Jugend forscht: Lässt Musik Pflanzen wachsen?

Wissenschaft : Lässt Musik Pflanzen wachsen?

Im Seidenweberhaus stellen die Teilnehmer von „Jugend forscht und Schüler experimentieren“ ihre Projekte vor.

Den Stand von Fiete Gockeln, Larry Camara und Tarik Kücüktas umgibt der würzig-frische Duft von Cherrytomaten. Die drei Schüler der Gesamtschule Uerdingen haben sich im Sinne der Wissenschaft folgende Frage gestellt: „Lieben Tomaten Mozart?“ So lautet der Titel ihrer Arbeit, mit der sie am Wettbewerb Jugend forscht teilnehmen. Neben den drei Jungs haben in diesem Jahr noch 286 weitere Kinder und Jugendliche getüftelt und experimentiert, um spannende Themen rund um Technik und Naturwissenschaften zu erforschen.

„150 Arbeiten wurden angemeldet, und 41 Schulen sowie ein Ausbildungsbetrieb machen mit“, sagt Ralf Wimmer, Geschäftsführer der Unternehmerschaft Niederrhein, die den Wettbewerb seit zehn Jahren organisiert. Insgesamt findet Jugend forscht – so wie das Pendant Schüler experimentieren für Kinder bis 14 Jahre – zum 24. Mal statt. Trotz sinkender Teilnehmerzahlen von 365 jungen Menschen im vergangenen Jahr zu 289 in diesem Jahr sei Jugend forscht einer der größten Regionalwettbewerbe.

Die Jugendlichen beteiligen sich mit ihren Forschungsarbeiten in den sieben Fachgebieten Arbeitswelt, Biologie, Chemie, Geo- und Raumwissenschaften, Mathe/Informatik, Technik und Physik, wobei die meisten Arbeiten in den Bereichen Biologie (47 Projekte und 96 Teilnehmer), Chemie (37 Projekte und 75 Teilnehmer) sowie Technik (24 Projekte und 44 Teilnehmer) eingereicht werden. Wimmer: „Der Wettbewerb dient natürlich auch dazu, Werbung für die MINT (Mathe, Informatik, Naturwissenschaft, Technik)-Fächer zu machen. Unsere Mitgliedsunternehmen brauchen Nachwuchs.“ So sei es auch üblich, dass Vertreter der Unternehmen selbst vorbeikämen, um zu schauen, was der Nachwuchs so zu bieten hat. Und das ist allerhand.

Im Fall der drei Jungs, die sich mit den Auswirkungen von Mozart-Klängen auf Tomatenpflanzen beschäftigt haben, lautet die Antwort auf ihre Forschungsfrage eindeutig: „Ja, die Pflanzen reagieren. Wir haben einen Monat lang getestet, wie sich die Pflanzen unter Zugabe verschiedener Musik verhalten“, erklärt der 15-jährige Fiete. „Wir durften zwei Räume im Schulkeller nutzen und haben in dem einen Raum die Tomatenpflanzen 24 Stunden mit Musik der Band Rammstein beschallt und die Pflanzen in dem anderen Raum mit Musik von Mozart.“ Am Ende des Experiments hätten die Pflanzen unter Mozart weniger Seitentriebe entwickelt, was mehr Früchte zur Folge habe. Zudem sei auch die Biomasse der Mozart-Gewächse fast 500 Gramm schwerer gewesen.

Um Kosmetik geht es an dem Stand von Trieu Ahn Bui (15), Carolina Wegner (15) und Dila Yenigül (14). Die drei Schülerinnen der Freiherr-vom-Stein-Schule haben sich mit der Wirkung sogenannter Wimpern-Booster beschäftigt und versucht, folgende Fragen zu beantworten: Halten Wimpern-Booster das, was sie versprechen? Muss man wirklich so viel Geld in einen Booster investieren? Und, treten Nebenwirkungen wie Brennen und Juckreiz auf? Zu der Idee hinter dieser Arbeit erklärt Carolina: „Wir sind sehr an Kosmetik interessiert. Wimpern-Booster werden oft beworben und versprechen unglaubliche Verbesserungen im Hinblick auf Dichte und Wachstum von Wimpern. Wir wollten testen, was die Produkte wirklich können.“ Dazu haben die drei über einen Zeitraum von sechs bis acht Wochen drei unterschiedliche Produkte getestet – und festgestellt, dass es keinerlei Wirkung gibt. „Im Gegenteil, bei einem Produkt gab es hinterher sogar ausgefallene Wimpern“, sagt Carolina.

