Weiterbildung: Kein Abschluss: Zweite Chance auf der Abendrealschule

Weiterbildung : Kein Abschluss: Zweite Chance auf der Abendrealschule

Die Abendrealschule ermöglicht Menschen mit Knick in der Schullaufbahn einen zweiten Bildungsweg.

Krefeld. In drei Wochen starten die Sommerferien. Während sich die einen schon auf sechs Wochen Frei- oder gar das Ende ihrer Schulzeit freuen, fängt für andere jetzt das große Bangen an: Nicht alle Schüler kommen am Ende des Schuljahres mit einem guten, manche vielleicht mit gar keinem Abschluss nach Hause.

Sie dürfen Aufatmen, es gibt gute Nachrichten: „Es ist nie zu spät“, sagt Dr. Wolfgang Krall, Leiter der Abendrealschule. Auf dem Weiterbildungskolleg in Linn bekommen Schüler ohne Abschluss über den Zweiten Bildungsweg eine zweite, und gleichzeitig letzte Chance: „Es gibt keine andere Schulform, die diesen Schülern noch einen Bildungsabschluss bieten könnte“, sagt Krall.

Aber: Für den Besuch der Abendrealschule gibt es keine Garantie, es gibt Aufnahmebedingungen: Die Schüler müssen mindestens 17 Jahre alt und zudem mindestens sechs Monate berufstätig, als arbeitssuchend gemeldet oder zu Schulbeginn berufstätig sein (dazu zählen auch so genannte Minijobs) beziehungsweise Wehr-, Zivildienst oder Erziehungszeiten nachweisen können. „Das hängt mit dem veränderten Bafög-Gesetz zusammen, weil sich das Weiterbildungskolleg als Bildungsmöglichkeit für Berufstätige versteht“, erklärt Krall die Voraussetzungen, denen aus seiner Sicht aber kein „pädagogischer Entscheidungsprozess“ zugrunde liege, da sie „an der Realität vorbei“ gingen.

Wer die Bedingungen erfüllt, der kann in dem rotbraunen Backsteingebäude in Linn seinen Hauptschulabschluss oder die Fachoberschulreife erwerben. Hier nennt man die Schüler Studierende, ein Schuljahr heißt Semester. Deutsch, Englisch, Mathe und Geschichte, Biologie oder Physik sind auf dem Lehrplan der aktuell 450 Studierenden mit einem Altersschnitt von 22 an der Abendrealschule Pflicht; der Name dagegen ist schon länger nicht mehr Programm. Der Unterricht findet heute nicht mehr nur von nachmittags bis abends, sondern auch am Vormittag statt. Nach den Ferien können neue Schüler ins erste Semester starten.

Und wer das Abitur will? Kein Problem! „Bei uns können Studierende mit der Fachoberschulreife auch den Qualivermerk für die Fachhochschulreife erwerben“, erklärt Krall. Die kann man zwar nicht an der Abendrealschule, dafür aber am Abendgymnasium machen — und zwar unter dem selben Dach.

„Unsere Schule besuchen vorwiegend Leute mit Berufsausbildung, die in eine Sackgasse geraten sind, aber auch viele Menschen, die es sich nach einer Familienphase noch einmal beweisen wollen“, erzählt Joachim Vosen, leitender Direktor für das Weiterbildungskolleg Linker Niederrhein.

„Mama macht jetzt auch Hausaufgaben“ — für Nina Heppners Kinder gehört das zum Alltag. Am Anfang sei das für alle komisch gewesen, sagt die 34-jährige Anästhesieschwester, „heute duellieren wir uns, wer die besseren Noten mit nach Hause bringt.“ Sie sei früh Mutter geworden, habe die Schule nach der Jahrgangsstufe zehn abgebrochen. „Ich fühlte mich noch nicht fertig mit der Schule, ich wollte unbedingt das Abitur machen.“

Heute bestehe ihr Alltag aus „einer 35-Stunden-Arbeitswoche, zwei Kindern, einem Mann und einem Haus. Es ist extrem anstrengend, aber ich genieße es, zur Schule zu gehen“, sagt Heppner. Im November will sie ihr Abi machen. Und dann? „Anfänglich ging es mir nur darum, mir zu beweisen, dass ich es schaffe. Aber das reicht mir jetzt nicht mehr“, sagt die 34-Jährige. Nach dem Abitur will sie dann an der Hochschule Niederrhein mit dem Teilzeitstudium Health Management starten.

Mehr von Westdeutsche Zeitung