Ikonenmaler: Die Heiligen in St. Barbara

Kirche : Die Heiligen in St. Barbara

In Pastelltönen malt ein Künstler Ikonen an die Wände der russisch-orthodoxen Kirche.

Mit zartem Strich gleitet der Pinsel über das gelbe Gewand. Ein Ockerton lässt eine Falte im Tuch entstehen. Ein Heiliger ist im Werden. Neben Jesus auf seinem Thron als großer Hierarch fehlen der Hälfte der Bischöfe allerdings noch die Gesichter. Die wird Lew Ljubimow als Letztes malen und dann noch die liturgischen Texte auf den Schriftrollen Buchstabe für Buchstabe ergänzen. Noch etwa zwei Wochen wird der Ikonenmaler brauchen, bis er fertig ist. Seit zweieinhalb Monaten gestaltet der Russe die weiße Wand hinter dem Altar in der russisch-orthodoxen Kirche St. Barbara an der Wielandstraße.

Der 41-Jährige mischt gerade Farben an. Sie sind ungewöhnlich hell für Ikonen. Normalerweise sind die Gottes- oder Heiligendarstellungen durch kräftige Farben geprägt – auf dunklem Untergrund. „Aber das ging in dieser Kirche nicht. Deshalb habe ich mich für diese Pastelltöne entschieden“, erzählt der aus Magnitogorsk im Uralgebiet stammende Künstler. „Wegen der Architektur dieser Kirche hätten wir die Wände nicht in Blau streichen können“, ergänzt der russisch-orthodoxe Priester Alexej Veselov mit Blick auf den kleeblattförmig geformten Bau des früher katholischen Gotteshauses St. Franziskus, das seine Gemeinde 2016 gekauft hat und das im Oktober 2018 geweiht wurde.

Zum ersten Mal hatte der Maler keine freie Fläche zur Verfügung

Eine kleine Konstruktion aus Stangen und Brettern steht noch hinter der Ikonostase, der dreitürigen Bilderwand zwischen dem Gemeinde- und dem Altarraum. Es ist der Rest des Gerüsts, das Lew Ljubimow brauchte, um die oberen Reihen seiner Bilder von Jesus, Maria, den Engeln und den Aposteln auf die Wand zu bringen. Schöpfung, Menschwerdung, Eucharistie, Verkündigung — von oben nach unten sind sie in den Bilderreihen des 41-Jährigen zu finden. Sprich: Jesus als Schöpfer, Maria mit dem Jesuskind und einem Engel zu ihrer Linken und einem zu ihrer Rechten und Christus beim großen Abendmahl mit seinen Jüngern. Mit der untersten Reihe, den Hierarchen, den heiligen Bischöfen, sind sie alle in das Dreieck eingefügt, das Lew Ljubimow nutzen konnte.

Denn die etwa 50 mal 50 Zentimeter großen Kirchenfenster mit blau, gelb, orange und lila strahlender Glaskunst bestimmen die für ihn ungewöhnliche Form der Anordnung seiner Malerei. „Zum ersten Mal hatte ich keine freie Fläche zur Verfügung“, sagt der Ikonenmaler, der in den vergangenen Jahren zum Beispiel viereinhalb Jahre lang das Innere einer neu gebauten Kirche in der Krim oder Gotteshäuser in Estland und in der Mongolei kunstvoll dekoriert hat und „Zuhause nur vorbeifährt“, wie er schmunzelnd sagt. Zum ersten Mal schaut auch Jesus als Schöpfer nicht, wie in der russisch-orthodoxen Kirche eigentlich üblich, von der Decke auf die Welt. Die ist in St. Barbara nämlich mit Holz in Form eines riesigen vierblättrigen Klees verkleidet.

Lew Ljubimow hält kurz inne. Blickt versonnen. Ikonenmalerei ist in der russisch-orthodoxen Kirche nicht Kunst, sondern liturgischer Dienst. Immer wieder betet der Russe auch zwischendurch oder während er Pinselstrich an Pinselstrich setzt. Alexej Veselov strahlt, wenn er über Ljubimows Werk und seine Art zu arbeiten spricht. „Wie für jeden orthodoxen Christen sind Gebet und Fasten die Regel, um geistig bereit zu sein, seine Arbeit zu tun, sich selbst der Wand und der Arbeit hinzugeben.“

Die Ikonen über dem Altarraum sind, bis auf wenige Ausnahmen, die einzigen gemalten in St. Barbara. Die Gemeinde ist jung. „Das sind alles Normalverdiener. Und wir bekommen keine Kirchensteuer und auch kein Geld aus Russland“, sagt Veselov über die finanzielle Situation. Gerade erst musste das marode Dach des Glockenturms für etwa 10 000 Euro repariert werden. Echte Ikonen können da nicht mal eben finanziert werden. Die rund 90 Heiligenbilder an den Wänden, der Orgelempore und den Ikonenpulten sind Drucke — genauso wie die Ikonostase. „Ob wir die in zwei oder in 20 Jahren mal durch eine echte ersetzen können, das kann ich nicht sagen“, meint der Priester.

Hinter der dreitürigen Trennwand nimmt ein Plätschergeräusch seinen Weg in das ansonsten komplett stille Gotteshaus und schallt von den runden Mauern wieder. Lew Ljubimow wäscht gerade einen Pinsel aus, um sich dem nächsten Gewand eines Heiligen zu widmen. Sein Stil ist historisch, seine Technik modern. Mit seinem Handy vergegenwärtigt er sich vor Ort die Motive, die er anbringen will. Es sind Fotos von Malereien in anderen Kirchen. Der Stil, an dem er sich persönlich orientiert, ist die byzantinische Kunst des 14. Jahrhunderts. „Das ist die höchste Entwicklungsstufe der bildlichen Kunst in der orthodoxen Kirche“, sagt er. Und wie er es in seiner dreijährigen Ausbildung an einer Schule der Ikonenmalerei in der Nähe seiner Heimatstadt gelernt hat, ist seine eigene Arbeit dann am besten, „wenn sie sich so nah wie möglich an in Kirchen fertigen und anerkannten Kunstwerken orientiert“. Das sei vergleichbar mit einer Handschrift, sagt Veselov. „Jeder hat seine eigene, aber die Buchstaben sind eigentlich alle gleich.“

Wenn Ljubimow den tatsächlich letzten Buchstaben auf die Schriftrollen der Heiligen gesetzt hat, ist das letzte Detail dessen geschafft, was er ohne Vorabskizze nur in seinem Kopf entwickelt hat. „Wo andere eine weiße Wand sehen, wenn sie in eine Kirche kommen, sehe ich direkt die Bilder.“ Und die Krefelder können sein Werk dann bei der Nacht der offenen Kirchen im Mai bewundern (siehe Kasten).

Mehr von Westdeutsche Zeitung