Essener kaufen altes Uerdinger Klärwerk

Klärwerk: Essener kaufen altes Klärwerk

20 Jahre stand das denkmalgeschützte Gebäude-Ensemble in Uerdingen zuletzt leer. Nun wollen vier Geschäftsleute unter anderem Büros darin verwirklichen.

Das alte, denkmalgeschützte Klärwerk am Uerdinger Rundweg ist verkauft und damit vor dem weiteren Verfall gerettet – nach 20 Jahren des Leerstands. Vier Freunde, Geschäftsmänner des Essener Eventveranstalters Querfeldeins, haben es jetzt von der Stadt gekauft und mit Aufräumarbeiten begonnen. Christoph Becker, Klaus Korbmacher, Andreas Stöneberg und Till Preis schwärmen von der Schönheit des Gebäude-Ensembles aus der Gründerzeit. Sie wollen die große Gewölbehalle in Uerdingen für museale Zwecke nutzen. Über den Verkaufspreis schweigt man aber lieber.

„Die Diskussionen mit der Stadt liefen über vier Jahre und gestalteten sich kompliziert“, erzählt Becker der WZ. „Der Kaufpreis von anfänglich 420 000 Euro war nicht zu akzeptieren, bei den unendlichen Investitionskosten – vor allem in der großen schönen Halle.“ Auch die spontane Idee der Käufer, bei der ersten Besichtigung, dort eine Kletterhalle zu bauen, war schnell hinfällig.

„Hauptsache, es ist schön“, steht draußen über dem Eingang der großen Halle. Künstler haben den Schriftzug einst angebracht, an dem der Zahn der Zeit seine Spuren hinterlassen hat. Es könnte auch ein Leitspruch der neuen Besitzer sein. „Wir haben uns in das Haus verliebt“, sagen Becker und Korbmacher. „Es ist eines der bemerkenswertesten Gebäude in Krefeld, stadthistorisch gesehen.“ Becker kennt die Stadt, denn er betreibt ein Büro auf der Niederstraße in „Das Schiffchen“. Damit zieht er in Kürze an den Rundweg um.

Die vier Geschäftsleute laden auf ihrer Internetseite ein: „Willkommen im Untergrund“. Angst vor der Mammutaufgabe haben sie nicht. Sie haben auch schon die Essener Zeche Wohlverwahrt aus dem Dornröschenschlaf geholt.

Die ersten Arbeiten im und am Uerdinger Ensemble haben bereits begonnen. Die große Klärhalle ist aufgeräumt. Sie wird nun saniert und zuerst einmal als Industriedenkmal, als musealer Ort, für sich selbst stehen. Im Gebäude des Hochwasserpumpwerkes entsteht derzeit ein Büro, in dem einmal zehn Leute arbeiten sollen.  Eine Werkstatt des Werkmeister-Hauses soll fürs Geocaching, eine modernen Art der Schnitzeljagd, eingerichtet werden. Draußen wurde das Gebüsch gerodet und eine Alarmanlage gebaut. Scheiben werden eingesetzt. Nicht verkauft wurde das Schieberhaus, das noch für die Abwässer aus Linn und dem Hafen gebraucht wird.

Fotografen lieben den
morbiden Charme des Ortes

Vor allem Becker hat sich über die Geschichte des imposanten Ensembles mit der kathedralartigen Haupthalle genau informiert: „Ich weiß alles“, sagt er. „Das architektonische Kleinod wurde zwischen 1908 und 1910 vom Architekten Georg Bruggaier geplant und ist im späten Jugendstil gebaut. Vor allem die große Klärhalle mit ihrer hohen, gewölbeartigen Decke lockt Fotografen an – auch international.“

Teams aus Deutschland und Belgien sind am Sonntag auf dem Gelände in Uerdingen unterwegs. Die Fotografen lieben den morbiden Charme des Ortes. Der österreichische Regisseur Nikolaus Geyrhalter drehte in der Vergangenheit für seinen Dokumentarfilm „Irgendwann“ in dem Gebäude am Rundweg. Der Regisseur hatte im Internet nach leerstehenden Gebäuden gesucht und war in Krefeld fündig geworden. „Ich drehe in zehn Tagen in halb Europa verlassene Orte“, berichtet er. Dieser gefiel ihm besonders gut.

Die Gebäude des historischen Klärwerks, das ehemalige Hochwasserpumpwerk und das Werkmeister-Haus stehen unter Denkmalschutz. Die Krefelder Kläranlage war neben Dresden und Hamburg eine der ersten in Deutschland. Das „Nationale Klärwerk“ wie es gerne bezeichnet wird, hat seinerzeit etwa 2,7 Millionen D-Mark gekostet. Bis 1973 war das Klärwerk in Betrieb, dann stand es zehn Jahre lang  leer. Die Stadt  investierte 1982 2,4 Millionen D-Mark in die Sanierung des heute denkmalgeschützten Gebäudes.

Für einige Jahre erlebte das alte Klärwerk eine neue Blütezeit: Künstler und Kunsthandwerker belebten die Räume wieder. Seit 1998 stand das Gebäude aber wieder leer. Seitdem suchte die Stadt nach einem Käufer. „Die langen Jahre des Leerstands haben an der Substanz genagt. Immer wieder werden Türen aufgebrochen und Inventar gestohlen oder beschädigt“, sagt Becker, und: „Wir werden jetzt unseren Architekten bitten, sich etwas Schönes einfallen zu lassen, Bauanträge einreichen, mit dem Denkmalschutz sprechen und mit den Banken.“

Uerdingens Bezirksvorsteher Jürgen Hengst freut sich, dass das Ensemble nach vielen Versuchen endlich gerettet ist. „Wir haben so viele Denkmäler im Stadtteil. Es ist ein Hit für Uerdingen und ein Highlight, wenn es jetzt klappt.“

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