Friedhelm Funkel: "Krefeld war eine sehr gute Entscheidung für mich"

Serie „Mensch, Krefeld“ : „Krefeld war eine sehr gute Entscheidung für mich“

Bundesliga-Trainer Friedhelm Funkel war erster Gast der Reihe „Mensch, Krefeld“, die unsere Redaktion mit der Sparkasse organisiert. Im Live-Interview vor Publikum sprach er über lange Busfahrten in den 70ern, eine Anekdote aus der Nacht des Dresden-Spiels und die Fußballstadt Krefeld.

36 Stunden, nachdem wir diesen Abend angekündigt hatten, waren alle Plätze vergriffen. Und das obwohl Sie zuletzt vor 23 Jahren hier als Trainer gearbeitet haben. Was macht die besondere Beziehung zwischen Krefeld und Ihnen aus?

Friedhelm Funkel: Ich lebe sehr gerne in Krefeld. Ich habe 20 Jahre für Bayer beziehungsweise den KFC als Spieler gespielt und als Trainer gearbeitet. Ich habe mich immer sehr wohl gefühlt in Krefeld. Und ich glaube auch, dass die Menschen in Krefeld das anerkennen, dass ich hier sportlich sehr gute Leistungen gebracht habe, dass ich mich immer zu Krefeld bekannt habe. Ich fühle mich mehr als Krefelder als als Neusser. Neuss ist zwar meine Geburtsstadt, aber ich fühle mich echt als Krefelder. Ich glaube, das ist der Grund, warum heute auch so schnell so viele Leute hier hingekommen sind. Das freut mich natürlich.

Was hat Sie 1973 vom VfR Neuss zu Bayer 05 Uerdingen gebracht?

Funkel: Hier hin gebracht hat mich die Angst, von Zuhause wegzugehen. Ich hatte als 19-Jähriger auch ein Angebot von Preußen Münster. Das ist jetzt nicht am anderen Ende der Welt, aber es ist doch ein Stück weit weg vom Niederrhein. Ich habe mich dann für Bayer 05 entschieden, weil ich bei meinen Eltern wohnen bleiben konnte. Im Nachhinein kann ich sagen, dass das eine sehr sehr gute Entscheidung für mich war. Ich bin morgens mit dem Auto über die A57 um halb neun zum Training gefahren, da waren vielleicht 150 Autos unterwegs. Das ist heute natürlich anders.

Sie haben damals noch eine Ausbildung gemacht, zum Großhandelskaufmann. Wie viele Spieler machen das heute noch?

Funkel: Das gibt es heute nicht mehr. Es gibt noch den ein oder anderen, aber das ist die Ausnahme, der nebenbei ein Studium absolviert. Heute wird sehr sehr viel verlangt von den Spielern, so dass das unmöglich ist. Als wir 1975 aufgestiegen waren, haben wir noch von morgens acht bis nach nachmittags um zwei gearbeitet und dann um drei trainiert. Das ist heute undenkbar.

Wie sind Sie damals zu Auswärtsspielen gefahren und wie wurden Sie, etwa im Trainingslager, untergebracht?

Funkel: Das ist überhaupt kein Vergleich zu heute. Wir sind wirklich mit dem Bus quer durch Deutschland gefahren, ich kannte damals alle Autobahnen. Und die Busse waren nicht so komfortabel, wie sie heute sind. Es gab keine Liegesitze, keine Fernseher. Was hat man gemacht? Man hat Karten gespielt. Man hat Skat gespielt oder gepokert. Und man war froh, wenn man nach vier Stunden mal Pause hatte. Darüber hat sich keiner beschwert, das war damals ganz normal. Wenn das die Spieler heute machen müssten, die würden uns für verrückt erklären. Ich bin froh, dass ich das noch erlebt habe. Ich weise meine jüngeren Spieler manchmal daraufhin, wie gut sie es heute haben.

Sie sind 1980 für drei Jahre nach Kaiserslautern gegangen. Warum? Und was hat Sie zur Rückkehr bewegt?

