Ein Tag nach der Ausstellung im Deutschen Textilmuseum

Ein Tag nach der Ausstellung im Deutschen Textilmuseum

Die neue Präsentation „Reflexionen — Kunsthandwerk trifft Deutsches Textilmuseum“ wird am Sonntag, 24. Juni, um 11 Uhr in der Museumsscheune in Linn eröffnet.

Krefeld. Es ist 18 Uhr am letzten Tag der Ausstellung. Die Besucher haben das Deutsche Textilmuseum vor einigen Minuten verlassen. Es wird ruhig im Haus und Hausmeister Richard Fabricius schließt die Eingangstür ab. Die Ausstellung „Deutsche Couture — Kleiderwunder der 50er bis 70er-Jahre“ ist beendet — zumindest für die Besucher. Denn hinter den verschlossenen Museumstüren kehrt jetzt keineswegs eine beschauliche Ruhe ein. „Die Nachbereitung gestaltet sich vergleichbar aufwendig wie die Vorarbeit“, sagt Museumsleiterin Annette Schieck. „Und unmittelbar mit dem Abbau beginnt auch die heiße Phase für die neue, seit langem vorbereitete Ausstellung“, erklärt Schieck.

Damit die Restauratorinnen mit dem Abbau morgens zügig beginnen können, geht Fabricius noch durch die Ausstellung und öffnet schon mal jede Vitrine. Das „Klick“ der Schlösser hallt durch den Raum. Vorsichtig entfernt er die Frontscheiben. „Nach der Ausstellung ist vor der Ausstellung“, sagt er mit einem Lachen. In den kommenden Tagen wird er so manche Vitrine ab- und an neuer Stelle aufbauen. „Reflexionen“, so lautet der Titel der nächsten Ausstellung. Auf ihrem Bildschirm hat Schieck den Plakatentwurf dazu aufgerufen. Sie bespricht letzte Korrekturen mit der Gestalterin und sendet die Vorlage zur Druckerei. Ein Haken für „erledigt“ mehr auf der Liste.

Für gestern Mittag haben sich drei Künstler angemeldet, um einige ihrer Ausstellungsobjekte ins Museum zu bringen. Über 20 Künstler und Kunsthandwerker der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks am Niederrhein beteiligen sich an der Ausstellung. „Die Idee dazu kam schon zu Beginn meiner Arbeit in Krefeld vor fünf Jahren auf“, erzählt Schieck.

Seit gut anderthalb Jahren laufen die konkreten Vorbereitungen. „Mit diesem Projekt knüpfen wir an das ursprüngliche Konzept der einstigen Gewebesammlung an. Die Künstler befassen sich mit unseren Sammlungsbeständen und lassen sich von den historischen Textilien inspirieren. Es handelt sich um einen sehr kreativen Prozess, in dem die Künstler sehr unterschiedlich auf die Objekte reagiert haben und der auch bei Einlieferung der Exponate nicht abgeschlossen ist“, berichtet Schieck.

Mit dem neuen Ausstellungsplan in der Hand geht die Museumsleiterin in die Ausstellungsräume. Im Erdgeschoss haben die Restauratorinnen bereits alle Kleider des Couturiers Werner Lauer (1910 bis 1973) von den Figurinen abgenommen. Sie geht durch eine Gruppe von nackten Figurinen.

Wo wird welcher Künstler platziert, wo wirken die Exponate am besten — diese Fragen gilt es zu beantworten. „In meinem Kopf steht die nächste Ausstellung schon“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Auf dem Weg in die erste Etage deutet sie an, wen sie sich wo mit welchem Objekt vorstellt. „Wir zeigen die neuen Arbeiten in einem Dialog unter anderem mit ägyptischen, peruanischen und persischen Textilien, aber auch Kimonos aus unserem Bestand. So ergibt sich ein guter Querschnitt der Sammlung“, so Schieck.

In der ersten Etage hängen die Couture-Kleider auf mehreren Ständern aufgereiht. Teils stehen einzelne Elemente der Vitrinen auf Rollwagen, andere Vitrinen stehen schon an ihrem neuen Ort. Diverse von ihren Stangen befreite Figurinentorsi haben die Restauratorinnen der Konfektionsgröße nach für die Verpackung in spezielle Säcke geordnet. Kleider, Figurinen und Podeste kommen später in die Außendepots. „Die Kleider werden für die Lagerung fachgerecht in säurefreies Papier eingepackt. Das ist sehr zeitaufwendig“, erklärt Schieck.

Die Restauratorinnen fertigen zuvor von jedem Objekt noch Aufnahmen im hauseigenen Fotostudio für die Dokumentation und für zukünftige Publikationen an. „Dazu ist nach einer Ausstellung die beste Gelegenheit, weil die Exponate alle aufgearbeitet sind. Oft sind die Objekte zum ersten Mal in diesem Zusammenhang bearbeitet worden“, so Schieck. Deswegen werden auch die Inhalte der Texttafeln in eine analoge und eine digitale Dokumentation eingepflegt. Mehrere Wochen wird es noch dauern und einen Teil der Mitarbeiter beschäftigen, bis diese Arbeiten hinter den Kulissen komplett abgeschlossen werden.

Inzwischen ist auch die erste für diesen Tag angekündigte Künstlerin eingetroffen. Keramikdesignerin Angelika Jansen aus Brüggen bringt ihre Exponate ins Haus. Schieck führt sie direkt in die Ausstellungsräume und zeigt ihr den für sie vorgesehenen Platz in der ersten Etage. Kurz besprechen sie, welche Ausrichtung die beiden für Jansen eingeplanten Vitrinen haben sollen.

Mit ihr und den anderen 21 Beteiligten aus Nordrhein-Westfalen gilt es stets individuell die Ausstellung zu besprechen, über die Aufstellung der Objekte zu reden, um die beste Wirkung zu erzielen. Neben den künstlerischen Aspekten müssen bei solchen Vorbereitungstreffen auch noch notwendige bürokratische Formalitäten wie Leihverträge und Versicherungsfragen erledigt werden. Das ist kaum abgeschlossen, da wird das freudige Gespräch über die künftige Ausstellung durch das Eintreffen der nächsten Künstler unterbrochen. Und Schieck führt sie in die Ausstellungsräume. Den Plan lässt sie liegen, die Ausstellungsplanung hat sie längst im Kopf. Red