Krefeld: Anika Schumachers übernimmt Pfandhaus am Ostwall

Besitzerwechsel im Familienunternehmen : Nächste Generation im Pfandhaus Schumachers

Schon im Laufstall nahm ihre Mutter sie mit zur Arbeit in das elterliche Pfandhaus. Jetzt hat Anika Schumachers (37) von ihrem Vater Klaus übernommen.

„Ich wollte nie etwas anderes machen“, sagt Anika Schumachers. Für sie war immer klar, dass sie das Krefelder Pfandhaus, gegründet von ihrem Urgroßvater Hermann, irgendwann von ihrem Vater Klaus übernehmen würde. „Ich habe das alles mit der Muttermilch aufgesogen“, sagt die 37-Jährige, die nun seit kurzem Eigentümerin und Geschäftsführerin in der Niederlassung am Ostwall 140 ist.

Schon im Laufstallalter war sie mit im Laden. „Ich war so gerne unten“, sagt sie über den früheren Standort des Pfandhauses an der Luisenstraße. Mit 14 Jahren fing sie an, sich dort Taschengeld dazuzuverdienen. „Auf der einen Seite wirkt es bequem, in den elterlichen Betrieb zu gehen“, sagt die Krefelderin, „aber der Grund ist, dass es total interessant ist, dass es nicht nur ein Bürojob ist.“

Die 37-Jährige schaut über ihren Schreibtisch durch die riesigen Fenster in der ersten Etage hinunter auf die Ostwall-Haltestelle. Ihr Blick bleibt an zwei Gegenständen auf der Fensterbank hängen. „Kein Tag ist wie der andere. Man weiß nie, was kommt. Zum Beispiel solche kuriosen Objekte.“ Sie schmunzelt etwas über die riesige Krone aus Silber, die aus einem Krefelder Haus stammt. Wer sich das gute Stück aus welchem Grund anfertigen ließ, ist leider nicht überliefert. Historisch ist es jedenfalls nicht.

Gleich daneben liegt eine dicke Silberkette mit eingefassten Pfoten, Wildschweinzähnen und Mini-Totenköpfen von Tieren, bei denen sich sogar in einem Fall die Kiefer bewegen lassen. „Vermutlich stammt es aus dem süddeutschen Raum“, schätzen Anika Schumachers und ihr Mann Sven, gelernter Bürokaufmann und heute Prokurist im Familienunternehmen.

Wertvolle Gegenstände gehören zum Alltag im Pfandhaus

Solche Ankäufe sind auch für die beiden immer noch etwas Besonderes, auch wenn gerade die ausgefallenen Dinge meist nicht mehr wert sind als das Material, aus dem sie gefertigt wurden. Nicht sonderlich aufregend sind für die beiden durch ihren Job hingegen die meisten Schmuckstücke, die bei ihnen beliehen oder verkauft werden. „Selbstverständlich gibt es Teile, bei denen man denkt, wow, wenn das hier bleibt, wäre das toll“, erläutert Anika Schumachers. „Im Großen und Ganzen ist es für uns und unsere Mitarbeiter aber Normalität, mit Werten von mehreren tausend Euro umzugehen.“ Nur bei seltenen, extrem großen Edelsteinen gingen Objekte durch alle Hände im Haus, weil sie so etwas Besonderes seien. Oder bei besonderen Uhren. „Die erreichen langsam einen sechsstelligen Verkaufswert“, berichtet Sven Schumachers. Uhren im Wert von 20 000 bis 40 000 Euro werden von Kunden gebracht, die im Wesentlichen aus einem Gebiet bis zur niederländischen Grenze stammen.

„Die Menschen, die zu uns kommen, weil am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig ist, kommen aus allen Schichten“, sagt Anika Schumachers. Ob Hartz IV-Empfänger oder Handwerker, der wegen ausstehender Rechnungen, die seine Kunden nicht zahlen, seine Mitarbeiter sonst nicht bezahlen kann. Manche Menschen kommen seit Jahren immer wieder mit dem gleichen Stück zu den Schumachers.

Neben Schmuck beleihen sie auch aktuelle Technik. In einem Raum stapeln sich in den Regalen Laptops, Tablets, teure Smartphones und die neuesten Spielekonsolen. In einer Ecke steht ein riesiger Flachbild-Fernseher, aber auch ein Thermomix. Neben Werkzeugen von der Stichsäge über die Bohrmaschine bis zum Akkuschrauber sind auch einige Gitarren von Musikern abgegeben worden.

90 Prozent der Dinge, die hier landen, werden wieder eingelöst. Was nicht mehr abgeholt wird, können die Pfandhäuser veräußern. Dafür gibt es gesetzlich vorgeschriebene Fristen. Theoretisch geht es ab dem ersten Tag des fünften Monats. „Wir lassen die Sachen aber sechs bis acht Monate bei uns liegen“, sagt Anika Schumachers. Zunächst müssen die Objekte über eine Versteigerung angeboten werden – erst wenn sie dann nicht weggehen, können sie verkauft werden. Vom Ergebnis bei der Versteigerung oder dem Verkauf erhalten die Pfandhäuser die Kosten und Gebühren; den sogenannten Mehrerlös erhält der ehemalige Besitzer.

Ob sich die Kunden Omas Ehering, die eigene Uhr oder was auch immer später zurückholen oder die Dinge versteigert werden. „Es macht klar, dass wir gar kein Interesse haben können, die Wertgegenstände der Menschen günstig zu beleihen. Wir wollen faire Preise zahlen. Warum sollte ich zum Beispiel jemandem für eine Rolex, die mehrere tausend Euro wert ist, nur tausend geben. Dann ärgere ich mich doch, wenn später Gebühren und Zinsen deswegen niedrig sind“, geht Anika Schumachers auf einen Irrglauben über Pfandhäuser ein. Etwas sei eine Summe X wert, und deswegen würde auch ein Pfandhaus nicht mehr dafür geben als ein anderes.

Untereinander in Kontakt stehen die verschiedenen Pfandhäuser, wenn es kriminell wird. „Wir tauschen uns aus, wenn zum Beispiel jemand mit einer falschen Rolex unterwegs ist“, sagt Sven Schumachers. „Rege“ nennen er und seine Frau auch den Austausch mit der Kriminalpolizei, wenn auch „nicht täglich“. Immer wieder passiere es mal, dass etwas beliehen würde und man sein Geld verliere. Anika Schumachers: „Die unechten Sachen werden einfach immer besser.“

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