwohnern und anderen Bürgern ist ja trotzdem da. Und es gibt Erlebnisse, die ich nie wieder vergessen werde. Zum Beispiel bei unserem Spendenaufruf, weil die Spielplatzpumpe am Albrechtplatz immer wieder nur notdürftig geflickt wurde. Die Stadt sagte uns, was eine neue kosten würde und wir haben gesammelt. Und da haben so viele Nachbarn zusammengelegt. Auch eine ältere Dame mit kleiner Rente, die sagte, sie würde gerne mehr überweisen, aber es ginge leider nicht, und 20 Euro spendete. Über diese 20 Euro habe ich mich fast am meisten gefreut.

Der Schinkenplatz zwischen Alter Linner und Dreikönigenstraße und damit im Kronprinzenviertel soll für 720 000 Euro im Rahmen des Stadtumbaus West saniert werden. Das ist doch eine gute Nachricht, oder?

Schnell: Das Konzept ist wirklich schön. Der Platz soll neu gepflastert werden. Weil die Bäume nicht genug Wasser bekommen, sollen die Baumscheiben größer werden, zu einer Fläche zusammengefasst werden. Es soll Fahrradanlehner geben, Spielgeräte für Kinder und Bänke. Aber ich habe schon gestutzt, als ich das gehört habe, und mich gefragt, warum ausgerechnet der Schinkenplatz. Der ist doch gar nicht so frequentiert und ein bisschen ist es wie ein Treppenwitz der Geschichte. Denn Bänke gab es da schon mal, bis die Anwohner darum baten, diese zu entfernen, weil sie Obdachlose angezogen haben. Jetzt soll es Bänke geben, auf die sich niemand legen kann.

Wenn Sie sagen, der Schinkenplatz sei nicht so frequentiert, heißt das, Sie sehen andere und wichtigere Stellen, an denen Ihrer Meinung nach investiert werden sollte?

Schnell: Ja, es gibt Stellen, an denen es nötiger wäre. Der Bürgerverein Schinkenplatz hat sich am Thema Philadelphiastraße abgearbeitet. Für die Anwohner ist es laut, die Straße ist hässlich. Seit fast 40 Jahren verspricht die Stadt, etwas zu tun. Es gibt ein Konzept. 2018 sollte der Baubeginn sein. Und eigentlich sind die Pläne schon wieder überholt – mit Blick aufs Mobilitätskonzept. Fakt ist, die Menschen leben immer noch auf einer baumlosen Straße mit starkem Verkehr. Und außerdem sehe ich große Not auf dem Albrechtplatz.

Können Sie uns Ihre Sicht dieser Not beschreiben?

Schnell: Auf dem Albrechtplatz mit seinem Spielplatz treffen sich an Sommertagen teilweise bis zu 200 Menschen. Menschen, die den Platz zu ihrem Wohnzimmer machen, unter ihnen viele Geflüchtete. Wir bemühen uns, den Platz sauber zu halten und zum Beispiel die Überreste abendlicher Treffen von Jugendlichen zu beseitigen, die auch nicht wissen, wo sie sonst hin sollen. Hierhin kommen Kinder aus der Umgebung, die nachmittags nicht nach Hause dürfen, weil ihre Eltern das nicht wollen, die bei jeder Jahreszeit mit denselben zerschlissenen Schuhen ohne Socken unterwegs sind. Das tut mir in der Seele weh.

Welche Ideen haben Sie denn?

Schnell: Aus Sicht der Spielplatzpaten ist das schon sehr trostlos. Im Rahmen einer Sanierung sind vor einigen Jahren drei neue Spielgeräte aufgestellt worden. Die anderen sind wirklich alt, ab und zu kommt jemand von der Stadt mit ein paar Brettern, um etwas zu reparieren. Die Mitarbeiter des Kommunalbetriebs bemühen sich sehr um den Platz, müssen aber in einem engen Regelwerk agieren. Und wir selbst sind auf private Spenden angewiesen. Gerade freuen wir uns auf jeden Fall darüber, dass die Verwaltung uns zugesichert hat, dass der Sand im März ausgetauscht wird. Ansonsten möchten wir immer noch sehr gerne einen Treffpunkt für Kinder und Jugendliche anbieten. Das ist unser flehentliches Anliegen, etwas zu haben, wo sie hinkönnen, wenn das Wetter schlecht ist.

Diesen Wunsch haben Sie schon seit Jahren. Wieso kommen Sie da nicht weiter?

Schnell: Es ist leider so, dass alles, was wir uns ansehen, entweder Immobilien sind, deren Substanz nicht geeignet ist, oder wir bekommen Angebote, die nicht ernst gemeint sind. Inhaber wollen gar nicht vermieten und sie lieber fürs Finanzamt als Abschreibungsobjekt leer stehen lassen. Gerade erst hatten wir etwas gefunden, dann wurden die Räume aber doch in Wohnungen umgewandelt. Wir sind damit unverändert in der Situation, dass wir etwas suchen, um wenigstens einmal in der Woche, möglichst in der Nähe des Albrechtplatzes, einen Treffpunkt anzubieten.