1. NRW
  2. Krefeld

Eine Fahrt mit Bus und Bahn: Das Virus fährt mit, bezahlt aber nicht

Eine Fahrt mit Bus und Bahn : „Das Virus fährt mit, bezahlt aber nicht“

Reportage Deutlich weniger Krefelder sind derzeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Wer trotzdem fährt, sieht die Umstände gelassen.

Das öffentliche Leben wird wegen des Coronavirus überall zurückgefahren. Und wer sich am Mittag einmal umsieht in der Stadt, der stellt fest: Die meisten Menschen halten sich an die Vorschriften. Manche verzichten auf öffentliche Verkehrsmittel. Für andere aber sind Busse und Bahnen notwendig, um von A nach B zu kommen. Manch einer kann tatsächlich nun so etwas wie die viel zitierte Entschleunigung erleben, wenn man fast ohne Mitreisende durch vom Frühling schon geprägte Vororte gefahren wird. Beobachtungen aus dem Nahverkehr:

Der Bus der Linie 060 in Richtung Stadtmitte fährt an der Haltestelle an der Bergheimer Straße in Fischeln ein. Drei Personen steigen hinzu. Der Bereich um den Busfahrer ist eine Sperrzone. Rot-Weißes Flatterband soll den Mann im Führerstand von der Außenwelt abschirmen. Fahrkarten-Kontrolle? Abstempeln bei ihm? Heute nicht. Der Fahrer winkt ab. Wie auch, keiner darf zum Busfahrer durch. Die Türen werden nur hinten geöffnet. Wo niemand aus- und einsteigen will, überfährt der Bus einfach die Haltestellen Kimplerstraße oder Freibad Neptun. Die Knöpfe braucht niemand drücken, um die Türen zu öffnen. Die gehen automatisch auf. Nur eine Handvoll Menschen sind im Bus unterwegs.

Es wird kaum gesprochen und genug Abstand gehalten

Sie halten den nötigen Abstand zueinander ein. Gesprochen miteinander wird nicht. Die Lüftung des Busses dröhnt, der Motor brummt. Ein entgegenkommender Bus in Richtung Fischeln ist völlig leer. An den Haltestellen am Südausgang des Hauptbahnhofes ist es noch menschenleer gegen 11 Uhr. „Pause. Gleich geht’s weiter“, steht auf einer Anzeige eines wartenden Busses. Es sei wie an einem Samstag, auch was den Fahrplan betreffe, sagt der Fahrer, der den wenigen Leuten viel abgewinnen kann: „Die Menschen haben verstanden, dass sie zu Hause bleiben sollen.“

Am Hauptbahnhof neben dem Hansa-Centrum sitzen ein paar Biertrinker zusammen. Man sieht ihnen an, dass sie diesem Ritual regelmäßig nachgehen. An der Rheinstraße ist wenige Minuten später auch noch nicht viel Betrieb. Der Ort, der eigentlich ein Ballungspunkt für Pendler ist. Die Bahnen fahren ja ohnehin nur noch im 20-Minuten-Takt. Etwa 20 Personen warten und schlendern auf dem Bahnsteig. Gruppenbildung sieht man nicht. Die Verordnung führt ja in diesen Tagen auch zu einer Vereinzelung der Menschen.

Aus der K-Bahn steigen exakt fünf Personen aus. Ein Ehepaar ist sauer. Der Zahnarzt hat kurzfristig geschlossen. Mit der nächsten Bahn geht es zurück nach Fischeln. Ein älterer Herr hat auf einer Wartebank Platz genommen: „An und für sich ist es gut“, sagt er und scherzt: „Etwas gespenstisch, wenn es so leer ist. Aber mir ist das egal. Ich fahre jeden Tag Bahn.“ Abstand zu halten, scheinen die meisten Menschen schon verinnerlicht zu haben. In die Apotheke gegenüber der Haltestelle darf nur ein Kunde nach dem anderen. Draußen bilden sich schon Schlangen. Auch beim Bäcker sind Trennlinien auf dem Boden gezogen.

Weiter geht es mit der Linie 043 Richtung Uerdingen. Auch hier ist nicht viel los. Acht Fahrgäste verteilen sich in der Bahn, oft mit mehreren Sitzreihen Distanz. Zwei junge Frauen steigen ein: „Hey, gib mal die Desinfektion. Ich habe mir die Nase geputzt“, sagt die eine zur anderen. Die Freundin reicht ihr die kleine Flasche. Der Geruch des Mittels zieht durch den Wagon. Es ist wie schon im Bus eine sehr ruhige Fahrt. Gesprochen wird kaum, Gedränge ist ja ohnehin von gestern. Auf der Alten Krefelder Straße schaukelt die Bahn wie ein Schiff über die unebenen Gleise.

Das Wetter und die Lage passen irgendwie nicht zusammen

Am Röttgen wird ausgestiegen. Weiter geht es im Bus der Linie 058, der über Gartenstadt und Traar bis in die Innenstadt schleichen wird. Gerade einmal zwei Fahrgäste sind dabei. Es werden mal drei, immer noch mehr als auf den Straßen der Vororte, wo man hin und wieder einen Fußgänger mit Hund erspäht.

Das schöne Wetter und die aktuelle Lage passen irgendwie nicht zusammen. Die Sonne lädt ein zum Ausgang. Eine Frau steigt ein und telefoniert. Ihre Stimme bricht die Stille, die viele Minuten die Szenerie bestimmt hat. Nach und nach, je weiter sich der Bus dem Zentrum nähert, stoßen mehr Menschen hinzu. Ein Mann plaudert und witzelt am Telefon: „Das Virus fährt mit, bezahlt aber nicht.“

Gegen 13 Uhr ist es an der Rheinstraße schon etwas voller geworden. Mit Mundschutz sind jedoch nur ganz wenige Menschen unterwegs. Mit der 041 geht es zurück nach Fischeln. Ein Paar aus Düsseldorf ist mit dabei. „Es klappt wunderbar. Diese Ruhe. Wir haben keine Sorge Bahn zu fahren“, sagt die Frau: „Wenn die ganzen Schüler noch da wären, sähe es schlecht aus mit den Sitzplätzen.“ Ob der Journalist schon wisse, wie lange das alles noch dauert mit der Kontaktsperre? „Wenn er das wüsste, wäre er ganz vorne mit dabei“, entgegnet ihr Mann. Nein, das wissen auch Journalisten nicht.