1. NRW
  2. Krefeld

Eine Party gegen kritische Blicke

Eine Party gegen kritische Blicke

Junge Menschen aus Syrien machen Kunstaktion im Werkhaus. Vor allem möchten sie mit Gleichaltrigen aus Krefeld in Kontakt kommen.

Wenn Jugendliche eine Party schmeißen, möchten sie meist zwei Dinge: Mit Freunden und Bekannten eine gute Zeit verbringen und neue Leute kennenlernen. So einfach ist auch der Wunsch von Jeen Osmann: „Wir möchten Jugendliche aus Krefeld und ihre Kultur kennenlernen.“

Eine Party gegen kritische Blicke
Foto: Jeen Osmann/Andreas Bischof

Die heute 17-Jährige hat sich mit ihrer Mutter und ihrer Schwester vor anderthalb Jahren aus Syrien auf die Reise gemacht. Osmann erzählt von sechs Wochen, Nächten unter freiem Himmel, Todesängsten und 80 Kilometer langen Fußmärschen — täglich. Und von den Bildern ihrer Schwester. Entstanden in einem Lager. Die Originale sind verloren gegangen. Bei der Nacht der Jugendkultur werden sie wieder zu sehen sein. Jeen Osmann hat sie mit ihrem Handy abfotografiert.

Ein Werk zeigt eine Hand mit grazilen Fingern und langen Fingernägeln. In der Hand liegt ein rundes Objekt. Vielleicht eine Kugel oder ein Herz? Es ist ein Gehirn, erklärt Jeen Osmann. Zu jedem Bild hat sie zusammen mit ihrer Freundin Sadika Abdi und den restlichen jugendlichen Organisatoren Untertitel entwickelt. Inspiriert von dem genannten Bild ist ein Sprichwort aus ihrer Heimat, das die 17-Jährige so übersetzt: „Wenn man den Kopf einsetzt, kann man nicht viel falsch machen.“

Ein Leitspruch, der die junge Frau begleitet. Auch wenn ihr im Moment alles zu langsam geht. Sie besucht das Berufskolleg in Uerdingen. „Noch zwei Jahre, dann kann ich Abitur machen. Ich möchte am liebsten jetzt schon studieren“, sagt sie. In Syrien hätte sie noch ein Jahr bis zum Studium gehabt. Zum Werkhaus war sie eigentlich gekommen, weil sie von einem Gitarrenkurs erfahren hatte: „Jetzt habe ich keine Zeit dafür, ich muss mein Deutsch verbessern.“

Seit zehn Monaten lebt sie mit ihrer Familie in Krefeld. Was sie sichtlich beschäftigt, sind skeptische Blicke und Vorurteile. Es sei nicht leicht, mit Jugendlichen aus Deutschland in Kontakt zu kommen. „Es gibt natürlich auch nette Leute, aber auch viele kritische Blicke“, ist ihr Eindruck. Zusammen mit den anderen jungen Organisatoren der Nachtfrequenz-Party hofft sie darauf, dass viele junge Menschen die Party besuchen: „Wir möchten euch kennenlernen“ ist ihr Motto. Neben den Bildern ihrer Schwester werden unter anderem auch Fotos eines weiteren Werkhaus-Projektes bei einer Video-Installation zu sehen sein. Dabei haben junge Flüchtlinge Krefeld erkundet. Auch hier werden die Bilder mit Untertiteln versehen. Ein Beispiel: Auf einem Bild ist ein Hafenabschnitt in der Abendsonne zu sehen. „Welche beruflichen Aussichten haben wir?“ steht darunter. Keine Party ohne Musik: Höhepunkt ist der Auftritt von „DJ Dabash“.

„Seine elektronische Musik beschäftigt sich mit dem Gefühl der Lähmung“, sagt Anja Jansen vom Werkhaus, die das Projekt betreut. Dabei nutzt der Musiker auch Musik aus dem arabischen Raum, die er mit dem Computer verfremdet hat. Hinzu kommt noch ein weiterer Musiker, der mit Gitarre, Oud und Gesang auftritt. Wenn die ersten Gäste das Werkhaus bei der Nacht der Jugendkultur betreten, bekommen sie von Jeen Osmann und ihrer Freundin Sadika Abdil in arabischer Schönschrift geschriebene Untertitel in die Hand. Die Bedeutungen werden erklärt und die Zettel können dann unter die auf Leinwand gezogenen Bilder geklebt werden. So bekommen sie in Verbindung mit dem Text eine neue Bedeutung.

Jeen Osmann hofft, sich mit vielen ihr noch unbekannten Jugendlichen austauschen zu können. Und dass es „keine Party zum Schlafen“ wird.