Krefeld: Ein bewegtes Jahr in Krefeld

Krefeld : Ein bewegtes Jahr in Krefeld

Am Ende eines von Fake News, Terror und Flüchtlingskrise dominierten Jahres lässt sich für unsere Stadt festhalten: Es gab viele gute Nachrichten, die Hoffnung machen.

Krefeld. 2016 war grausam, spannend, traurig, erfolgreich, hässlich und schön: Krefeld hat ein turbulentes Jahr hinter sich, wir schauen nochmal genau drauf.

...zur neuen Haupt- und Feuerwache an der Neuen Ritterstraße war in 2016 ein Highlight.

Es war zweifellos das Jahr von Frank Meyer. Die Hoffnung der Krefelder, dass da einer die Ärmel hochkrempelt und den Mehltau von der Stadt kratzt, hat sich erfüllt. Auch wenn die großen Aufgaben erst kommen, Meyer hat Aufbruchstimmung erzeugt. Der Mann versprüht etwas erfrischend Normales, ist bemüht, ein Gesprächspartner auf Augenhöhe zu sein. Egal, wer vor ihm sitzt. Dabei wirkt er wie der Gegenentwurf zu seinem Vorgänger, von dem er profitiert.

Die Ausstellung „Angekommen in Krefeld“ in der Volkshochschule. Foto: imago

Natürlich wurde einiges unter Kathstede angeschoben, Meyer fährt die Ernte ein: Die Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Museums nach langjähriger Umbau- und Pleitepause, die Sanierung des Stadthauses, (gut, dass kein Neubau nötig ist), die endlich möglich wird, der Planungswettbewerb für das Seidenweberhaus, die Sanierung des Stadtwaldhauses. Hinter dieser Entwicklung steht natürlich auch eine starke Koalition aus heterogene SDP, CDU und Grünen, die hart ringen, aber zumindest 2016 das Wohl Krefelds vorangestellt haben.

Viel gesprochen wurde auch über die Ablösung von KFC-Boss Lakis durch Mikhail Ponomarev (r.). Foto: abi, samla, DJ (2)

Und Meyer traut sich was. Der große Verwaltungsumbau mit Ausgliederungen zu einer Anstalt öffentlichen Rechts wird zu seinem persönlichen Maßstab. Er krönt sein persönlich gutes 2016 mit der Hochzeit im November. So oder so lässt sich sagen: Es wurde viel versprochen, jetzt geht es ans Halten. Meyer tut gut daran, seine authentische Art nicht durch politische Ränkespiele oder den Geschmack der Macht versauen zu lassen. Stand heute können wir Entwarnung melden.

Katia Baudin ist die neue Leiterin im KWM. Foto: abi, samla, DJ (2)

Der Standort funktioniert. Im Februar zieht Siemens nach schwierigen Jahren einen 250-Millionen-Euro-Auftrag aus England an Land, bis 2018 sind die Auftragsbücher zufriedenstellend gefüllt. Weltfirma Canon bekennt sich zu Krefeld, vor allem der Hafen brummt mit Neuansiedlungen wie Bauhaus, Brockmann oder VGG, prominentester Neuzugang ist Amazon im Dezember.

Ruderin Lisa Schmidla holte Gold in Rio. Foto: Dirk Jochmann

Siempelkamp feiert seine Erfolge vor allem in den USA und China, zuletzt wurde der Zweibrückener Zerkleinerungsexperte Pallmann übernommen, aus Krefeld gibt es weniger gute Nachrichten. Im Februar wird der Abbau von 350 Jobs angekündigt, bis heute sind sie in der Umsetzung. Daneben prüft das Unternehmen den Ausstieg aus dem Flächentarif und will 2017 keine neuen Azubis einstellen. Hinzu gesellen sich eklatante Schwächen in der Kommunikation.

Nach einer Sturmwarnung wird der offizielle Rosenmontagsumzug in Krefeld abgesagt. Die Karnevalisten starten trotzdem einen spontanen Umzug, auch ohne Wagen. Foto: abi

Eine Folge ist das Erstarken der Gewerkschaften, die auch in 2016 einen sehr engagierten Job gemacht haben.

