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Kerstin Jensen: „Ich setze auf Sieg, nicht auf Platz“

Interview : „Ich setze auf Sieg, nicht auf Platz“

Kerstin Jensen, Oberbürgermeister-Kandidatin der CDU, über Sporthallen, neue Gewerbegebiete und Wohnen im Altbau.

Frau Jensen, wenn Sie zur Oberbürgermeisterin der Stadt Krefeld gewählt werden, was sehen Sie als ihre vordringlichsten Aufgaben an?

Kerstin Jensen: Das fängt bei den Straßen an, bei Radwegen, bei der Innenstadt. Die Verwaltung ist Corona-bedingt noch immer nicht überall geöffnet, das möchte ich ändern. Es gibt viel zu tun.

Die finanziellen Spielräume dürften angesichts der Corona-Pandemie in den kommenden Jahren kleiner werden: Wo setzen Sie Prioritäten?

Jensen: Die Corona-Zeit wird uns noch länger erhalten bleiben. Zum Jahreswechsel brauchen wir einen Kassensturz. Und dann muss man Prioritäten setzen. Die Schulen müssen besser ausgestattet werden, die Digitalisierung ist voranzutreiben. Wir brauchen für den Bürger und für das Schulschwimmen eine Regelung zum Bockumer Schwimmbad und eine Regelung für die Eishallen. Sportanlagen, Schulen und Kitas haben Vorrang, die müssen gut ausgestattet werden.
Bei Kitas haben wir ohnehin einen Nachholbedarf. Dieses Thema hat mich auch dazu bewogen, in die Politik zu gehen. Jetzt werde ich selbst aktiv, war meine Devise. Was zu diesem Zeitpunkt nicht unbedingt sein müsste, wäre ein neues technisches Rathaus. Auch über die Promenade muss man noch einmal nachdenken. Die ist im Prinzip, so wie sie jetzt konzipiert ist, eine 800 Meter lange Sackgasse. Da würde ich nicht vorrangig an der Umsetzung weiterarbeiten, sondern nach einer günstigeren Lösung suchen, zumal es sehr offen ist, wann eigentlich die Unklarheiten zu den Grundstücken geklärt sind. Auch mit der Bahn gibt es noch kein Verhandlungsergebnis über Grundstücke. Und dann haben wir noch nicht über die 24 Millionen Euro geredet, die allein Abschnitt 5 bis 7 kosten.

Technisches Rathaus oder eine Veranstaltungshalle: Was gehört für Sie auf den Theaterplatz statt des Seidenweberhauses?

Jensen: Ich glaube, eine Veranstaltungshalle muss nicht unbedingt in der Innenstadt sein. Die Leute, die da hingehen, die kommen wegen der Veranstaltungen. Es gibt derzeit den Beschluss zu einem technischen Rathaus. Ich meine aber auch, dass wir das Seidenweberhaus nicht abreißen können, bevor wir eine Veranstaltungshalle haben, denn die brauchen wir. Es gibt eine Vielzahl an großen Veranstaltungen in Krefeld, das ist Teil unserer Kultur. Natürlich ist klar: Besonders schön ist das Seidenweberhaus nicht mehr. Und eine grundlegende Sanierung mit hohem Kostenaufwand rechnet sich nicht mehr, ist auch nicht mehr zeitgemäß.

Wie wollen Sie die Situation auf dem Theaterplatz verändern? Der Zustand aktuell ist eigentlich nicht mehr haltbar.

Jensen: Das ist ein Problem mit vielen Facetten. Die Menschen dort halten sich in der Innenstadt auf, weil sie davon quasi leben. Sie betteln, und sie gehen anderen Geschäften nach. Wenn man sie verscheucht, dann verteilen sie sich in der Innenstadt. Aber: Sie müssen vom Theaterplatz weg, auch gerade im Hinblick auf die Mediothek und die Kinder, die dort unterwegs sind. Es geschehen dort offene Rechtsbrüche, das kann der Rechtsstaat, wenn er glaubwürdig sein will, nicht einfach tolerieren. Und viele Krefelder sagen: Man traut sich ja kaum noch in die Tiefgarage. Und: Eine Stadt kann sich so etwas nicht gefallen lassen, dass ganz offen Drogenhandel stattfindet.
Mein Vorschlag für den Theaterplatz: Man sollte es handhaben wie in anderen Städten und Kameras aufstellen. Das schreckt die Dealer ab. Essen hat zum Beispiel an einem zentralen Platz Info-Stelen erstellt und konnte dadurch gegen Alkoholkonsum vorgehen. Einen Drogenkonsumraum halte ich dagegen für ungeeignet. Der löst das Problem nicht.