Funkel: Kaiserslautern war eine Mannschaft, die damals in der Spitzengruppe der Bundesliga mitgespielt hat. Die Möglichkeiten hatten wir damals in Uerdingen, wir waren gerade wieder aufgestiegen, nicht. Außerdem, so ehrlich muss ich auch sein, habe ich natürlich ein finanziell wesentlich besseres Angebot bekommen. Das waren zweieinhalb sehr sehr schöne Jahre. Dann habe ich mich leider verletzt. Danach hätte ich wieder spielen können, aber der damalige neue Trainer Dietrich Weise kam zu mir und sagte dann: ,Herr Funkel, Sie haben eine so schwere Verletzung hinter sich, ich glaube nicht, dass Sie das noch sportlich schaffen, in der Bundesliga zu spielen.’ Das war in Krefeld nachzulesen und der neue Uerdinger Trainer Timo Konietzka wollte mich unbedingt. Das war die nächste wirklich gute Entscheidung für mich. Dann habe ich Dietrich Weise gezeigt, wie alt ich bin, denn ich habe noch bis 37 in der ersten Liga Fußball gespielt.

Sie haben in der ersten und zweiten Bundesliga insgesamt 149 Tore geschossen. Erinnern Sie sich an das erste Tor?

Funkel: Nein.

Das erste war am ersten Spieltag im August 1975, bei einem 1:2 gegen Rot-Weiss Essen. Horst Hrubesch hat zweimal für Essen getroffen, dann haben Sie den Endstand markiert.

Funkel: An das Spiel in Essen kann ich mich erinnern. Ich weiß, dass Horst damals in seinem ersten Bundesliga-Spiel zwei Tore geschossen hat. Das war nicht unbedingt notwendig.

Wie haben Sie das Pokal-Finale 1985 erlebt?

Funkel: Das werde ich nie vergessen. Es war Pfingstsamstag, 35, 36 Grad. Das war gut. Wir wussten alle, dass das wahrscheinlich das einzige Mal ist, dass wir im Pokalfinale stehen. Wir haben uns auf gut Deutsch den Arsch aufgerissen, und den Bayern war es einfach zu heiß. Die hatten nichts mehr hinzuzusetzen, als wir in der zweiten Halbzeit nochmal richtig Gas gegeben haben.

Was hatte sich in den 80ern verändert, dass solche Erfolge möglich waren?

Funkel: Das ganze Drumherum ist professioneller geworden. Wir haben nicht mehr an der Grotenburg trainiert. Wir sind umgezogen zum Löschenhofweg. Dort hatten wir sieben oder acht Rasenplätze, die von Bayer gepflegt worden sind. Wir hatten Top-Bedingungen. Wir hatten damals die beste Jugendarbeit von ganz Deutschland, wir hatten das beste Trainingsgelände in ganz Deutschland. Das war das Verdienst der Bayer AG, das muss man ganz klar sagen. Und wir hatten damals den richtigen Trainer: Kalli Feldkamp.

Sie sind ein sehr sachlicher Typ, aber würden Sie mit Blick auf das 7:3 gegen Dynamo Dresden einmal das Wort Wunder in den Mund nehmen?

Funkel: Ich müsste das ja dann schon zum zweiten Mal in den Mund nehmen. Ich habe ja gesagt, dass die Leistung mit Fortuna in der letzten Saison schon ein Wunder war. Aber ja: Es war das erste Mal, dass ich das Wort Wunder in den Mund genommen habe. Das war wirklich ein Wunder, und ich kann es bis heute nicht wirklich erklären. Ich kann da eine Anekdote erzählen: Mein Vater war mit einem Freund in der Grotenburg. Der ist in der Halbzeit, als es 1:3 stand, aus Verärgerung nach Hause gefahren. Der hat nicht gedacht, dass wir das noch schaffen. Eine halbe Stunde später kam er nach Hause, da lief das Spiel natürlich im Fernsehen. Und meine Mutter fragt ihn ganz entgeistert: „Was machst Du denn hier zuhause?“ Da stand es mittlerweile 5:3 für Uerdingen.

Warum sind Sie Trainer geworden?

Funkel: Irgendwas musste ich ja machen. Ich habe mir damals, als ich 1983 nach Uerdingen zurückkam, im Vertrag zusichern lassen, dass ich am Ende meiner Laufbahn eine Position im sportlichen Bereich erhalte. Ich konnte mich also schon eine Zeit darauf vorbereiten. Ich habe dann in meinen beiden letzten Profijahren nebenbei den VfR Neuss trainiert. Das war gar nicht so schlecht. Und dann habe ich die Möglichkeit in Uerdingen bekommen.

