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Schuldenfalle: Jeder sechste Krefelder ist pleite

Schuldenfalle : Jeder sechste Krefelder ist pleite

Die Zahl der Menschen, die in Krefeld Insolvenz angemeldet haben, ist angestiegen. In die Schuldenspirale zu geraten geht schnell, sagen Experten.

Krefeld. 11,28 Millionen Euro schulden die Krefelder, die im vergangenen Jahr Verbraucherinsolvenz angemeldet haben, ihren Gläubigern. Das sind im Schnitt 43 709 Euro pro Kopf.

258 Krefelder haben 2017 den Antrag auf Eröffnung dieses privaten Insolvenzverfahrens beim Amtsgericht gestellt. Das sind 29 Prozent mehr als 2016, wie die aktuelle Statistik des Landesamts Information und Technik NRW zeigt. Hinzu kommen die Krefelder, die keine Insolvenz angemeldet haben, aber trotzdem als überschuldet gelten, das heißt: ihre Verbindlichkeiten sind höher als das Vermögen. Laut Wirtschaftsforschungsinstitut creditreform lag die Schuldnerquote in Krefeld 2017 bei rund 16 Prozent (2016 waren es 15 Prozent). Jeder sechste Krefelder ist also überschuldet.

Arbeitslosigkeit, Pfändung, Scheidung, langfristiges Niedrigeinkommen und Krankheit sind die häufigsten Gründe, warum ihre Klienten in die Schuldenspirale geraten, berichtet Christiane Mahr von der Schuldner- und Insolvenzberatung der Diakonie, dem mit fünf Beratern größten Angebot dieser Art in Krefeld.

Gerade psychische Erkrankungen nähmen zu, wie nicht nur die Statistiken der Krankenkassen zeigen: „Wir merken das spürbar in den Beratungen“, erzählt die Sozialpädagogin. Depressionen und ähnliche Probleme sind auch für Menschen in Arbeit mögliche Auslöser für eine finanzielle Abwärtsbewegung, die in der Schuldenfalle enden kann. „Da hat jemand Depressionen, kann seinen Job nicht machen, bekommt Krankengeld, wird arbeitslos, steckt in Schulden — es sind tragische Fälle, die zu uns kommen. Bereits hochbelastet, müssen sie versuchen, mit Schulden klarzukommen“, sagt die 56-Jährige, die 20 Jahren in diesem Bereich arbeitet.

Fast doppelt so viele Menschen wie im Vorjahr kamen 2017 mit Insolvenz-Fragen zur Diakonie: 634 Männer und Frauen, die so einen Weg aus ihren Geldproblemen suchten, schon in einem Insolvenzverfahren steckten oder eins anstrebten. Darunter 80 neue Klienten — zum Vergleich: 2016 waren es 55 Erstgespräche. Tatsächlich mit Hilfe der Diakonie-Berater eine Insolvenz angemeldet haben aber weniger Krefelder: Es waren 76 gegenüber 103 im Jahr 2016.

Für diesen Rückgang bei gleichzeitigem Anstieg der Beratungen sieht Mahr verschiedene Gründe. Dem Insolvenzverfahren ist ein „außergerichtlicher Schuldenbereinigungsversuch“ vorgeschaltet, der durch eine zugelassene Schuldnerberatungsstelle oder einen Anwalt bescheinigt werden muss. „Es ist ein kompliziertes Verfahren und viele Hürden zu überwinden“, urteilt die Expertin über die Auflagen, die 2014 hinzukamen.

Sechs Jahre dauert ein Insolvenzverfahren, in dem die Betroffenen keine weiteren Schulden machen dürfen. Im Anschluss ist eine Pfändung durch eine Gerichtskasse möglich. Die Summe, die dem zugrunde liegt, würde — wenn nichts zu pfänden sei — zwar nach vier Jahren erlassen. Aber gerade ältere Klienten unter der Pfändungsgrenze verzichten Mahrs Erfahrung nach häufig auf eine Insolvenz.

„Wer nichts hat und nichts bekommt, denkt sich, nach zehn Jahren bin ich 80, was habe ich davon“, nennt Mahr ein Beispiel. Wenn bis zum Lebensende nichts mehr „zu holen“ sei, richteten sich einige lieber mit einem Pfändungsschutzkonto ein. Damit ist ihr Einkommen bis zu einer Grenze geschützt, die sich nach ihren Unterhaltspflichten richtet.

Wer sich doch für eine Insolvenz entscheidet, findet in Krefeld drei Anlaufstellen bei Sozialverbänden: Neben der Diakonie sind das der Sozialdienst katholischer Frauen (SKF) und der katholische Verein für soziale Dienste (SKM). Die Diakonie bietet eine offene Sprechstunde an. Wer danach weiter beraten werden möchte, bekommt innerhalb von zwei bis vier Wochen einen Folgetermin. „Um ein Insolvenzverfahren zu beantragen, müssen die Klienten einige Punkte erfüllen. Grundsätzlich ist das innerhalb von drei bis sechs Monaten zu schaffen.“

Beim SKF haben sich die Wartezeiten 2017 auch wieder erholt. „Beratungstermine kann man jetzt wieder zeitnah bekommen“, sagt Beate Schmidt, nachdem es zuvor bis zu sieben Monate dauern konnte. 78 laufende Fälle in der Insolvenzberatung hatten sie und ihre Kollegen im vergangenen Jahr (2016 waren es 76).

Länger dauern kann die Phase vor dem Start des Verfahrens beim SKM, der im vergangenen Jahr 524 Menschen zu Schulden und Insolvenz beriet, davon 120 neue Fälle, und 42 Insolvenzanträge vorbereitete. Durch die fast tägliche Sprechstunde könne im Rahmen der Existenzsicherung „ein sofortiger Rat gegeben werden“, sagt Christina Glaser, seit 1991 in der Beratungsstelle tätig. „Für größere Entschuldungsfälle beziehungsweise Insolvenzen muss leider noch immer mit einer mehrwöchigen Wartezeit gerechnet werden, die Tendenz ist im Moment wieder steigend.“

Die Wartezeiten lagen beim SKM in der Vergangenheit „zum Teil bei fünf bis sechs Monaten“. Der Abbau angestauter Fälle könnte nach Ansicht der Diplom-Sozialpädagogin einer der Gründe sein, warum das Landesamt in seiner Statistik für die Insolvenz-Anträge einen Anstieg in Krefeld verzeichnete. Aber auch ein neuer gewerblicher Anbieter oder Anwalt, der auf dem Gebiet tätig geworden ist, könnte das erklären.

Für die Zukunft sieht Glaser keine Entspannung. „Das Spektrum der Gründe, warum Menschen Schulden haben, ist so vielfältig wie das Leben“, erläutert die Sozialpädagogin. „Einkommensarmut und Arbeitslosigkeit sind in Krefeld hoch, der Anteil der Empfänger von Arbeitslosgengeld II in unserer Beratung ist groß.“ Das Problem sei „dass Krefeld eine der Städte mit den höchsten Zahlen an Verschuldeten ist“. Laut aktuellem Schuldenatlas 2017 der Schufa liegt Krefeld von 402 Städten und Kreisen auf Platz 383 des Privatschuldenindex.