Ein Therapeut auf vier Pfoten

Ein Therapeut auf vier Pfoten

Olaf Vinck besucht mit seinem Husky-Mix Hope demente Patienten zu Hause. Die Idee dazu hat das Alexianer-Krankenhaus gehabt.

Dießem. Hope setzt seinen treuesten Hundeblick auf. Und es funktioniert. In hohem Bogen kommt ein Stück Fleischwurst geflogen. Schnapp, landet es direkt in der Hundeschnauze. Hope ist ein acht Jahre alter Husky-Mix. Als „Therapeut auf vier Pfoten“ hat er einen verantwortungsvollen Job: Der Rüde vermag Menschen mit einer dementiellen Erkrankung emotionaI anzusprechen.

Konkret kümmert er sich seit Januar dieses Jahres um Manfred Ströse. Der 78-Jährige erkrankte vor fünf Jahren an Demenz. Sein Sohn Markus schenkte ihm zu Weihnachten die gemeinsamen Stunden mit Hope. Wertvolle Zeit, die dem ehemaligen Schreiner ans Herz gewachsen ist. Auch seine Frau Marga möchte die Besuche von Hope nicht mehr missen. Die 74-Jährige erkrankte als Zweijährige an Kinderlähmung, seit zehn Jahren ist sie auf den Rollstuhl angewiesen.

Alle zwei Wochen schaut Olaf Vinck mit seinem Hund Hope bei Familie Ströse vorbei. In kürzester Zeit ist das Mensch-Hund-Team ein Höhepunkt im Alltag der Senioren geworden. Den Stein ins Rollen brachte die Gerontopsychiatrie am Alexianer-Krankenhaus Maria-Hilf. Sie startete im vergangenen Jahr den Hunde-Besuchsdienst „4 Pfoten für Sie“ nach Kölner Vorbild. In der Domstadt sind die vierbeinigen Therapeuten seit 2008 erfolgreich im Einsatz. Da das Halten eigener Haustiere Menschen mit Demenz und ihren Familien oft nicht mehr möglich ist, schließt „4 Pfoten für Sie“ diese Lücke.

Die Ströses hatten immer Katzen. Kater Felix wurde biblische 20 Jahre alt, erzählt Marga Ströse. Er starb im Sommer 2017. Sein Kratzbaum steht noch im Wohnzimmer des Ehepaares. Ein aktueller Katzenkalender hält die Erinnerung an das geliebte Tier wach.

Hunde gelten als die treuesten Freunde des Menschen. Hope spricht direkt Emotionen und Erinnerungen an. Seine sozialen Eigenschaften lernt Manfred Ströse gerade zu schätzen. Hope senkt den Stresspegel. Er zaubert ein erwartungsvolles Lächeln in das Gesicht des Rentners, sobald er vor lauter Vorfreude bellend ins Wohnzimmer stürmt — und vielleicht spielt er sogar die Rolle des Seelentrösters.

Vertraut legt Hope Manfred Ströse seine Schnauze auf das Knie. Gedankenverloren streichelt der Rentner das weiche Hundefell. Beide genießen sichtlich den Augenblick. Es gibt eine ganze Reihe an Gründen, weshalb Hunde für den Kontakt zu Menschen mit Demenz besonders gut geeignet sind. „Ein Hund hat keine Vorbehalte, seine Zuwendung ist ehrlich“, sagt Herrchen Olaf Vinck. „Er kann beruhigend, aber auch aufmunternd wirken.“ Da sich eine verbale Verständigung mit einem Demenzkranken im Verlauf der Krankheit immer schwieriger gestaltet, nimmt die nonverbale Kommunikation von Hunden einen immer höheren Stellenwert ein. Nähe braucht keine Worte.

Olaf Vinck engagiert sich ehrenamtlich. Für seine Anreise aus Geldern bekommt er eine kleine Aufwandsentschädigung. Hope lässt sich sein Honorar am liebsten in Fleischwurst auszahlen. Beide haben eine Reihe an Eignungstests bestehen müssen. Hope hat alle Hürden locker genommen, die Schulung absolviert und den Hundeführerschein mit Bravour bestanden.

Auch sein 46-jähriges Herrchen hat sich in einem Qualifizierungskurs gewissenhaft auf seine Aufgabe vorbereitet. Zusammen sind sie ein unschlagbares Team, das Manfred Ströse bei den Besuchen Wärme und Trost spendet.

Warum besucht der ehemalige Polizeibeamte mit Hope die Familie Ströse? „Ganz einfach“, antwortet Olaf Vinck. „Um ihren Alltag zu bereichern und ihnen eine Freude zu machen.“ Es ist eine willkommene Abwechslung im Leben des Rentners und ein nahezu messbares Mehr an Lebensqualität. „Ein Traumhund“, ist sich das Ehepaar einig. Das muss gleich mit einem weiteren Stück Fleischwurst belohnt werden.

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