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Holzkunst aus Erzgebirge in Krefeld-Hüls: Blick ins Weihnachts-Paradies

Kunsthandwerk : Blick in ein hölzernes Weihnachts-Paradies

Nicht nur in der Adventszeit ist das Hülser Geschäft mit Holzkunst aus dem Erzgebirge erste Anlaufstelle für Fans des traditionellen Kunsthandwerks. Viele von Christa Thelens Kunden kommen schon seit Jahrzehnten zu ihr.

Von außen sind nur zwei kleinere Fenster zu sehen. Dennoch bleiben immer wieder Passanten stehen und drücken sich fast die Nasen platt an den Scheiben des Hauses Krefelder Straße 50 in Hüls. Dahinter eröffnet sich dem Betrachter ein riesiges hölzernes Weihnachts-Paradies. Wer die Tür zu Christa Thelens Räumen öffnet und eintritt, sollte Zeit mitbringen. Seit 26 Jahren betreibt die Wahl-Hülserin hier ihr einstiges Hobby: Sie ist begeistert vom Kunsthandwerk aus dem Erzgebirge und hat alle namhaften Hersteller in ihrem Sortiment.

Sammelleidenschaft fing bei einem Besuch nach der Wende an

Zunächst weiß der Besucher gar nicht, wo er hinschauen soll. In dem vorderen Raum stehen Engel aller Ausfertigungen in verschiedenen Vitrinen. Auf den umlaufenden Regalbrettern steht Nussknacker an Nussknacker nebeneinander: vom klassischen in Bergmanns-Uniform bis hin zu Einstein, der bei der Entwicklung der Relativitätstheorie vermutlich auch anfangs dicke Nüsse geknackt haben wird. Klar, dass bei dem seiner Person nachgestellten Nussknacker die Formel E=mc² nicht fehlen darf. Christa Thelen hat ihre Freude daran.

Dabei fing ihre Sammelleidenschaft, die sie zum Beruf gemacht hat, eher traditionell nach der Wende 1989 an. „Ich wollte meine alte Heimat im Erzgebirge wiedersehen und habe von dort einige Figuren mitgebracht“, erzählt die 81-Jährige. Die Montanregion Erzgebirge/Krusnohori wurde Anfang Juli 2019 zum Unesco-Welterbe erklärt. Ein Ritterschlag für eine Region, die seit mehr als 800 Jahren auf einzigartige Weise vom Bergbau geprägt ist. Das Erzgebirgische Kunsthandwerk ist eng mit dem Bergbau verbunden. Ob Engel und Bergmann, Pyramide oder Schwibbogen, Lichterzauber, Räuchermann oder Spieluhr – jedes einzelne Objekt zeugt von hoher Handwerkskunst, es ist gedrechselt, geschnitzt oder per Hand bemalt.

„Es gab nach der Wende einen großen Nachholbedarf an diesen Sachen; vorher hat man sie kaum bekommen, auch nicht auf den zahlreichen Weihnachtsmärkten“, erzählt Christa Thelen. Entsprechend groß war die Nachfrage, als sie im Haus ihres Schwagers im vorderen Ladenlokal die ersten Stücke zum Verkauf anbot. Das sprach sich flott rum.

Die Hülserin hatte schnell ihre Stammkundschaft. Doch auch Kunden aus Kapellen, Duisburg, Moers und auch Düsseldorf kamen, wo nur das Geschäft Franzen an der Kö eine große Auswahl dieses Kunsthandwerks bietet. Das nächste Geschäft sei in Kevelaer, erzählt Christa Thelen.

Längst sammeln ihre Kunden die Figuren verschiedener Kollektionen, die in vielen Fällen jedes Jahr um eine neue Figur ergänzt werden. So zum Beispiel die Engel der Manufaktur Wendt und Kühn. Wie filigran und aufwändig sie gearbeitet sind. Ein Blick auf die Internetseite zeigt die aufwändige Herstellung der munteren kleinen Figuren.

Im Holzlager der Grünhainichener Manufaktur geht es los. Hier werden die zu Brettern geschnittenen Stämme zunächst zum Trocknen gelagert. Gut zwei Jahre vergehen, bis daraus erste Kanteln, Leisten oder Rundstäbe für die weitere Bearbeitung gefertigt werden können. Span für Span wird danach das Holz auf der Drechselbank mit verschiedenen „Eisen“ bearbeitet. Unter den kunstfertigen Händen der Drechsler entstehen damit die ersten körperhaften Konturen beziehungsweise rotationssymmetrischen Kleinteile, die noch geschnitten, gefräst und verschliffen werden, um so zur endgültigen Form zu gelangen. Bis sich jedoch die zunächst recht einfachen figürlichen Grundformen zur endgültigen Komposition fügen, sind weitere Stunden sorgsamer Handarbeit notwendig.

„Das hat auch seinen Preis“, erzählt Christa Thelen. Zwischen 25 bis 42 Euro kostet eine einzelne Figur. Je aufwändiger die Dekoration, zum Beispiel mit Vogel und Blume in Miniatur, umso teurer ist sie. In Zeiten, in denen Geld auf dem Sparbuch kaum noch etwas abwirft, sind die Sammelobjekte eine gute Anlage. Ihr Wert steigt von Jahr zu Jahr.

150 bis 200 Manufakturen fertigen die Dekorationen in Handarbeit

Die Hülserin kennt inzwischen alle Hersteller. 150 bis 200 gibt es. „Jahrelang bin ich mit meinem Mann zu den Messen nach Frankfurt und Leipzig gefahren“, erzählt die rüstige Seniorin, deren Augen blitzen, wenn sie von den verschiedenen Manufakturen und deren Kollektionen spricht.

Längst reicht der vordere Raum ihres Geschäfts an der Krefelder Straße nicht mehr aus und ihr Sortiment erstreckt sich über vier hintereinander liegende Räume. In einer großen Vitrine ist ein großes Orchester aufgebaut: 700 Engel spielen die unterschiedlichsten Instrumente darin. „Längst sind die Engelchen nicht mehr nur blond, sondern auch braun- oder schwarzhaarig“, erzählt Christa Thelen. Doch nicht nur die traditionellen Figuren sind gefragt. Längst gibt es „wirklich coole Typen“ darunter, wie Udo Lindenberg in der neuesten Ausgabe des Magazins für Erzgebirgisches Kundhandwerk „Die Kunst zum Leben“ in einem Interview betont. Die Oma des bekannten Sängers kommt aus dem nahen Vogtland und Schwibbögen, Engel und Raachermannel hätten ihn immer begleitet. Vor kurzem habe er sich die rote, moderne Weihnachtsmann-Band von Björn Köhler gekauft. Kein Wunder, tragen die Musiker doch alle schwarze Brillen.

Und auch der 100. Geburtstag des Bauhauses beeinflusst das Erzgebirgische Kunsthandwerk. Beispiele dafür sind eine „Erzgebirgische Spielerei“ mit Engel und Bergmann, Lichterbogen und Reiter im klaren Baukastensystem von Wolfgang Braun wie auch die Heilige Familie mit den Tieren und den Heiligen drei Königen der Galerie Näumanns aus Seiffen aus der preisgekrönten Kavex-Serie. Sie sind aufwändig gedrechselt als Röhre und weiter zur Figur gearbeitet, in schlichten hellen Farben. Etwas für Puristen.