Thema Innenstadtentwicklung: Die Situation war schon vor Corona schwierig, nun stehen möglicherweise weitere Schließungen und Veränderungen in der City an. Wie ist das Konzept der CDU?

Jensen: Es gibt dazu schon Gutachten. Eines sagt, ebenso wie der Handel, dass die Fußgängerzone eigentlich zu lang ist. Insofern sollte bei manchen Objekten geprüft werden, ob sie nicht auch anders, also fürs Wohnen, genutzt werden können. Ich kann mir bei einer Mischnutzung auch eine Kita vorstellen. Wir sollten auch digital die Kundenflüsse messen. Wenn wir diese Zahlen hätten, hätten wir auch andere Argumente, um neue Unternehmen anzusiedeln. Was etwa fehlt, ist ein Angebot für die jungen Leute, also etwas wie Zara. Es ist schade, dass die Ansiedlung von P&C nicht geklappt hat. Das hätte eine Sogwirkung für die ganze Innenstadt gehabt. Was wir jetzt gar nicht machen dürfen: den Kaufhof kaputtreden. Die andere Seite ist, dass auch die Stadt mit gutem Beispiel vorangehen und ihre Immobilien aufmöbeln sollte. Das würde möglicherweise auch die Nachbar-Eigentürmer animieren zu sanieren.

Sollte die Stadt auch Immobilien in der Innenstadt aufkaufen, um die Situation zu verbessern?

Jensen: Ja, gerade in der Innenstadt innerhalb der vier Wälle halte ich das für sehr sinnvoll. In vielen Städten ist es so, dass die Vorstädte/Außenbezirke nicht schön sind, aber dafür die Innenstadt. In Krefeld ist es an manchen Stellen genau umgekehrt. Es gibt wunderbare Stadtteile, aber die Innenstadt ist nicht wirklich überall schön. Und: Wir müssen die Hochschule in die Innenstadt holen. Auch attraktive Wohnungen für Studenten dort schaffen. Das sind schließlich auch Konsumenten.

Viele sagen, es mangelt in Krefeld nicht an Ideen oder Konzepten, sondern es mangelt an der Umsetzung. Sehen Sie das auch so – und wenn ja, was muss ihrer Meinung nach verändert werden, um dies zu verändern?

Jensen: Ich würde erst einmal die Pläne aus den Schubladen holen, die bereits beschlossen wurden, und diese umsetzen. Beispiel Philadelphiastraße: Da gibt es die Beschlüsse, aber es fehlt die Umsetzung. Hier müssen wir besser werden.

Ein wichtiges Projekt von Oberbürgermeister Frank Meyer ist die Auslagerung des Kommunalbetriebs Krefeld (KBK). Würden Sie diese Konstruktion, die einer starken Kritik ausgesetzt ist, beibehalten?

Jensen: Die Auslagerung ist vom Rat beschlossen worden und ist im Grundsatz auch eine notwendige Entscheidung. Das Problem ist die Umsetzung, die nicht funktioniert. Ich hatte selber schon mit dem KBK in Sachen Spiel ohne Ranzen zu tun. Da hieß es dann beim KBK: „Die Stadt muss uns erst einmal beauftragen. Dann können wir tätig werden.“ Da frage ich mich: Wo liegt die Vereinfachung, wenn ich doch vorher noch mal zur Stadt muss? Das ist Aufgabe des Behördenleiters, des Oberbürgermeisters, dass solche Sachen vernünftig umgesetzt werden.

Würden Sie einen hauptberuflichen Wirtschaftsdezernenten schaffen – oder halten Sie die aktuelle Konstruktion in der Kombination Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft/Wirtschaftsdezernent für ausreichend?

Jensen: Die Aufgabe des Wirtschaftsdezernenten muss eine Vollzeitstelle sein, das kann man nicht mal eben nebenbei erledigen. Bei allem berechtigten Respekt vor dem amtierenden Dezernenten.

Braucht Krefeld neue Gewerbegebiete – und wenn ja, wo könnten neue entstehen?

