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Grundschüler unter Druck

Grundschüler unter Druck

Immer mehr Kinder bekommen Nachhilfe. Oft geht es den Eltern dabei um die Empfehlung für die weiterführende Schule.

Krefeld. Wenn Grundschüler heutzutage von der Schule nach Hause kommen, geht es für viele mit einem straff durchgeplanten Programm weiter. Nach den Hausaufgaben dürfen sie oft nicht raus zum Spielen, sondern werden von Mama und Papa zu Nachhilfe-Instituten, Sprachförderungskursen oder Konzentrationsworkshops gebracht.

Häufig steckt hinter diesem Aktionismus der Eltern die Angst, dass ihr Kind nach der Grundschule „nur“ den Sprung auf die Hauptschule schafft.

„Viele Eltern werden nervös, wenn es um die Empfehlung für die weiterführende Schule geht“, bestätigt Kathrin Paasen von der Studienkreis Krefeld. Damit die Kinder für die Zeit nach der Grundschule gut vorbereitet sind, bietet den Studienkreis den Kurs „Fit für die 5. Klasse“ an.

In Bockum gibt es zudem eine eigene Kinderlernwelt — einen Raum, der speziell für Grundschulkinder eingerichtet wurde. „Der Druck auf die Jüngeren ist schon größer geworden. Wir haben auch mehr Grundschüler als noch vor ein paar Jahren“, sagt Paasen.

Besonders wichtige Themen seien das Rechnen, die Sprache und die Konzentration. „In allen Ferien bieten wir Kurse an. An denen nehmen auch viele Grundschüler teil“, erzählt Paasen.

So startet zum Beispiel in den kommenden Sommerferien die „Summer School“ für Schüler aller Altersklassen. Sobald Paasen oder ihre Mitarbeiter aber merken würden, dass die Kinder zu viel Stress und kaum noch Freizeit hätten, würden sie die Eltern darauf ansprechen.

Das Krefelder Lernstudio Barbarossa an der Rheinstraße bietet in den längeren Ferien keinen Gruppenunterricht an. „Die Schüler brauchen auch mal Pause. Die müssen Zeit haben, sich zu erholen. Es gibt auch noch andere Dinge im Leben, als nur das Lernen“, sagt Studioleiterin Ines Brand. Auch in ihr Studio kommen Grundschüler, es seien aber nicht unbedingt mehr geworden in den letzten Jahren.

Viele von ihnen hätten einen Migrationshintergrund: „Da fehlt dann einfach der Sprachschatz. Und obwohl das teilweise sehr intelligente Kinder sind, kommen sie in der Schule nicht mit.“ Größer geworden sei der Druck, den Eltern auf jüngere Schüler ausüben würden. „Für viele ist es das Schlimmste, wenn ihr Kind auf eine Hauptschule gehen muss“, sagt Brand.

Im Lernstudio möchte die 45-Jährige diesen Druck jedoch etwas abmildern und den Kindern vermitteln: „Hier kannst du alles fragen und dich auch mal entspannen!“

„Viele Eltern wollen für ihre Kinder nur Nachhilfe, damit sie eine bessere Empfehlung bekommen“, bestätigt auch Klaus Schmidt, Mitinhaber der Abacus-Nachhilfe Krefeld. Deutsch und Mathe seien dabei die Fächer, die besonders nachgefragt würden. Bei der Abacus-Nachhilfe gibt es keine Gruppenkurse, sondern der Lehrer kommt zu den Schülern nach Hause.

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung nehmen rund 1,1 Millionen Schüler in Deutschland bezahlten Nachhilfe-Unterricht. Insgesamt geben Eltern dafür 1,5 Milliarden Euro aus. Bereits in der 4. Klasse bekommen im Durchschnitt 14,8 Prozent der Grundschüler Nachhilfe im Fach Deutsch.

„Der Druck auf die Kinder ist durch die gesellschaftliche Situation größer geworden. Ein möglichst hoher Schulabschluss ist enorm wichtig, den wollen alle. Nur wenn es nicht klappt, geht es oft zu Lasten der Kinder“, sagt Hildegard Reintges, Rektorin der Grundschule Horkesgath.

Gebe es schulische Probleme, würde die Schule als erstes in beratender Funktion einspringen. „In der Regel reicht das Förderprogramm der Schule. Wenn sich die Eltern gut beraten fühlen, holen sie sich nicht so schnell Hilfe von außen“, erklärt Reintges.

„Ab Ende der 3. Klasse steigt die Erwartungshaltung der Eltern im Bezug auf eine gute Empfehlung und dann entsteht natürlich Druck“, sagt auch Barbara Peters, Rektorin der Grundschule Schönwasser-Schule.

Auch für sie ist das ein gesellschaftliches Problem: „Ich sehe das kritisch. Auf lange Sicht muss sich da einfach das Schulsystem wandeln. Eltern können zu Hause auch einfach nicht alles leisten.“

In der offenen Ganztagsschule sei Nachhilfe jedoch nicht so ein großes Thema. In den Lernzeiten am Nachmittag könne man die Kinder individuell fördern, Lücken schließen und zum Experimentieren und Forschen animieren.