1. NRW
  2. Krefeld

Für viele war Krefeld die Hölle

Für viele war Krefeld die Hölle

Kriegsbeginn vor 75 Jahren: Zahlreiche Zwangsarbeiter wurden in den Krefelder Fabriken brutal ausgebeutet.

Krefeld. Vor dem Zweiten Weltkrieg war Krefeld eine lebendige, florierende Stadt. Die Arbeitslosigkeit war seit 1933 stetig gesunken. Die vom NS-Regime geförderte Rüstungswirtschaft und der Ausbau der Wehrmacht für den geplanten Krieg verschaffte der Stadt Vollbeschäftigung. Zu Beginn des Kriegs 1939, vor 75 Jahren, wurden aber immer mehr Männer eingezogen und es mangelte an Arbeitskräften. 1942, nach drei Jahren Krieg, fehlten den Industriebetrieben in Krefeld fast ein Drittel der Belegschaft.

Das NS-Regime rekrutierte deshalb Zwangsarbeiter. Ohne diese Arbeitskräfte hätte die (Kriegs-)Wirtschaft nicht funktioniert. Zu Beginn des Krieges erfolgte die Anwerbung von Freiwilligen im Ausland durch Außenstellen der Arbeitsverwaltung. Aus der Anwerbung wurde später Zwang. Zwangsrekrutierung und Dienstverpflichtung unter dem Generalbevollmächtigten des Arbeitseinsatzes, Fritz Sauckel, waren gängige Praxis. Das Arbeitsamt hatte bei der Zuweisung und Verteilung der Zwangsarbeiter eine Schlüsselfunktion inne.

Unter den Zwangsarbeitern stellten die Niederländer mit 3400 Menschen die größte Gruppe, gefolgt von den Ukrainern mit 3000 und den Belgiern mit 2000 Menschen. Die hauptsächlichen Einsatzfelder der Krefelder Zwangsarbeiter waren die Chemie- , Eisen- und Stahlindustrie, die neben Kriegsgefangenen auch „Ostarbeiter“ beiderlei Geschlechts beschäftigten. Nahezu alle namhaften Krefelder Unternehmen beschäftigten Zwangsarbeiter, zum Beispiel IG Farben in Uerdingen, Deutsche Edelstahlwerke (Vereinigte Stahlwerke AG) oder „Rheika“ (Rheinische Kunstseidefabrik) in Linn. Aber auch Baugewerbe, Stadtverwaltung, Gesundheitswesen, Reichsbahn, Reichspost, Güternahverkehr und die Landwirtschaft hätten ihre Aufgaben seit 1942 ohne Zwangsarbeiter nicht mehr erfüllen können.

Der irrationale Rassismus des NS-Regimes und das ökonomische Interesse der Betriebe waren keinesfalls konfliktfrei. Dass Arbeitskraft eine wertvolle Ressource war, wurde, wenn man von den Häftlingen des KZ absieht, von vielen Betrieben und Personalverantwortlichen gesehen. Sicherlich war es eher betriebswirtschaftliches Kalkül und nicht humane Gesinnung, die sie antrieb.

1944 betrug die wöchentliche Regelarbeitszeit 60 Stunden. Wie Zwangsarbeiter zu behandeln waren, hatte die NS-Regierung bis ins Detail festgelegt. Deutlichster Ausdruck dieser Regelungen waren die Vorschriften zur Kennzeichnungspflicht: Polnische Arbeiter hatten ein violettes „P“ auf gelbem Grund, Ostarbeiter ein weißes „OST“ auf blauem Grund an der Kleidung zu tragen.

Es gab eine rassenideologische Rangfolge, die Osteuropäer am niedrigsten einstufte. Niederländer, Briten und Franzosen galten von der Abstammung her als gleichwertig. Diese konnten sich frei bewegen, die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen und Gaststätten besuchen. 1944 verschlechterten sich allerdings auch für Niederländer, Belgier und Franzosen die Arbeits- und Lebensbedingungen. Die Niederländer zogen in der Regel die Arbeit als Grenzgänger einer Dienstverpflichtung beim Arbeitsdienst vor; Lohnhöhe und Arbeitsbedingungen waren ständige Quelle der Unzufriedenheit.

Als die US-Truppen in Krefeld einrückten, war das Zwangsarbeiterlager der Edelstahlwerke einer der ersten Eindrücke, den sie von Krefeld bekamen. Die amerikanische Soldatenzeitung berichtete, dass die „Sklavenarbeiter die US-Truppen als Befreier empfingen und es zu überschwänglichen Reaktionen kam. Für die heimatlosen Menschen war das Leiden allerdings nicht in jedem Falle vorbei. „Displaced Persons“ wurden die heimatlosen ausländischen Zwangsarbeiter genannt. Vielen Osteuropäern ging es danach nicht besser als zuvor. Viele wurden gegen ihren Willen in die Sowjetunion deportiert. Immerhin blieb den Niederländern in den grenznahen Gebieten das Schicksal erspart, nach der Befreiung als „displaced persons“ durch die Nachkriegszeit zu irren. Niederländer, Belgier und Franzosen konnten in der Regel sehr schnell in ihre Heimat zurückkehren.