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Colonia Dignidad: Kein Geld für Sekten-Opfer trotz des "Kronzeugen" Hopp

Colonia Dignidad : Kein Geld für Sekten-Opfer trotz des "Kronzeugen" Hopp

In der deutschen Sekte Colonia Dignidad (CD) wird in den 60er und 70er-Jahren gefoltert und gemordet - das Auswärtige Amt verweigert trotzdem eine direkte Opfer-Entschädigung. Der ehemalige Sektenarzt belastet die Botschaft in einem WZ-Exklusiv-Interview.

Krefeld. In der deutschen Sekte Colonia Dignidad (CD) im Süden Chiles wird in den 60er und 70er-Jahren gefoltert, gemordet, vergewaltigt. Unter den Augen deutscher Behörden. Es dauert 55 Jahre, bis ein deutscher Bundestag Verantwortung übernimmt und ein Hilfspaket zur Entschädigung der Opfer in Auftrag gibt. In Chile, aber auch für die vielen Rückkehrer nach Deutschland — nicht wenige von ihnen leben in Krefeld. Das ist vor einem Jahr.

Foto: dpa/abi

Jetzt der Schock: Ausgerechnet das Auswärtige Amt verweigert in einer Vorlage, die der WZ vorliegt, eine direkte Opfer-Entschädigung. Ein Skandal, findet Bundesabgeordnete Ulle Schauws (Bündnis90/Die Grünen) aus Krefeld.

Foto: dpa/abi

Dabei gibt es auf die Mitschuld deutscher Behörden an den Gräueltaten etliche Hinweise. Grünen-Politikerin Renate Künast treibt 2016 endlich die Aufarbeitung der Verbrechen in der Horror-Sekte auf bundespolitischer Ebene voran, reist mit einer überfraktionell aufgestellten Delegation zum Ort des Geschehens, kehrt wütend und betroffen zurück. Irgendwann ringt sich der Bundestag durch zu einem Votum zur Bereitstellung von Geldern für eine umfangreiche Opferentschädigung. Erst in diesem Frühjahr reist eine weitere Delegation nach Chile, unter ihnen der Krefelder Oberstaatsanwalt Axel Stahl. Und in dieser Gemengelage befindet nun das Auswärtige Amt in der Vorlage für den Bundestag: „Die Bundesregierung ist der Auffassung, dass aus den Geschehnissen in der Colonia Dignidad keine rechtlichen Ansprüche gegen die Bundesrepublik Deutschland entstanden sind.“ Darum enthalte der Entwurf für ein Hilfskonzept ausschließlich Vorschläge für freiwillige Maßnahmen.

Dazu gehörten unter anderem die „Option zur Einrichtung eines Hilfsfonds“, aus dem Unterstützung für die „Opfergemeinschaft“ finanziert werden könne. Etwa Beratungsangebote, Veranstaltungen und Wiedereingliederung in Deutschland oder eine Ausbildungsinitiave für die Bewohner der Villa Baviera (so heißt das Gelände heute) in Chile. Von einem Dokumentationszentrum und einer Gedenkstätte ist die Rede. Zusätzliche Haushaltsmittel dafür müsse der Bundestag genehmigen.

Renate Künast kritisiert das Auswärtige Amt: „Die Vorlage ist die offene Weigerung den Beschluss des Bundestages umzusetzen. Ich werde das so nicht akzeptieren! Im Haushalt 2019 müssen im Herbst konkrete Summen eingestellt werden, damit es einen wirklichen Hilfsfonds geben kann, der auch individuelle Zahlungen vorsieht.“ Prominentester „Kronzeuge“ der Mitschuld deutscher Behörden ist ausgerechnet der ehemalige Sektenarzt Hartmut Hopp. Er hat sich als Justizflüchtling in Krefeld niedergelassen, lebt hier unbehelligt. Das chilenische Urteil gegen ihn wegen Beihilfe zu sexuellem Missbrauch in mindestens 27 Fällen ist immer noch nicht wirksam, liegt in zweiter Instanz vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf.

Erst vor zwei Wochen demonstrieren Menschenrechtler und Krefelder wieder vor seiner Haustüre in der Innenstadt. Hopp solle sein Schweigen brechen. Das hat Hopp bereits einmal in einem Exklusiv-Interview mit der WZ getan. In dem bezichtigt er deutsche Behörden im Wortlaut: „Ich weiß heute, dass es einzelne Personen der Colonia Dignidad gegeben hat, die die deutsche Botschaft um Hilfe gebeten hatten und denen diese Hilfe dort versagt worden war. Etwa die Zuflucht auf das Botschaftsgelände. Mindestens Ende der 60er bis Ende der 70er Jahre hat die Botschaft mit der CD kooperiert. Und 1988 hat das deutsche Außenministerium die Arbeit der Bundestagskommission zur CD boykottiert.“

Die Krefelder Grünen-Abgeordnete ist richtig sauer: „Was das Auswärtige Amt hier gerade macht, ist nahezu ein Skandal. Denn der Entwurf setzt die Ungleichbehandlung von Menschen, die heute noch auf dem Gelände der ehemaligen Kolonie leben und denen die außerhalb leben, sichtbar fort. Individualmaßnahmen, also direkte Zahlungen, soll es gar nicht geben, sondern Pflegeplätze nur für die, die noch dort wohnen. Und alle die, die jetzt alt anderswo leben und endlich auf ,Wiedergutmachung’ hoffen, werden im Regen stehengelassen?“

Das gehe laut Schauws nicht. Wer das Leid der Betroffenen wirklich ernst nehme, lege nicht solch einen Vorschlag vor. „Wir werden das so nicht hinnehmen.“