Armut: In Krefeld leben viele arme Kinder

Armut: In Krefeld leben viele arme Kinder

Mehr als jeder fünfte Knirps vor unserer Haustür ist auf Sozialleistungen angewiesen. Damit liegt die Seidenstadt deutlich über dem Landesschnitt. Die Politik ist gefordert.

Krefeld. Die Bertelsmann-Studie erschreckt, eine Überraschung ist sie nicht. Jedes fünfte Kind lebt in Armut, genauer: 18,6 Prozent bundesweit. Wer sich in Krefeld mit den Thema Kinderarmut und den damit verwandten Frühen Hilfen beschäftigt, merkt schon lange: Die Zahl der Knirpse, die unter die Armutsgrenze fallen, wächst. Vor unseren Haustüren sind es sogar 23,6 Prozent. Dazu benötigen immer mehr Eltern Unterstützung. Nicht unbedingt finanziell, sondern schlicht Lebenshilfe. Mütter werden jünger, sind immer häufiger als Alleinerziehende verantwortlich, nicht selten überfordert.

Verantwortlich sind auch Menschen wie Ina Spanier-Oppermann. Dafür, dass es besser wird in Krefeld. Langfristig. Und wenn es Geld zu verteilen gibt aus Düsseldorf. Die 54-Jährige ist SPD-Landtagsabgeordnete mit den Schwerpunkten Bildung und Jugend, in Krefeld sitzt sie dem Jugendhilfeausschuss vor. Spanier-Oppermann sieht eine Menge Arbeit in und für Krefeld. Aber sie sieht auch Potenziale. „Zum Beispiel im Bereich der Frühen Hilfen. Hier werden Kinder sowie werdende Eltern so früh wie möglich unterstützt. Aus meiner Sicht ist die Stadt Krefeld in diesem Bereich bereits gut aufgestellt und leistet durch viele unterschiedliche Organisationen und Einrichtungen sehr gute Arbeit.“

Netzwerken ist das Wort der Stunde. Allerdings schon seit Jahren, aber langsam bekommt die Krefelder Struktur ein Gesicht. Grad in diesem sensiblen Metier gilt der Ausspruch „Viel hilft viel“ aber wenig. Um Doppelstrukturen zu vermeiden, hat Krefeld ähnlich wie die Nachbarstadt Moers ein Netzwerk ins Leben gerufen. Spanier-Oppermann: „Das Projekt ,Frühe Hilfen — Netzwerk für Krefeld’ will auf der Basis konstruktiver Zusammenarbeit, Information, Beratung und Unterstützungen im Alltag bieten, mögliche Risiken für Familien in belastenden Lebenssituationen frühzeitig abbauen helfen und die Beziehungs- und Erziehungskompetenzen von werdenden Eltern fördern.“ Dazu gehören zum Beispiel der Kinderschutzbund, die Krefelder Ärzte oder die Diakonie.

Allein, Krefeld ist keine Modellkommune so wie viele andere in NRW. Das Land hat systematisch in 18 Kommunen im Rahmen des Landesmodellvorhabens „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor!“ und in knapp 40 Städten im Rahmen des Programms „Teilhabe ermöglichen — Kommunale Netzwerke gegen Kinderarmut“ des Landesjugendamtes Rheinland Vorgehensweisen und Strukturen erprobt. Zur landesweiten Umsetzung der Bundesinitiative Netzwerke Frühe Hilfen und Familienhebammen (BI) ist im zuständigen Ministerium die Landeskoordinierungsstelle Frühe Hilfen NRW eingerichtet worden. NRW ist also dafür verantwortlich, die Förderrichtlinien für die Kommunen zu erstellen und Konzepte wie Koordinierungsstellen vor Ort zu begleiten.

Das Geld dafür kommt vom Bund, der gab zuletzt 51 Millionen Euro an die Länder weiter. Neun Millionen landeten in NRW und 148 508 Euro davon in Krefeld. Im Einzelnen: 52 000 wurden in Koordination von Netzwerken gesteckt, 46 000 Euro für Familienhebammen angelegt, 5 445 Euro in Ehrenamtsstrukturen investiert sowie 44 563 in Projekte.

Über die Effektivität dieser Vernetzungstendenzen erhofft Spanier-Oppermann sich Erkenntnisse aus den Modellkommunen. „Ich hoffe, dass wir von den Ergebnissen profitieren, unsere Strukturen vor Ort weiter ausbauen und die Qualitätsentwicklung in den Netzwerken Frühe Hilfen daher noch weiter gezielt fördern. Es geht um eine Politik der Vorbeugung und Frühwarnsysteme.“ Außerdem erwartet die Genossin demnächst eine höhere Fördersumme. Die richtet sich nach der Anzahl der von Hartz IV lebenden Unter-Dreijährigen in einer Stadt. Krefeld liegt klar über dem Schnitt. „Der Zusammenhang zum SGB-II-Leistungsbezug in der Förderung zeigt uns, dass wir trotz guter Strukturen im Bereich der frühen Hilfen in Krefeld vor einer Herausforderung stehen, die nicht nur den Bereich der Jugendhilfe betrifft.“

Sicherlich seien höhere Fördergelder willkommen: „Wenn sie jedoch im Zusammenhang mit einer schwächer werdenden Sozialstruktur zusammenhängen, wünscht man sich, am liebsten gar keine Förderungen mehr zu brauchen.“

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