Jensen: Es wird neue Gebiete geben müssen, weil der Bedarf da ist. Beispiel Hafen: Rheinblick ist ein wichtiges Projekt, dessen Umsetzung aber nicht dazu führen darf, dass die Industrie gefährdet wird und abwandert. Das Interkommunale Gewerbegebiet ist aus meiner Sicht notwendig. Der Hafen ist eine Chance für Krefeld. Hier müssen wir für weitere verkehrliche Verbesserungen sorgen.

Halten Sie auch neue Wohngebiete für notwendig?

Jensen: Es gibt Bedarf und Wünsche nach Einfamilienhäusern. Familien mit kleinen Kindern möchten gerne einen Garten. Und wenn die Grundstücke in Krefeld nicht zu finden sind, dann wird eben woanders gebaut, etwa in Kempen oder Willich. Dann werden die Flächen woanders versiegelt. Wenn für Fischeln-Südwest eine Straße gebaut wird, wenn das Projekt so ökologisch gebaut wird wie geplant, dann ist das eine gute Sache. Ansonsten brauchen wir einen Mix von Einfamilien- und Mehrfamilienhäusern. Wir persönlich haben das gemacht, was die Grünen gefordert haben: Als die Kinder groß waren, haben wir unser Haus an eine Familie mit drei Kindern vermietet, und wir wohnen nun in einer Altbauwohnung. Es gibt Studien, wie hoch die Einwohnerzahl sein muss, damit die Infrastruktur, die wir jetzt schon haben, bezahlbar für alle ist: 240 000 Einwohner aufwärts sollten es schon sein. Insofern brauchen wir neue Wohngebiete, um mehr Menschen nach Krefeld zu holen.

Die CDU wollte das Experiment mit dem Popup-Radweg an der St.-Anton-Straße abbrechen. Gleichzeitig wollen Sie den Radverkehr stärken. Ein Widerspruch?

Jensen: Wir haben derzeit keine alternativen Straßen, die den Autoverkehr von der St.-Anton-Straße aufnehmen könnten. So lange das fehlt, macht das Projekt keinen Sinn. Ich bin auch sehr für die Stärkung des Öffentlichen Personennahverkehrs. Aber der steht nun auch auf der St.-Anton-Straße im Stau und kann seine Fahrpläne nicht einhalten. Grundsätzlich müssen wir das Radwegenetz ausbauen. Es gibt so viele Radwege in Krefeld, die plötzlich im Nichts enden – oder es ist gefährlich, diese zu befahren.

Viele räumen Ihnen bei der Wahl eher Außenseiterchancen ein. Die Corona-Pandemie mit vielen Kontaktbeschränkungen macht den Wahlkampf nicht eben einfacher. Wie nehmen Sie die Situation wahr?

Jensen: Langsam geht es wieder los. Wir machen Wahlstände, auch Haustürwahlkampf, alles unter Beachtung der Regeln. Aber es gibt eben keine großen Veranstaltungen. Ich mache mich dem Bürger aber gerne auch im direkten Gespräch bekannt. Im Übrigen setze ich auf Sieg, nicht auf Platz. Ich möchte erste Oberbürgermeisterin für Krefeld werden. Dabei setze ich auf ein breites Bündnis von Menschen, die schon immer CDU gewählt haben, bis hin zu jenen, die sagen, also Ihre Partei, da bin ich nicht so der Stammwähler – aber Sie bekommen meine Stimme! Das erlebe ich übrigens mit gewisser Regelmäßigkeit in diesen Tagen.

Welche politischen Koalitionen/Kooperationen könnten Sie sich vorstellen, falls Sie die Wahl gewinnen?

Jensen: Das Tischtuch zwischen SPD und CDU ist erst einmal zerschnitten – spätestens seit dem Bruch der Absprachen in der Personalie Zielke. Alles, was in den letzten Jahren umgesetzt wurde, konnte nur dank der konstruktiven Haltung der CDU geschehen. Das fällt uns gerade so ein bisschen auf die Füße. Aber was wäre die Alternative gewesen? Sich zu verweigern? In den Schmollwinkel zu gehen? Es geht am Ende um die Stadt. Die CDU hat sich in den Dienst der Stadt und der Menschen gestellt. Nach der Wahl hoffe ich auf eine bürgerliche Mehrheit aus CDU und FDP. Aber ich werde auch auf die Grünen zugehen. Da gibt es viele vernünftige Leute, die Rot-Rot-Grün nicht wollen. Ein solcher Block wäre das Schlimmste, was Krefeld passieren kann.