Ein Lehrer wird zum Freund

Ein Lehrer wird zum Freund

Ex-Schüler feiern mit Wilhelm Krapohl seinen 95. Geburtstag.

27 Schüler warten auf ihren Lehrer. Zunächst nichts Ungewöhnliches. Doch die Gruppe sitzt nicht im Klassenraum, sondern in der Gaststätte „Schwarzes Pferd“ — und der Abschluss der allesamt betagten Herren an der damaligen Jungenschule zu Krefeld liegt 57 Jahre zurück. Alle sind an diesem Tag auch zum Gratulieren gekommen. Denn einen Tag zuvor ist ihr ehemaliger Klassenlehrer Wilhelm Krapohl 95 geworden.

Wegen des Geburtstags wurde das Treffen auch auf den 11. Mai gelegt. Aus diesem Grund kommen noch ein paar Schüler anderer Abschlussjahrgänge zu seinen Ehren. „Ich habe nach meiner Pensionierung an allen Klassentreffen teilgenommen, zu denen ich eingeladen wurde“, sagt Krapohl stolz.

Mit seinen drei Söhnen, sieben Enkeln und fünf Urenkeln feierte er den Geburtstag im Kreis der Familie. „Aber auf dieses Treffen habe ich mich wirklich gefreut, weil ich seit der Schulzeit über das Schulische hinaus einen guten Kontakt zu meinen Schülern gehalten habe,“ gesteht der ehemalige Lehrer für die Fächer Deutsch, Geschichte und Kunsterziehung.

Die Anerkennung und Hochachtung für ihren alten Klassenlehrer ist bei den über 70-Jährigen deutlich zu spüren. „Er war ein brillanter Lehrer, der mit uns auf Augenhöhe umging. Für manche Schüler, die im Krieg ihren Vater verloren hatten, hat er eine Art Vaterrolle übernommen“, berichtet Klaus Valentin (79).

Klaus-Peter Hentschel (76) fügt hinzu: „Er hat klare Regeln gesetzt, aber uns auch viel Vertrauen geschenkt. Im Laufe der Jahre wurde Krapohl bei den Klassentreffen so etwas wie ein väterlicher Freund.“ Für Peter Kudla, den Organisator des Treffens ist er „ein Mann mit natürlicher Autorität, der streng, aber gerecht war und auch mal Fünfe gerade sein lassen konnte“.

Agil und geistig fit begrüßt der 95-Jährige alle seine ehemaligen Schüler, deren Namen ihm zum großen Teil auf Anhieb einfallen. „Für einige brauche ich eine halbe Stunde, bis ich mich erinnere“, sagt er und schmunzelt. Seine ehemaligen Schulfächer bestimmen auch seine Hobbys. Für Landschafts- und Tiermalerei auf Öl begeistert er sich auch heute noch. Im Fernsehen verfolgt er gerne geschichtliche Dokumentationen — und als Pädagoge liest er natürlich auch gerne.

Deshalb freut er sich über die vielen Buchgeschenke, die seine ehemaligen Jungs mitgebracht haben. Der Altersunterschied ist mittlerweile kaum noch spürbar, denn „wir haben heute ein freundschaftliches Verhältnis zu unserem alten Klassenlehrer“, betonen seine Schüler unisono und unterstreichen, wie wichtig die Lehrerpersönlichkeit für sie war und immer noch ist.

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