Eine Fahrt mit der Linie 044

Serie : Die Linie 044 fährt die große Schleife durch Krefeld

Stadtrundfahrten mit der Straßenbahn 44 Minuten dauert die Tour vom Rheinhafen bis nach Hüls. Am Streckenrand liegen jede Menge Ausgehtipps, viel Grün mit dem Greiffenhorst-Park und dem Botanischen Garten und ein wunderbares Finale für unsere Serie.

Unsere letzte Stadtrundfahrt beginnt an der und mit der Spitze. Wer in der Wendeschleife am Rheinhafen einsteigt, sieht zumindest das obere Ende der Uerdinger Brücke und damit ein bisschen etwas von der Sehenswürdigkeit, die gemessen an den Bewertungen bei Google auf Platz eins bei den Krefelder Attraktionen belegt. Das 860 Meter lange Bauwerk ist Anfang der 30er Jahre errichtet worden und trug im Dritten Reich den Namen Adolf Hitlers. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs sprengte die Wehrmacht die Brücke, bis 1950 wurde sie wiederaufgebaut und für den Verkehr freigegeben. Heute ist sie Teil der B288 – und eines der beliebtesten Sonnenuntergangs-Motive der Stadt.

Bis zum nächsten schwerst beliebten Ort sind es nur drei Haltestellen. Die 044 rollt noch ein kleines Stück durch den Hafen, dann endet die Industrie ziemlich abrupt und die erste von drei großen Grünanlagen der Strecke taucht auf: der Greiffenhorst-Park. Der große Gartenarchitekt Maximilian Weyhe hat ihn gestaltet, mit Wasser und Brücken, Hügeln und Sträuchern, die dafür sorgen, dass die Wege immer etwas verschlungen bis verwunschen wirken.

Der Park war also schon länger da, als die ersten Straßenbahnen hier entlang kamen. Am 31. Mai 1908 ersetzte die Straßenbahn den versuchsweise eingeführten Omnibusverkehr und fuhr von der Drehbrücke über Linn und Oppum zur Bahnstraße. Den nördlichen Ast der heutigen Linie gab es von Anfang an im Krefelder Straßenbahnnetz. Ab Sommer 1883 waren Dampfbahnen auf der Strecke II zwischen Friedrichstraße und Hüls unterwegs. Hüls war im Laufe der Jahrzehnte mal mit Fischeln und mal mit dem Uerdinger Bahnhof verbunden, der heutige Streckenverlauf existiert so seit den frühen Fünfzigern.

Nach dem ersten und vor dem nächsten Park dieser Stadtrundfahrt liegt eine Station, deren Namen viel verspricht und trotzdem bei weitem nicht alles verrät, was dort zu erleben ist. „Burg Linn“ steht natürlich auch für die Wasserburg, deren Geschichte bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht und das dort beheimatete Museum, das über die Zeit der Römer am Rhein berichtet und zu dessen Höhepunkten ein Lastkahn aus der Zeit Karl des Großen zählt. Die Haltestelle führt aber auch noch zum Textilmuseum und in den schönen alten Ortskern von Linn.

Drei Stationen für gute Gastro, eine für Konzerte und Comedy

Danach geht es ziemlich zügig zwischen Wohnhäusern und Kleingärten hindurch, bevor es noch ein Mal das Grün bestimmt. Die Station Botanischer Garten deutet auf einen wesentlichen Teil des Schönwasserparks hin. Im Botanischen Garten wachsen rund 5000 Pflanzenarten aus aller Welt, zudem gibt es einen Niederrheinischen Bauerngarten, ein Schaugewächshaus mit Kakteen und einen Apothekergarten.

Auf die vielen Spazier-Anregungen, die die Strecke dem Stadtrundfahrer schenkt, folgen die Ausgeh-Tipps, bei denen die Betonung weniger auf Fortbewegung liegen. Auf dem Gelände des Großmarkts sind jede Menge Restaurants beheimatet. Vom selbsternannten Gourmet-Imbiss am Eingang über verschiedene Vertreter der mediterranen Küche bis zum Stullen- und zum Weinexperten reichen die Möglichkeiten, einen netten Mittag oder einen sehr netten Abend zu verbringen. An der Haltestelle Bahnstraße weist ein Schild zur nahen Kulturfabrik, in der die Besucher pro Jahr rund 200 Mal Konzerte und Comedy erleben können.

Die auf allen Rundfahrten quälenden Meter durch die Krefelder Innenstadt sind diesmal mit einem kleinen Trost versehen. Die 044 bietet mehr Wall und Wälle als die anderen Linien. Sie ist auf dem gesamten Ostwall unterwegs und einem guten Stück Nordwall, bis sie ihre Runde über den Friedrichsplatz dreht. Rund um diese Station liegen einige nette Lokale, darunter auch Krefelds älteste Braustelle. Das Gleumes an der Sternstraße wurde vor mehr als 200 Jahren unter dem Namen „Zu den drei Kronen“ gegründet und serviert passend dazu heute drei eigene Bierspezialitäten.

Nochmal aussteigen muss der Rundfahrer am Moritzplatz, weil die dortige Attraktion nicht aus der Bahn zu sehen ist. Im Mies-van-der-Rohe-Business-Park stehen die weißen Kuben, die der Bauhaus-Architekt Mies van der Rohe geschaffen hat: die Firmen-Gebäude der Vereinigten Seidenwebereien AG (Verseidag) aus den frühen 30ern. Es waren die letzten Projekte, die van der Rohe in Deutschland verwirklichte, bevor er in die USA auswanderte. Haltestelle und Businesspark könnten in Zukunft eine ähnliche Bedeutung gewinnen wie Großmarkt oder Bahnstraße, da dort neben Arbeitsplätzen auch Gastronomie und Fitness geplant sind. Und vielleicht, vielleicht auch die neue große Veranstaltungshalle der Stadt.

Letzte Fahrt, letzte Station, wunderbares Finale. In Hüls biegt die Bahn plötzlich von der Krefelder Straße ab. Wer das zum ersten Mal erlebt, hat den Eindruck, der Fahrer stelle seinen Zug in einer Garage ab. In dieser Garage haben einige wenige Bahnen nebeneinander Platz, deshalb heißt das Ganze Betriebshof. Trotz der Freude über diese ungewöhnliche Haltestelle fällt eine Sache an dieser Stelle auf. Die Station liegt ziemlich im Süden von Hüls. Wer ins Zentrum des Stadtteils möchte, muss ein gutes Stück laufen. Das bedeutet auch, dass die Straßenbahn in ihrem jetzigen Netz für viele Hülser nicht attraktiv ist, wenn sie in die Krefelder Innenstadt wollen. Deshalb diskutieren Bezirks- und Verkehrspolitiker, ob und wie das Netz in Hüls wachsen kann. Wir würden das sehr begrüßen – und für eine weitere Stadtrundfahrt wiederkommen.

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