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Fliegender Holländer bringt Mode zu Senioren

Pandemie : „Fliegender Holländer“ bringt Mode zu Senioren

Lodewijk van den Biggelaar hat mit einer mobilen Boutique den Nerv seiner Zielgruppe getroffen. Doch dann kam Corona.

In Richard Wagners romantischer Oper „Der fliegende Holländer“ streift die Hauptperson ruhelos durch die Weltmeere. Der 58-jährige gebürtige Niederländer Lodewijk van den Biggelaar ist schon seit 23 Jahren in Krefeld zu Hause und tummelt sich lieber auf festem Boden am Niederrhein und in den Niederlanden. Mit seinem Modemobil besucht er tagein tagaus Seniorinnen und Senioren, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind.

„Allein in Krefeld und Umgebung gibt es mehr als 200 Senioren- und Pflegeeinrichtungen und die zählen fast alle zu meinen Kunden“, berichtet er stolz. Und macht gleichzeitig deutlich, welch ein attraktiver Markt bis heute weitgehend unbearbeitet vor sich hinschlummert. Für seine Kundschaft dienen die Präsentationen und Modeschauen nicht nur der bequemen Grundversorgung mit Textilien und Schuhen, sondern darüber hinaus als willkommene Abwechslung vom Alltag. So muss er nach Models nicht lange suchen. „Es gibt genügend modebewusste Bewohnerinnen, die die Waren gerne vorführen.“

Mehr als 80 Prozent seiner Klientel ist weiblich. Und der gefällt ganz gewiss der einnehmende holländische Charme des geborenen Entertainers, der Teil seines Erfolgs ist. „Mein Umgang mit den Kunden ist von Respekt und Wertschätzung geprägt, verbunden mit etwas Lebensfreude“, sagt er. Ganz wichtig sei eine gute Qualität der Ware, die individuell auf den Bedarf abgestimmt sei, etwa Sondergrößen ohne Aufpreis oder Hosen mit dehnbarem Bund. Die Waren, zu der die üblichen Modelabels gehören, bezieht er größtenteils vom Franchisegeber. Und etwas Pep wie modische Accessoires dürfe keineswegs fehlen.

Erst im Februar 2019 hatte der frühere Einkaufsmanager eines bekannten Modehauses beschlossen, sich selbstständig zu machen. Das Konzept des Wuppertaler Franchisegebers Modemobil hatte ihn auf Anhieb überzeugt. Dafür sprachen schon die Daten des Statistischen Bundesamts. Danach soll 2030 der Anteil der über 65-Jährigen an der Bevölkerung schon 28 Prozent erreichen. Ein Indiz dafür, dass auch der Bedarf nach funktioneller und dennoch modischer Bekleidung für weniger mobile Menschen weiter steigen wird. Van den Biggelaar überlegte nicht lange. Er schloss einen Lizenzvertrag ab (siehe Kasten) und kaufte sich ein Lieferfahrzeug, in dem er ein Sortiment von mehr als 1000 Teilen zu seinen Mode- und Verkaufsterminen transportiert. Die Kollektion umfasst Oberbekleidung, Wäsche, Schuhe und Accessoires.

Gut ein Jahr lang akquirierte er mit großem Erfolg Senioren- und Pflegeeinrichtungen und vereinbarte bereits im ersten Halbjahr rund 80 Termine, bei denen jeweils bis zu 40 Interessenten teilnahmen. „Bei einem durchschnittlichen Umsatz pro Verkaufstermin im vierstelligen Euro-Bereich“, verrät der Modefachmann. Auch in den Niederlanden beackerte er erfolgreich den Markt. Dort erfordere das Geschäft mehr Akquise, weil viele Seniorenheime zu Konzernen gehören, mit deren Vertretern man zunächst verhandeln müsse. Ein weiteres Standbein sei die Einzelbetreuung von gesetzlich betreuten Personen, die oft komplett neu eingekleidet werden müssten, bevor sie in ein Heim kommen. „Bis zum März 2020 lief alles bestens“ berichtet er und sagt: „Die Teilnahme am Krefelder Gründerpreis 2019 (von WZ, Wirtschaftsförderung und Volksbank) brachte mir viel Aufmerksamkeit, ebenso wie eine TV-Berichterstattung in der WDR-Lokalzeit. Doch dann schlug Corona zu.“

Kunden zählen zur
besonderen Risikogruppe

Mit erheblichen Folgen, da seine Kunden zu der gesundheitlich besonders gefährdeten Gruppe zählen. Der erste Lockdown im März führte bis einschließlich Mai zu einem Umsatzeinbruch von 80 Prozent. Ab Juni habe sich das Geschäft wieder erholt und sei mit einem Minus von 20 Prozent gegenüber den Vorjahreswerten „gut erträglich“ gewesen. Man habe sich angepasst und die Waren vor kleineren Gruppen unter Hygienebedingungen präsentiert – bis zum zuletzt starken Anstieg der Zahl an Infizierten und der Ankündigung des zweiten Lockdowns für den November.

„Bis vergangene Woche hatte ich ein volles Auftragsbuch – jetzt sind bereits einige Verkaufstermine abgesagt.“ Mutlos macht ihn die Situation allerdings nicht. „Ich bin ein positiv denkender Mensch und freue mich, dass es spätestens im Dezember wieder weitergeht. Denn eines ist gewiss – der Bedarf bleibt.“