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Kaserne Bockum: Von einer Baracke zur Wohnung

Altlasten : Von einer Baracke zur Wohnung

Die letzten offiziellen Nutzer des gesamten Geländes waren die Briten bis 1988.

Wie riesige zahnlose Mäuler sehen die Einfahrten der ehemaligen Werkstatthallen aus. In der Fahrzeuggrube, die bei Ölwechseln oder Auspuffproblemen ihren Dienst tat, liegen Schrott, Schmutz, Papierfetzen und ein altes Computerteil. In den früheren Wohnbaracken rundherum sieht es ähnlich aus. Keine Fensterscheibe ist hier mehr ganz, keine Tür, keine Kachel. Die Dächer sind überwuchert und schon lange nicht mehr dicht. Ein umgestürzter Baum hat Dach und Mauer eines der Flachdächer zerlegt.

Irgendwann werden hier einmal Menschen wohnen. Ein Teil des Kasernengeländes neben dem Bockumer Friedhof soll nach der Sanierung für sozialen Wohnungsbau genutzt werden. Für diesen Bereich an der Emil-Schäfer-Straße gibt es, gebunden an diese soziale Vorgabe, Fördergeld vom Verband für Flächenrecycling und Altlastensanierung. „So bot sich die Gelegenheit, an einem Altstandort mit öffentlichen Mitteln die Sanierung zu ermöglichen“, sagt Bernhard Plenker, Leiter des Fachbereichs Bodenschutz und Altlasten der Stadtverwaltung.

Zunächst wird das Gelände, das der Stadt gehört, gerodet. Gebäude, Wege, einfach alles ist von Brombeeren, Efeu oder Disteln überwuchert. Die letzten offiziellen Nutzer des gesamten Geländes waren die Briten bis 1988. Doch kleine Details an den langsam zerfallenden Baracken lassen erahnen, dass hier gelegentlich mehr Leben war als von ein paar Igeln, Vögeln oder streunenden Katzen. An einigen zerschlagenen Fensterscheiben wehen Stücke von Wachstischdecken im Wind, die vielleicht als Gardinenersatz oder Kälteschutz herhalten sollten. Auf dem ehemaligen zentralen Versammlungsplatz liegt eine alte Matratze, daneben steht ein Einkaufswagen. Er dürfte das einzige Metall zu Überbleibseln und Müll auf dem Gelände beisteuern. Metalldiebe haben sich ansonsten an Dachrinnen und anderem längst ausgetobt.

Nun sollen auch einige der Baracken, an denen die Rohre einst hingen, verschwinden. Die Bauten auf dem für sozialen Wohnungsbau vorgesehenen Bereich werden abgerissen. Soweit erforderlich, wird der Boden bis auf 60 Zentimeter Tiefe ausgekoffert und dann mit sauberem Material aufgefüllt werden.

Wie alle anderen Kasernenflächen in Krefeld sei das Gelände in Bezug auf Altlasten bereits untersucht, sagt Plenker. Der Vorteil bei militärischen Bereichen sei, dass alles immer gut dokumentiert sei. Das heißt an der Emil-Schäfer-Straße, wo zuerst die Wehrmacht, später die Engländer stationiert waren, konnte man gezielt nach Altlasten schauen.

Mit Öl und Kraftstoffen zum Beispiel ging man damals in Kasernen landauf, landab nicht gerade vorsichtig um. „Einerseits galt das Motto ,Nach mir die Sintflut‘, andererseits gab es aber auch Praktiken, wie zum Beispiel staubige Flächen mit Diesel einzuspritzen oder auch Fahrzeuge von außen als Korrosionsschutz – und das nicht nur im militärischen Bereich“, sagt Plenker. Bevor das Umweltbewusstsein zunahm, ging man auch mit wassergefährdenden Stoffen anders um – bis in die 1980er-Jahre war das so.

Trotzdem war Antonius Gesterkamp, Teamkoordinator in Plenkers Fachbereich, „überrascht, wie wenig bei den Untersuchungen der Kasernen tatsächlich gefunden wurde“. In Krefeld habe es hauptsächlich Wohnkasernen und Lebensmittellager als Nachschubbasis gegeben. „Zu jeder Kaserne gehörte aber auf jeden Fall eine Tankstelle und vielleicht noch ein Lagerraum mit Chemikalien.“ An der Emil-Schäfer-Straße seien „keine gravierenden Dinge im Boden entdeckt worden“, sagt Bernhard Plenker. Aber auch hier gab es die übliche Tankstelle, außerdem Werkstätten wie eine große Lkw-Reparaturhalle und ein Heizkraftwerk. Und auch die Baracken selbst enthalten noch Schadstoffe in der Bausubstanz — in Dachpappe oder PCB-haltigen (giftige und krebsauslösende Chlorverbindungen) Anstrichen.

Das gedeckte Gelb der Außenfassaden wird schon lange von Schwamm und Grünspan nach und nach überdeckt. Hinzu kommen überall Graffiti, mal kunstvolle grinsende Monster, mal einfach nur Schmierereien, die Zeuge heimlicher Besucher sind. In der ehemaligen Lastwagenhalle haben sich Unbekannte aus Steinen und Holzplatten eine Skateranlage gebaut. Ein umgearbeiteter Einkaufswagen hängt als Basketballkorb an der Wand.

Bei der Frage, wo möglicherweise problematische Gebäude und belastete Flächen sind oder waren, haben den Mitarbeitern des Fachbereichs historische Dokumente geholfen. Topographische Karten und Luftbilder wurden zu Rate gezogen. Wenn möglich, werden auch Zeitzeugen befragt, die auf den betreffenden Grundstücken früher gewohnt oder gearbeitet haben.

„Eine gründliche historische Recherche ist besser als mit irgendeinem Raster den Boden zu untersuchen. Da kann man Glück haben oder untersucht nur ein paar Meter neben einem betroffenen Bereich und findet nichts“, sagt Plenker. Auf einer topographischen Karte von 1942 ist die Kasernenanlage in Bockum gut zu sehen. „Auf’m großen Feld“ steht daneben. Das war vermutlich der Name für die Ackerflächen, die an das Militärgelände grenzten. Auf einem Luftbild von 1945 sind sehr deutlich die Baracken zu erkennen, in denen die Soldaten wohnten. Weitere Luftbilder zeigen die Entwicklung unter britischer Führung. Da ist außer den Wohnanlagen auch ein Pool zu sehen.

Heute lässt ein kleiner blauer Streifen an ein paar Mauersteinen erahnen, dass diese Brocken vielleicht einmal zu dem Schwimmbad gehörten, in dem sich die britischen Soldaten vergnügten oder trainierten. Nur ein paar Meter weiter steht das ehemalige Kasino. Heute kein einladender Ort mehr. Das Dach sieht nicht stabil aus. Von dem einst angrenzenden Garten, in dem Tee mit Milch oder vermutlich auch Getränke mit mehr Umdrehungen genossen wurden, ist hinter wilden Hecken nur noch ein Pfeiler einer ansonsten eingefallenen Mauer zu erkennen.

Die Reste von Casino, Wohnbaracke, einer Werkstatthalle, an und in der sich Graffiti-Sprayer ausgetobt haben, und einer Nissenhütte liegen auf dem Gelände, das ab März saniert werden soll. Im Januar 2020 soll dieser Teil der Arbeiten abgeschlossen sein.