Es fehlen Physiotherapeuten

Es fehlen Physiotherapeuten

So wie im Bereich der Pflege ist auch diese Branche von einem Fachkräftemangel betroffen. Die Ausbildung ist teuer und die Bezahlung schlecht.

Krefeld. Dass es im Bereich der Kranken- und Altenpflege einen großen Personalmangel gibt, ist unstrittig. Und seitdem ein junger Pfleger in einer Wahlkampf-Sendung Bundeskanzlerin Angela Merkel mit diesen Problemen konfrontiert hat, ist der Fachkräftemangel in der Pflege sogar in Medien und Politik wieder präsent. Aber auch in anderen Bereichen rund ums Thema Gesundheit gibt es massive Personalprobleme. Zum Beispiel in der Physiotherapie.

Foto: Andreas Bischof

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit von Juni 2017 gibt es in fast allen Bundesländern einen Personalmangel in der Physiotherapie. „Die Stellen in der Physiotherapie sind im Durchschnitt 144 Tage vakant und damit 44 Prozent über dem Durchschnitt“, heißt es in der Statistik der Behörde. Zum Vergleich: Bei Krankenpflegern beträgt diese Vakanz laut Agentur 140 Tage.

„Der Fachkräftemangel in unserer Branche ist seit Jahren bekannt. Und die Politik kümmert sich überhaupt nicht darum“, moniert der Kempener Physiotherapeut Ruud Stefelmanns. Junge Menschen, die in den Beruf wollen, würden sich mit Blick auf die kostenintensive Ausbildung schnell wieder umentscheiden. „In Deutschland gibt es kaum staatliche Schulen für die Physiotherapie“, so Stefelmanns, der seit 32 Jahren in Kempen eine eigene Praxis hat. Für viele bleibe nur der Gang in eine private Ausbildung — „und die kosten 450 Euro pro Monat“, ergänzt Stefelmanns: „Die Erhebung von Studiengebühren wird in Deutschland häufig als unsozial bezeichnet. Zur Physiotherapie sagt aber kaum einer der Politiker etwas.“

Stefan Bertl, der mit einem Geschäftspartner die Praxis am Sollbrüggenpark in Bockum betreibt, sieht massive Probleme im Bereich der Physiotherapie. „Wenn nicht eingegriffen wird, wird das in den nächsten Jahren ein ganz großes Problem im Gesundheitsbereich“, so Bertl. Schon jetzt sei es sehr schwierig, an geeignetes Personal zu kommen. In der Praxis in Bockum, die seit 2012 existiert, ist seit mehreren Monaten eine Vollzeitstelle vakant. „Zu tun haben wir genug. Wir werden sogar oft gefragt, ob wir uns vergrößern wollen“, sagt Bertl. „Das ist personell aber nicht machbar.“

So wie Stefelmanns sieht auch der Krefelder Therapeut ein Problem in der teuren Ausbildung. „Es gibt ja auch viele sinnvolle, aber teure Zusatzausbildungen“, sagt Stefan Bertl. Für die sogenannte manuelle Therapie müsse man sich als Physiotherapeut zwei Jahre lang neben dem Beruf weiterbilden — das koste rund 3500 Euro.

Neben den hohen Ausbildungskosten sehen Bertl und Stefelmanns den Hauptgrund für den Fachkräftemangel in der schlechten Bezahlung für angestellte Physiotherapeuten. „In Schnitt liegt das Bruttogehalt bei 2300 Euro“, sagt Bertl. Für Berufseinsteiger gibt es laut Stefelmanns im Schnitt nur 2000 Euro. „Ich kenne viele Kollegen, die aus diesem Grund den Job an den Nagel gehängt haben. Sie machen jetzt etwas völlig anderes“, so der Kempener.

„Nun ist es so, dass wir über dem Durchschnittsgehalt bezahlen“, sagt Stefan Bertl. Viel Spielraum bleibe den Praxisbetreibern aber nicht. Das liege an den Verordnungsrichtlinien in Deutschland. „Bei uns sind die Sätze zur Vergütung von ärztlich verordneten Behandlungen zum Teil seit mehr als 20 Jahren nicht erhöht worden“, sagt Stefelmanns.

Medizinisch notwendige Behandlungen könnten die Physiotherapeuten nicht „einfach so — mir nichts, dir nichts“ bei den Patienten durchführen. Stefelmanns: „Wir sind an die ärztliche Verordnung gebunden.“ Damit sich eine Praxis in Deutschland rentiert, müssten die Selbstständigen Zusatzangebote machen, die die Patienten privat aus eigener Tasche bezahlen. So gebe es bei Stefelmanns an der Schorndorfer Straße in Kempen diverse Sport- und Reha-Angebote.

Was die Branche in Deutschland viele Jahre über Wasser gehalten hat, ist nach Angaben von Ruud Stefelmanns ein hohes Personalaufkommen in den Niederlanden. „In den 80er Jahren wurde in den Niederlanden die Zahl der Physiotherapie-Praxen reduziert“, erinnert sich der Kempener. „Das hat viele Niederländer dazu gebracht, nach Deutschland zu gehen. Mich auch“, sagt Stefelmanns. Inzwischen gebe es aber auch im Nachbarland nicht mehr eine ausreichende Zahl an Personal.

„Ich mache diesen Beruf gerne“, sagt Stefan Bertl. „Die personellen Probleme werden unsere Situation aber in den nächsten Jahren verschlechtern.“ Die Politik sei nun gefragt, weil der Bedarf an physiotherapeutischen Behandlungen mit Blick auf die älter werdende Gesellschaft steigen werde.

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