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Gericht: Näherinnen wurden ausgebeutet

Gericht: Näherinnen wurden ausgebeutet

Rumänische Frauen mussten für drei Euro pro Stunde arbeiten. Ein Duo soll so die Sozialkasse um 92 000 Euro betrogen haben.

Krefeld/Nettetal. Ob er ein Bordell mit rumänischen Arbeitskräften eröffnen wolle, sei er vom Lebensgefährten der 29-jährigen rumänischen Angeklagten zuerst gefragt worden, berichtete der 72-jährige Mitangeklagte am Montag vor dem Schöffengericht in Krefeld. Als der ehemalige Spediteur und heutige Rentner diesen Vorschlag abgelehnt habe, habe ihm das Paar eine weitere Geschäftsidee angetragen, in deren Branche er sich besser zu Hause fühlte. Gewünscht waren nun seine früheren Kontakte zu textilverarbeitenden Unternehmen.

Die beiden Angeklagten vereinbarten daraufhin, so der Vorwurf vor Gericht, eine Zusammenarbeit, die zum Ziel hatte, rumänische Arbeitskräfte als Scheinselbstständige zu verpflichten und so die Sozialversicherungsträger zu hintergehen. Diesen sollen zwischen August 2010 und Oktober 2011 über 92 000 Euro vorenthalten worden sein.

Der ermittelnde Zollbeamte berichtete am Montag als Zeuge vor Gericht über die Ermittlungen. Bei den Durchsuchungen der Geschäftsräume habe man Arbeitsbücher gefunden, aus denen die Einsätze exakt hervorgehen.

Das Geschäftsmodell schilderte der Zollbeamte als typisches Konstrukt, um arbeitsrechtliche Bestimmungen zu umgehen. Die Angeklagte hatte eigens eine Gesellschaft gegründet, der Spediteur stellte die Kontakte zu Kunden her, übernahm die Kontenführung und transportierte die Arbeiterinnen zu ihren Arbeitsstellen.

Die Angeklagte warb die Arbeitskräfte aus Rumänien an und brachte sie in spartanisch eingerichteten Sammelunterkünften zunächst in Viersen, später in Nettetal-Schaag, unter. Die als Näherinnen beschäftigten Frauen mussten bis zu zehn Stunden täglich an sechs Tagen in der Woche arbeiten. Dabei soll es ihnen untersagt gewesen sein, sich außerhalb der Unterkünfte aufzuhalten. Für Nahrung sei nur unzureichend gesorgt worden.

Die Staatsanwältin sprach am Montag vor Gericht von ausbeuterischen Verhältnissen bei einem Stundenlohn von drei Euro. Nun sollen weitere Zeugen gehört werden.