Krefeld: „Ich darf das, ich bin selber dick!“

Krefeld: „Ich darf das, ich bin selber dick!“

Die Geschichte einer übergewichtigen Frau, die rausging, um den Menschen zu zeigen, was es bedeutet, dick zu sein.

Krefeld. Mit Mitte 20, einem Alter, in dem die meisten Mittzwanziger ausgehen und Spaß am Leben haben, hatte Nicole Jäger bereits etliche Kuren hinter sich und wog 340 Kilogramm: „Mir ging es nur noch schlecht und ich wusste, dass sich etwas ändern muss“, berichtet Jäger. Zig Diäten und immer neue Ermahnungen haben allerdings nicht gefruchtet und Jäger erkannte, dass sie einen anderen Weg gehen muss: „Ich habe angefangen zu erkennen, dass man, wenn man abnehmen will, trotzdem essen muss.“

Die Kabarettistin verlor daraufhin in mehreren Jahren über die Hälfte ihres Ausgangsgewichtes. „Wenn ich das nicht gemacht hätte, würden wir heute nicht telefonieren“, gesteht Jäger offenherzig. Die studierte Sprachwissenschaftlerin schrieb zu der Zeit schon an ihrem Blog, auf den ein Verlag aufmerksam wurde: „Ich erhielt eines Tages eine Mail von einem Verlag, ob ich nicht ein Buch schreiben möchte. Ich hab das als Witz abgetan und weggeklickt.“ Gut, dass Jäger sich die Mail dann noch mal angeschaut hat, denn sie war vom Rowohlt-Verlag: „Meine erste Reaktion war trotzdem: Auf gar keinen Fall werde ich ein Buch schreiben“, erzählt sie lachend. Es kam anders.

2015 kam das Buch „Die Fettlöserin“ auf den Markt. Gleichzeitig hatte Jägers Manager die Idee, daraus ein Bühnenprogramm zu machen: „Mein Verlag sagte, so eine Vorbereitungsphase für ein Bühnenprogramm dauert vier bis fünf Jahre, also dachte ich, wir haben noch viel Zeit.“ Stattdessen rief ihr Manager sie noch im selben Jahr an und sagte: „Schreib mal ein Bühnenprogramm, im Januar 2016 hast du deinen ersten Auftritt“, berichtet Jäger.

Zur Hilfe kam der Kabarettistin, dass sie früher schon Improvisations-Theater gemacht hat und sich mit Comedy auskennt: „Ich habe einfach überlegt, was fände ich selbst lustig, wenn ich im Publikum säße.“ Trotzdem war der erste Bühnenauftritt ein großer Schritt für Jäger: „Als personifiziertes Lampenfieber war das nicht ohne für mich. Aber seitdem knallt’s und es ist der geilste Job der Welt.“

In ihrer Show will die Autorin nicht belehren, sondern mittels Humor den Menschen aufzeigen, mit welchen Problemen Übergewichtige zu kämpfen haben: „Wir reden in der Öffentlichkeit ja nicht wirklich mit Dicken, sondern eher über sie“, erzählt Jäger. „Einerseits ist es total witzig, Dinge aus der Sicht einer Übergewichtigen zu erzählen. Andererseits ist es oft auch tragisch, wenn eine Siebenjährige mir erzählt, dass sie mit ihrem Gewicht unzufrieden ist und abnehmen muss“, so Jäger, die nach einer beendeten Ausbildung als Heilpraktikerin Psychotherapie auch als Ernährungscoach tätig war. Letzten Endes gehe es ihr vor allem darum zu zeigen, „dass man übergewichtig und glücklich sein kann und trotzdem noch etwas an seinem Gewicht ändern will“, so Jäger.

Mehr von Westdeutsche Zeitung