Ihr Bruder hat in einem gemeinsamen Interview erzählt, dass Sie früher als Trainer oft auf die Tribüne geschickt worden sind. Sind Sie heute milder geworden?

Funkel: Damals war ich noch jünger, da war ich nicht ganz so zurückhaltend, wie ich es heute immer dann bin, wenn ich weiß, dass ich es sein muss. Am Anfang bin ich schon sehr impulsiv. Aber ich weiß immer, wann Schluss ist. Ich bin schon seit Jahren nicht mehr auf die Tribüne verbannt worden. Jetzt haben wir eine neue Regel mit den Gelben Karten für die Trainer. Man hat mir prophezeit, dass ich spätestens am 17. Spieltag mal auf der Tribüne sitzen werde. Ich habe dagegen gewettet.

Mit Duisburg und Frankfurt haben Sie noch zwei Mal im DFB-Pokalfinale gestanden. Was fasziniert Sie an diesem Wettbewerb?

Funkel: Da sage ich nur ein Wort: Berlin. Das ist im deutschen Fußball ein Highlight, im Mai in Berlin im Finale stehen zu dürfen. Da ist eine super geile Stimmung im Stadion. Ich habe das Pech gehabt, dass ich drei Mal im Finale stand – und drei Mal gegen Bayern München. Da gewinnt man nicht so oft.

Warum haben Sie nie international gearbeitet?

Funkel: Es gab mal Anfragen aus dem Ausland. Es gab auch mal Zeiten, auch wenn sie nie lang waren, in denen ich keinen Job hatte, in denen ich beurlaubt war. Da gab es mal eine Anfrage aus Österreich, aus der Türkei, auch mal aus China. Aber: Was soll ich in China? Ich bin am liebsten am Niederrhein. Ich habe selten weit weg gearbeitet. Frankfurt ist noch nicht so weit, aber Rostock war schon weit, eigentlich zu weit. Man konnte damals nicht fliegen, ich musste immer mit dem Auto fahren. Ich weiß gar nicht, wie oft ich geblitzt worden bin. Ich hatte dann irgendwann mal 16, 17 Punkte. Das ist nicht so gut gewesen.

Wie steht es um die Fußballstadt Krefeld?

Funkel: Im Fußball sind wir in Krefeld momentan nicht so erfolgreich. Es gibt viele andere Sportarten, die leider nicht so im Blick stehen wie der Fußball. Wir haben tolle Bundesligisten: KEV, CHTC, Blau-Weiß – die stehen leider nicht so im Fokus. Das ist schade. Im Fußball haben wir einen Drittligisten, zu dem ich mich im Moment nicht äußern möchte. Wir haben in der Oberliga leider keinen Verein mehr, wir haben in der Verbandsliga zwei. Es gab früher mit Preußen Krefeld auch eine weitere Mannschaft, die in der dritten oder vierten Liga gespielt haben. Das ist im Moment nicht der Fall, deshalb ist der Fußball in Krefeld im Moment nicht so hoch zu bewerten.

Wie stehen Sie zur Sanierung der Grotenburg?

Funkel: Ich möchte natürlich, dass die Grotenburg spielfähig gemacht wird für die dritte Liga oder irgendwann für die zweite Liga. Aber das ist nicht einfach. Die Gesamtkonstellation beim KFC ist nicht einfach. Da sind keine Strukturen, die darauf hoffen können, dass es langfristig Erfolg geben kann. Jetzt habe ich fast schon wieder zu viel gesagt. Der KFC hat auch in der heutigen Zeit ganz tolle Fans. Und der KFC hat im Moment kein einziges Heimspiel, da kommt nie Heimatmosphäre auf, dann ist es natürlich schwierig. Wie man das letztendlich zum Positiven wenden kann? Darauf habe ich keine Antwort.

Wie geht es im Jahr 2020 weiter?

Funkel: Ich weiß es nicht. Ich möchte so aktiv und so gesund bleiben, wie ich bin. Wo es dann fußballerisch hingeht, das möchte ich im Moment noch nicht beantworten. Ich möchte unser Ziel, mit der Fortuna die Klasse zu halten, erreichen. Ich bin auch überzeugt, dass wir das schaffen. Und was dann im Jahr 2020 ist, das lassen wir dann mal auf uns zukommen.

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