Während die drei Mädchen ein Thema aus ihrem persönlichen Alltag gewählt haben, haben Vanessa Hemm (15) und Angelina Juliette Deer (15), ebenfalls von der Freiherr-vom-Stein-Schule, einen Blick nach Japan geworfen und untersucht, was es mit dem dort herrschenden Trend schwarz gefärbter Lebensmittel auf sich hat. Dazu haben die Mädchen selbst Kekse und durchsichtige Limonade mit Hilfe von Aktivkohle und Tintenfischtinte schwarz gefärbt. Die Idee sei aus der „Lust am Essen“ heraus entstanden, und weil sie „mal etwas Neues“ ausprobieren wollten, wie Vanessa sagt. Einen Unterschied zu den unveränderten Lebensmitteln hätten sie allerdings nicht geschmeckt.

Der Mädchenanteil am Wettbewerb sei in diesem Jahr mit 43 Prozent und 125 Personen sehr hoch, sagt Thomas Zöllner, der nicht nur Wettbewerbsleiter, sondern auch stellvertretender Schulleiter des Gymnasiums am Moltkeplatz ist. Louisa Hülsmann (13) und Amelia Glotov (14) vom Luise-von-Duisberg-Gymnasium in Kempen etwa haben ein Thema gewählt, das derzeit Menschen und Politiker auf der ganzen Welt beschäftigt. Sie haben nach Ersatzstoffen für Plastik gesucht – und sind fündig geworden. Neben Versuchen mit Zeitungspapier und Beton konnte vor allem eine Mischung aus Wasser, Zitronensäure, Alkohol und Speisestärke überzeugen. Fühlt sich an wie Plastik, sieht aus wie Plastik und ist vor allem freundlich zu Umwelt und Tieren. Die Tiere lägen den Mädchen besonders am Herzen. „Es gibt so viel Plastik auf der Welt und so viele Tiere, die Plastik im Magen oder um den Körper gewickelt haben. Das hat uns zu der Idee gebracht, nach Ersatzstoffen für Plastik zu suchen“, sagen die Schülerinnen. Ein halbes Jahr hätten die beiden geforscht und viel Spaß dabei gehabt.

Weniger Spaß hatte der zwölfjährige Simon Döhmen, der allmorgendlich von seinem kleinen Bruder unsanft aus dem Schlaf gerissen worden sei. „Mein Bruder hat angefangen, Trompete zu spielen, und wie man sich vorstellen kann, hat sich das nicht besonders schön angehört am Anfang“, sagt der Schüler des Lise-Meitner-Gymnasiums in Willich. Doch der Bruder habe großes Vergnügen daran gehabt, Simon morgens mit seinen schrägen Tönen zu wecken. Das brachte den Zwölfjährigen auf die Idee zu erforschen, ob der Mensch auf verschiedene Arten des Aufweckens mit Stress reagiert. Also ließ er sich – immer mit Blutdruck- und Pulsmessgerät präpariert – morgens mal von der Hundezunge im Gesicht wecken, mal von der kleinen Nachtmusik von Mozart und mal von einem normalen Wecker. Ein weiteres Mal ließ er sich eine Schüssel voll mit kaltem Wasser ins Gesicht schütten. Fazit: Einen erhöhten Stresslevel habe das Messgerät bei der Trompete sowie dem kalten Wasser angezeigt.

Wer am Ende einen der 13 ersten Plätze in der Sparte Schüler experimentieren und einen der zehn Siegerplätze bei Jugend forscht belegen würde, darüber entschied eine Jury. Keine leichte Aufgabe bei so vielen Arbeiten. Doch am Ende, da ist sich Wettbewerbsleiter Zöllner sicher, würden alle Teilnehmer auch ohne einen der Preise als Gewinner aus dem Wettbewerb hervorgehen. „Die Kinder lernen so viel hier. Schon allein, weil sie Themen selbst aussuchen können, weil sie lernen, wie sie die Arbeit systematisch angehen und sich Gedanken machen, wie sie das Projekt präsentieren können“, sagt er.

Die Tatsache, dass Schüler sich die Themen selbst aussuchen dürfen, macht auch für Magnus Wengeler (13) und Linus Czaja (11) von der Gesamtschule Uerdingen den Reiz aus. Magnus nimmt bereits zum dritten Mal, Linus zum zweiten Mal teil. Für den aktuellen Wettbewerb wollten beide herausfinden, wie man den Boden nach saurem Regen wieder neutralisieren kann. Die Antwort lautet: mit Kalk. Linus verkündet stolz: „Unser Lehrer hat uns nur bei der Umsetzung des Projektes geholfen, alles andere haben wir ganz allein erarbeitet.“

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