Hinter 2800 Namen verbergen sich 2800 Schicksale jüdischer Krefelder

Geschichte : 2800 Namen und Schicksale

Die NS-Dokumentationstelle hat eine Datenbank jüdischer Krefelder zusammengestellt.

2800 Personen. 2800 Namen. 2800 Schicksale. Dies findet sich in der neuen „Historischen Datenbank Jüdische Krefelder“. Die NS-Dokumentationsstelle der Stadt in der Villa Merländer hat es sich damit zur Aufgabe gemacht, Informationen, Dokumente und historische Quellen aller Art zu ehemaligen jüdischen Krefelder Bürgern zusammenzutragen.

Das Projekt geht noch auf die Zeit zurück, als Ingrid Schupetta Leiterin der Dokumentationsstelle war. Gemeinsam mit ihrer Nachfolgerin Sandra Franz (seit Anfang 2018) und der Historikerin Claudia Flürmann hat sie jetzt die Datenbank vorgestellt. Sie umfasst alle Personen, die zwischen dem Anfang des 19. Jahrhunderts und dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Krefeld gelebt haben.

„Die Nationalsozialisten wollten die Menschen auf eine Nummer reduzieren. Mit der Datenbank wollen wir ihnen Name und Geschichte zurückgeben“, erläutert Sandra Franz. Um dies leisten zu können, wurden die Erkenntnisse aus unzähligen Quellen und Archiven zusammengetragen, angefangen von den „Krefelder Studien“ von 1981, die erstmals eine ungefähr 800 Namen umfassende Opferliste der „Krefelder Juden“ enthielten, bis hin zum Bundes- und Landesarchiv sowie dem Archiv der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel.

Schreibweisen von Namen und Orten machen Arbeit

Die Hauptlast der Auswertung aller Quellen und der anschließenden Bearbeitung lag bei Claudia Flürmann. Viele Details hätten dabei große Mühe gekostet, berichtete sie, so zum Beispiel, wenn es ganz unterschiedliche Schreibweisen von Namen und Orten gab. Von Anfang an, so Schupetta, sei es das Ziel gewesen, die Ergebnisse öffentlich zugänglich zu machen. Gleichzeitig aber galt es dabei, den Datenschutz zu beachten, denn neben den reinen Familiendaten (Eltern, Geschwister, Ehepartner) gibt es zum Beispiel Informationen zum Schulbesuch, zum beruflichen Werdegang, zu Wohnadressen in Krefeld und zu verwandtschaftlichen Beziehungen über mehrere Generationen hinweg.

Das Interesse daran ist groß. Es gebe zunehmend Anfragen von Enkeln oder weiter entfernten Verwandten aus Übersee, berichtet Flürmann. Aber auch als Grundlage für historische Forschungsprojekte oder Schülerarbeiten sowie für die Verlegung von Stolpersteinen kann und soll die Datenbank verwendet werden. Diese soll stetig ausgebaut und verbessert werden. Auf Rückmeldungen aus dem In- und Ausland sind die Macher jetzt schon gespannt.

Um dem Datenschutz Rechnung zu tragen, findet sich im Internet nur eine vereinfachte Version, ein Findbuch, das neben Namen und Geburtsdaten nur noch den Geburtsort enthält. Dies reicht aber meist aus, um einen Menschen zweifelsfrei identifizieren zu können. In einem zweiten Schritt können sich Interessenten dann mit Hilfe dieser Grundlagen an die NS-Dokumentationsstelle wenden, um dort weitere Informationen zu bekommen.

Nachvollziehen kann man auf diese Weise zum Beispiel den Lebensweg der Krefelder Familie Herzog. Krawattenstofffabrikant Walter Herzog war noch 1935 mit dem „Ehrenkreuz für Kriegsteilnehmer“ ausgezeichnet worden. Drei Jahre später, beim Novemberpogrom 1938, wurde er verhaftet und für Wochen in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Seine Firma wurde zerschlagen, die Auswanderung der Familie scheiterte. Walter Herzog starb 1944 im KZ Tröglitz/Rehmsdorf in Sachsen-Anhalt. Von der Familie überlebte nur seine Frau Cäcilie, die 1946 in die USA auswanderte.

Doch nicht nur von den Nazis getötete Juden werden aufgeführt, sondern auch anders- oder nichtgläubige Menschen jüdischer Abstammung. Menschen wie Hans Finkelstein, geboren am 17. Mai 1885, seit 1895 evangelischer Christ. Der promovierte Chemiker leitete seit 1912 das Forschungslabor der IG Farben in Uerdingen. Er wurde 1938 entlassen und beging wenig später Selbstmord.

Gefördert worden ist das Projekt von der Kulturstiftung der Sparkasse Krefeld. „Die Vorgeschichte dazu findet sich in Willich“, berichtet Michael Rotthoff als deren Geschäftsführer. Dort wurde 2016 das ebenfalls geförderte Buch „Die Geschichte der Juden in Willich“ veröffentlicht, das ursprünglich auf Recherchen von Schülern zurückging. „Danach hat sich eine enge Bindung zu den Nachfahren jüdischer Familien entwickelt“, berichtet Rotthoff, der sich diesen Effekt auch für Krefeld wünscht.

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