30 Jahre danach: Bayer 05 Uerdingen jubelt nach dem 7:3-Sieg gegen Dynamo Dresden. Foto: abi, samla, DJ (2)

Die Pinguine möchten 2016 am liebsten vergessen. Franz Fritzmeier, im Januar noch ein Hoffnungsträger, hat das Jahr nicht überstanden. Am Ende liegt es am traditionell schwierigen Umfeld des Familienvereins, das schlicht die Nerven verliert. Sicher, sportlich reicht es nicht, ein paar Spiele zu Saisonende und ein paar zu Beginn zu gewinnen. Aber die Verpflichtung des ehrgeizigen jungen Trainers war eigentlich als Projekt angelegt, das die Pinguine mit ihrem schmalen Etat hätte auf Sicht moderner und schlagfertiger aufstellen sollen. Chance vertan. Die Rückholaktion von Adduono wirkt so, als würde Uli Hoeneß seinen Freund Otto Rehhagel wieder ausbuddeln. 2017 kann nur, es muss, besser werden.

Foto: abi, samla, DJ (2)

Besser lief es für den anderen Traditionsklub Krefelds. Zumindest sportlich. Der KFC ist auf dem Weg in die Regionalliga, es wird Zeit. Der Hype um das Wunder von der Grotenburg im März hat zudem gezeigt, wie fest der Club in der Identität der Krefelder verwurzelt ist. Was der Verein jetzt braucht, ist der Anstrich der Seriosität. Ob Ponomarev der richtige Mann auf der Kommandobrücke ist, wird sich erweisen. Er weiß, dass der KFC weniger Ailton und mehr solide Wirtschaft braucht. Der öffentliche Streit ums Geld mit Vorgänger Lakis muss schnellstmöglich beendet werden.

Das Stadthaus soll für rund 128 Millionen Euro saniert werden. Foto: Lothar Strücken

Im August erobert Krefeld den Zuckerhut. Lisa Schmidla rudert zu Gold, Selin Oruz Anne Schröder, Niklas Wellen, Alan Butt und Oskar Deecke holen Hockeybronze, Bahnrad-Fahrer Philip Hindes Team-Gold. Mit England. In der Sportstadt Krefeld wird exzellent ausgebildet, ein Grund, stolz zu sein.

Bei einem Brand in einem Mehrfamilienhaus sterben am 1. Mai ein Mensch und ein Hund. Foto: abi, samla, DJ (2)

Das Kaiser-Wilhelm-Museum lockt seit Juli wieder Menschen aus der gesamten Republik nach Krefeld. Und es ist wirklich schön geworden, mal abgesehen von der Strahlkraft seiner Ausstellung. Und das KWM steht für den Ruck, der durch die Stadt gegangen ist. Seine neue Chefin Katia Baudin entpuppt sich als guter Griff, die zierliche Französin scheut auch nicht davor zurück, am Rande der Bezirksvertretung Mitte mit aufgebrachten Bürgern die Diskussion aufzunehmen, um für einen verkehrsfreien Karlsplatz zu kämpfen. Baudin hat Visionen und mit den Krefelder Museen auch ein ausgezeichnetes Spielfeld.

Bis heute verstört der Fensterwurf von Hüls. Im Juni erregt er bundesweit Aufsehen und hat über Monate einen Schatten über den schönen Stadtteil gelegt. Gottlob geht es den Kindern zumindest körperlich wieder besser. Es ist ein Sommer der Grausamkeiten. Im Juni versucht ein 18-Jähriger in Traar, seinen besten Freund umzubringen. Was den weder dummen noch auffälligen Mann dazu getrieben hat, klärt die Gerichtsverhandlung im Dezember nicht. Offensichtlich eine kranke Seele wohnt in der jungen Frau, die als Pferdeschlächterin von Krefeld zu abartiger Berühmtheit gelangt ist. Im Mai wird sie in Bonn verurteilt zu zwei Jahren und vier Monaten.

Im September macht die Bertelsmannstudie empfindlich deutlich: Stadtwald und Stadtmitte trennt mehr als ein paar Kilometer, es sind Welten. Fast jedes vierte Kind lebt von Sozialleistungen, sogar jedes zweite wird erstmal hineingeboren. Hinzu kommt die Tatsache, dass in Krefeld prozentual deutlich mehr Frauen ohne Arbeit sind als in den meisten anderen Städten. Hier gibt es noch eine Menge zu tun. Aber: An diesen Missständen beweist sich auch, wie stark das Krefelder Ehrenamt ist. Etliche Organisationen und Vereine übernehmen Verantwortung, geben Hilfestellung. Als erfolgreich bezeichnen dürfen wir getrost die Bewältigung des Flüchtlingszustroms. Hervorragende Vernetzungsarbeit von Integrationsbüro, VHS und Flüchtlingskoordinator Hansgeorg Rehbein trifft auf geduldige Krefelder Bürger. Nicht nur, aber auch in Traar, wo sich die Angst in ein konstruktives Miteinander gewandelt hat. Bald sind auch alle Turnhallen wieder bespielbar.

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