"Kältebus": Schutz vor dem tödlichen Frost

"Kältebus": Schutz vor dem tödlichen Frost

Der Kältebus der Obdachlosenhilfe fährt abends los, um Bedürftige vor der Eiseskälte zu schützen. Es gibt alle Hände voll zu tun.

Krefeld. Er heißt Kältebus, bringt aber Wärme. Für Wohnungslose ist diese angesichts extremer Minusgrade derzeit notwendiger denn je. Mit Decken, Schlafsäcken, Isomatten und warmer Kleidung an Bord fährt der Kleinbus der Obdachlosenhilfe linker Niederrhein jeden Abend um 18 Uhr los, um Menschen auf Krefelds Straßen, die sich selbst nicht ausreichend schützen können, mit dem Notwendigsten zu versorgen.

Auf dem Vereinsgelände an der Oberstraße in Uerdingen beladen Horst Renner und Rainer Holzmann den Bus. Ein mobiler Heizlüfter, Thermoskannen mit Tee und Kaffee und eine Wärmebox mit heißem Essen gehören dazu. „Bei diesen Temperaturen spenden die Leute viel“, sagt Renner. „Vor allem alte Mützen, Schals, Handschuhe und Decken.“ Es ist Viertel nach sechs, acht Grad unter null — Abfahrt!

Aufmerksam beobachten die beiden Männer aus dem Auto die Umgebung. Nahe der Haltestelle Botanischer Garten hatte ein besorgter Bürger einen Hilfsbedürftigen gesehen. Renner und Holzmann statten einen Mann mit warmer Kleidung aus. „Wir bekommen viele Hinweise aus der Bevölkerung. Die klappern wir dann nacheinander ab. Wenn sich die Straßen leeren, werden wir oft fündig“, berichtet Horst Renner.

Die Fahrt geht weiter Richtung Oppum. Am Bahnhof finden der 51-Jährige und sein Kollege gegen 19 Uhr einen dankbaren Abnehmer für eine Isomatte und einen warmen Schlafsack.

„Wir verstehen uns mit unserer Arbeit als Ergänzung zu den offiziellen Anlaufstellen der Stadt“, beschreibt Renner die ehrenamtliche Tätigkeit des Vereins. Der Duisburger engagiert sich schon seit langem für sozial benachteiligte Menschen — seit 14 Jahren in der Obdachlosenhilfe am Niederrhein.

Er hat auch seinen alten Bekannten Rainer Holzmann „für den Verein rekrutiert“. Der 64-jährige Rentner aus Krefeld arbeitet seit fünf Jahren bei der Obdachlosenhilfe mit. „Meine freie Zeit als Rentner möchte ich sinnvoll nutzen“, sagt er.

Die Todesfälle des letzten Jahres in Deutschland sowie die aktuellen Meldungen über erfrorene Menschen in Osteuropa hätten viele geschockt. Renner: „Wir wollen die 17 Kältetoten des letzten Winters in diesem verhindern helfen.“

Am Hinterausgang des Hauptbahnhofs fährt das Kältemobil gegen 20 Uhr vor. Etwa eine halbe Stunde lang erscheint niemand. „Viele Obdachlose sind bis zum Ladenschluss noch unterwegs. Einige sammeln Flaschen, manche schnorren“, sagt Horst Renner.

Zeit für Holzmann und ihn, von ihrer Arbeit zu berichten: Man müsse schon ein „dickes Fell“ besitzen, dürfe keine Berührungsängste haben. Und Geduld, die sei ganz wichtig. Im Umgang mit hilfsbedürftigen Menschen erlebe man dafür aber auch viel Dankbarkeit und Nähe.

Insgesamt schätzt Horst Renner die Zahl der Obdachlosen in Krefeld auf etwa 300 bis 400. „Nicht mehr oder weniger als in anderen Städten dieser Größe.“ Die Zahlen seien leicht rückläufig. Es könnten sich nur Personen wohnhaft melden, die eine feste Adresse haben. „Und nur wer einen Wohnsitz hat, kann finanzielle Unterstützung beim Amt beantragen“, sagt Renner. Er beschreibt damit einen Teil des Teufelskreises, in den Wohnungslose oft geraten.

Von offizieller Seite wünschen sich Renner und Holzmann mitunter mehr Unterstützung ihrer Arbeit, ob das etwa ausgesonderte Fahrzeuge oder Nachlässe für die Kfz-Steuer des Kältemobils seien. Allerdings: „Heute hat uns das Ordnungsamt immerhin eine Sonderparkgenehmigung ausgestellt — umsonst“, so Renner.

Um 21 Uhr fahren die beiden weiter im Kältebus. Die Temperatur: neun Grad unter null. Ab jetzt sind Parks, Hauseingänge und andere leicht geschützte Plätze der Innenstadt ihr Hauptgebiet. Bis März werden Horst Renner, Rainer Holzmann und die zehn anderen des Kältebus-Teams wohl noch unterwegs sein. Jeden Tag abends von 18 bis mindestens 23 Uhr — oft aber über Mitternacht hinaus.

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