Foodsharing: So rettet ein Netzwerk in Krefeld Lebensmittel vor dem Müll

Foodsharing : So rettet ein Netzwerk in Krefeld Lebensmittel vor dem Müll

Julian Brinke hat in Krefeld ein Netzwerk aufgebaut, das Lebensmittel vor dem Müll retten soll. Mitmachen darf jeder, Hauptsache es landet weniger in der Tonne. Im Interview erklärt er, wie das funktioniert.

Julian Brinke kommt mit einem Lächeln zum Gespräch. Schließlich blickt der 40-Jährige auf drei erfolgreiche Jahre zurück. Seit 2016 etabliert der vierfache Vater Foodsharing in Krefeld. Mittlerweile hat sich ein Netzwerk vieler Aktiver entwickelt, das überschüssige Lebensmittel aus dem eigenen Haushalt oder aus Läden verteilt, bevor sie im Müll landen. 70 Tonnen Nahrung habe die Gruppe bislang alleine in Krefeld retten können, sagt Brinke. Er und seine Mitstreiter möchten Verschwendung stoppen. Das scheint dringend notwendig zu sein, schließlich wirft jeder Verbraucher in Deutschland pro Jahr durchschnittlich 55 Kilo Lebensmittel in die Tonne. Brinke berichtet, was seine Initiative dagegen tun kann.

Wie funktioniert Foodsharing in Krefeld?

Julian Brinke: Foodsharing heißt, übrig gebliebenes Essen zu teilen. Wer seinen Freunden nach dem Grillen drei Würstchen einpackt, macht quasi mit. Wir organisieren das eben über das Internet. Wer zu Hause etwas abzugeben hat, kann das über Facebook, die Online-Plattform „foodsharing.de“ oder Messenger-Gruppen Menschen in der Umgebung anbieten. Da entstehen rasch Netzwerke im Bekanntenkreis.

Ihr Engagement endet nicht am eigenen Kühlschrank. Sie verteilen auch Lebensmittel von Supermärkten.

Brinke: Das ist ein weiterer Schritt. Sogenannte Lebensmittelretter gehen zu Supermärkten, Bäckereien und anderen Lebensmittelbetrieben und holen Waren, die nicht mehr verkäuflich aber noch genießbar sind, ab. Dann bieten sie diese in ihrem Netzwerk an.

Sie gehören zu den Lebensmittelrettern. Wie läuft Ihre Arbeit ab?

Brinke: Vor einigen Tagen waren wir zu zweit im Bistro „Untervegs“ an der Dießemer Straße. Dort haben wir die Lebensmittel aufgeteilt und in Dosen abgepackt. Ich habe dann geschaut, wen ich kenne, und, wer etwas brauchen kann. Innerhalb kürzester Zeit war alles verteilt.

In den sozialen Netzwerken prüfen, was andere gerade anbieten. Regelmäßig kommen Menschen zum Abholen nach Hause. Foodsharing klingt ziemlich stressig.

Brinke: Wenn ich mich nur über diesen Weg ernähren würde, wäre es wirklich stressig. Man weiß ja nicht, was kommt. Mit ein bisschen Planung hält sich der Aufwand aber in Grenzen, es wird Teil des Alltags. Es nimmt nicht viel mehr Zeit in Anspruch als ein Wocheneinkauf.

Welche Auflagen müssen Sie erfüllen, wenn Sie Essen verteilen?

Brinke: Wir unterliegen dem Lebensmittelrecht genauso wie ein Laden. Wir sind beispielsweise verpflichtet, die Kühlkette einzuhalten. Jeder, der Essen weitergibt, übernimmt die Verantwortung dafür. Bekomme ich beispielsweise zehn Liter Milch, öffne ich vor der Verteilung eine Packung. Dann schaue ich mir an, ob die noch gut ist, und probiere mal.

Das mit der Verantwortung kann bei leicht Verderblichem wie einer Portion Hack heikel werden.

Brinke: Es gibt ein paar Sachen, die wir nicht öffentlich verteilen. Mett, rohe Eierspeisen oder roher Fisch gehören dazu.

Wie hat sich Ihr Projekt in den vergangenen Jahren entwickelt?

Brinke: Mittlerweile beteiligen sich etwa 180 Privatpersonen im Stadtgebiet. Mit circa 15 Unternehmen wie Supermärkten haben wir Kooperationen und holen dort regelmäßig Lebensmittel ab. Neue Partner kommen hinzu. Das Mercure Parkhotel Krefelder Hof hat uns kürzlich angeschrieben und angeboten, dass wir nach Buffets vorbeikommen dürfen. Eine Kooperation startet im Mai.

Wie überzeugen Sie Unternehmer, die sich nicht aus eigenem Antrieb melden, mitzumachen?

Brinke: Ich bin kein Freund des Klinkenputzens. Die Bereitschaft sollte von Innen kommen. Besonders für große Händler lohnt sich Foodsharing auch finanziell. Diese können bei der Größe der Container und somit bei der Müllabholung sparen.

Warum haben Sie sich zum Foodsharing entschieden?

Brinke: Als Lehrer an einer Förderschule in Mönchengladbach habe ich eine Reihe über Lebensmittel vorbereitet. Dabei habe ich vom Containern (Anmerkung der Redaktion: Dabei holen Menschen noch genießbare Lebensmittel aus den Abfallcontainern von Supermärkten oder Restaurants.) erfahren und es ein paar Monate ausprobiert. Darüber bin ich zum Foodsharing gekommen. Das ist hygienischer und rechtssicherer.

Wie kommt das bei Familie und Freunden an?

Brinke: Das Containern habe ich still und heimlich gemacht. Meine Frau stand dahinter. Beim Foodsharing steigt die Akzeptanz. Wenn ich den Leuten zeige, dass das Essen bei uns kein Müll ist, entwickeln viele ein Verständnis dafür.

Verstehen Sie Menschen, die Foodsharing abstoßend finden?

Brinke: Ich akzeptiere das. Verstehen kann ich das nicht. Für viele Menschen ist es zunächst auch ungewöhnlich, dass sie für geteiltes Essen nichts zahlen müssen. Uns ist aber wichtig, dass es geldfrei bleibt.

Sie arbeiten an einer Schule. Wer macht bei Ihnen mit?

Brinke: Ich würde sagen, dass die meisten zur soliden Mittelschicht gehören. Aber jeder, vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Ferrari-Fahrer, ist willkommen. Allen geht es darum, Lebensmittel zu retten.

Also können auch Menschen mit gutem Einkommen kostenlos Essen bekommen. Machen Sie so nicht den Bedürftigen bei der Tafel Konkurrenz?

Brinke: Der foodsharing e.V. hat mit dem Dachverband der Tafeln 2015 eine Kooperation vereinbart. Die Tafeln haben Vorrang. Wir unterstützen sie nach Bedarf. Beim Foodsharing übernehmen wir nur Lebensmittel, die die Kapazitäten der Tafeln überschreiten, oder geringe Mengen, bei denen sich die Abholung für eine Tafel nicht lohnt.

Foodsharing kann so das Wegwerf-Problem lindern. Aber wäre es nicht besser, wenn Supermärkte früher Verantwortung übernehmen und weniger ins Regal stellen?

Brinke: Ziel des Foodsharings ist tatsächlich, dass wir uns selber überflüssig machen. Dazu müssen wir ein Umdenken erreichen. Es gibt Supermarktbetreiber, die haben Angst, dass die Kunden nicht mehr kommen, wenn sie um 20 Uhr Lücken im Regal haben. Schließlich hat der Konkurrent noch alles. Damit sich das ändert, muss auch bei Kunden Verständnis herrschen, dass es zum Beispiel abends eben nicht mehr 20 sondern nur zwei Sorten Brot gibt.

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