Ehemaliger Krefelder Schwimmmeister Peter Borg erinnert sich an Stadtbad-Zeiten

Stadtbad : Stadtbad: Von Heizern, viel Schweiß und der „Morgenröte“

Peter Borg ist der älteste noch lebende Schwimmmeister von der Neusser Straße. Für die WZ blickt er zurück.

Über die Zukunft des alten Krefelder Stadtbads an der Neusser Straße wird seit geraumer Zeit intensiv nachgedacht. Wer mit Peter Borg über die 1890 eröffnete Badeanstalt spricht, erfährt dagegen ganz viel über die glorreiche Vergangenheit des Gebäudes. Denn Borg ist der älteste noch lebende Schwimmmeister, der dort gearbeitet hat.

„Mein Herz schlägt für das Schwimmbad“, sagt der 81-Jährige. Und das ist während des Gesprächs immer wieder zu spüren. Dass der kürzlich gegründete Verein der „Freischwimmer“ das Bad vor dem weiteren Zerfall retten und es mit neuem Leben füllen will, begrüßt Borg ausdrücklich. Doch eigentlich ist für ihn nur eine Nutzung vorstellbar: Das Stadtbad müsse wieder ein Schwimmbad werden! Dafür sei es gebaut worden, dafür gebe es in Krefeld immer noch Bedarf. Gerade heute, wo das Badezentrum in Bockum immer wieder geschlossen werden muss und das Naturfreibad in Hüls ebenfalls ausfalle. „Man sollte vor allem an die Kinder und Jugend denken, wenn man für Krefeld etwas machen will“, schreibt der ehemalige Schwimmtrainer dem Krefelder Oberbürgermeister Frank Meyer ins Poesiealbum.

Und dann geht der Blick zurück in die Vergangenheit des Stadtbads. Die Olympiazweite von 1960 in Rom über 200-Meter-Brust, Wiltrud Urselmann, habe dort trainiert und ihren Weltrekord auf der 33,3 Meter langen Bahn im Freibad aufgestellt. Und auch die Silbermedaillengewinnerin von 1936 in Berlin, Martha Genenger, nutzte das Stadtbad an der Neusser Straße. „Krefeld war eine Hochburg des Schwimmsport in ganz Deutschland“, schwärmt Peter Borg noch heute.

Zu den 65 Mitarbeitern
gehörte auch ein Maurer

Er selbst lebt in St. Tönis, stammt aber aus Hüls und ist in Krefeld aufgewachsen. Zum Stadtbad kam er als junger Auszubildender am 1. August 1955. „Ich habe dort in jeder Abteilung mitarbeiten müssen.“ 65 Leute seien zu dieser Zeit dort beschäftigt gewesen. Da gab es eine Werkstatt mit einem Installateurmeister, einem Schlosser, einem Maurer und einem Schmied. „Wenn was kaputt war, haben sie es repariert.“ Heizer waren im Kesselhaus an der Gerberstraße im Einsatz, von dort aus wurde das Wasser angewärmt. „X-mal im Jahr kamen die Lastwagen mit Kohle.“

Im Römisch-Irischen-Bad wurden von drei Mitarbeitern Massagen verabreicht, die der Arzt verordnet hatte. Und die Jockeys von der Krefelder Rennbahn „kochten“ hier Gewicht ab: „Die wurden in Gummisäcke gepackt. Nach der Schwitzkur konnte man daraus mehrere Liter Flüssigkeit abschütten.“ Auch ein „Lichtbad“ konnte man an der Neusser Straße unter Speziallampen nehmen.

Borg: Mit der Umstellung auf Fernwärme begann Niedergang

Das Römisch-Irische-Bad mit Sauna, Dampfgrotte, einem Warmluftraum und Tauchbecken war ein beliebter Wellnesstempel zu einer Zeit, als es diesen Ausdruck noch gar nicht gab. Als das Stadtbad auf Fernwärme umgestellt worden sei, habe dessen Niedergang begonnen, glaubt Borg. Denn mit dem Verlust des eigenen Kesselhauses seien auch die Wasserdampf-Temperaturen wie früher nicht mehr erreichbar gewesen: „50 Grad reichten dafür nicht.“

Anekdoten aus dem Stadtbad hat Peter Borg noch einige auf Lager. So erinnert er sich an die „Morgenröte“: Unter diesem Namen traf sich eine Gruppe von etwa 150 Jahreskarten-Inhabern zum Frühschwimmen – darunter viele einflussreiche Geschäftsleute und Politiker Krefelds. Jeden Morgen um 6.30 Uhr wurden einige Bahnen geschwommen. „Jeder hatte da seine eigene Kabine. Wenn jemand Geburtstag hatte, wurde ein Ständchen gesungen.“ Außerdem hielt das Bad für solche Fälle einen Besenstil bereit, an dem eine Girlande befestigt war. Diese wurde dann feierlich über den Vorhang zur Kabine gehalten.

Mit zu den Frühschwimmern gehörte Konrad Grundmann (CDU), von 1959 bis 1966 Arbeits- und Sozialminister von Nordrhein-Westfalen. Der sei immer mit seinem Dienstwagen von der Gerberstraße aus aufs Gelände gefahren, erinnert sich Peter Borg. Der Chauffeur habe dem Politiker sämtliche Türen aufhalten und die Handtücher anreichen müssen. „Aber er durfte dann auch mit schwimmen“, erinnert sich der 81-Jährige und schmunzelt.

Lachen muss er, wenn er an den Konditor denkt, der einem Zahnarzt aus der Gruppe heimlich einen Frosch in die Seifenschale steckte. Oder an den Amtsleiter aus der Stadtverwaltung, der es mit der vorgeschriebenen Körperreinigung vor dem Bad nicht ganz so genau nahm und deshalb lautstark von besagtem Zahnarzt gemaßregelt wurde. „Ich habe dann schnell ein Stück Seife vorbeigebracht.“ Diese 20-Pfennig-Stückchen lagen für die Badegäste vorsichtshalber immer griffbereit.

Was man heute schnell vergisst: Das Stadtbad war nicht nur für sportliche Schwimmer ein wichtiger Anlaufpunkt, sondern auch für Krefelder, die sich dort duschten oder ein Bad nahmen. Denn in den 1950er und 60er Jahren war für viele an ein eigenes Badezimmer nicht zu denken. Schon beim Bau waren deshalb Dusch- und Wannenbäder in drei verschiedenen Klassen bis hin zum luxeriösen „Kaiserbad“ eingerichtet worden.

Es gab ein getrenntes Schwimmbad für Herren und eines für Damen. „In der Damenhalle gab es jeden zweiten oder dritten Monat Taufen der Zeugen Jehovas“, erinnert sich Borg. Sehr beliebt war auch der Freibadbereich mit seinen zwei Becken. „Da haben wir an heißen Tagen bis zu 2000 Menschen gehabt“, berichtet der ehemalige Schwimmmeister. Er selbst hat noch Fotos aus dieser Zeit, auf denen man allerdings erkennt, dass der Komfort zwischen den Hinterhäusern eher bescheiden war: Die Badegäste mussten ihre Liegetücher auf nacktem Beton ausbreiten. Peter Borg hat es offenbar nicht gestört: Auf einem der alten Bilder lehnt er entspannt mit einer jungen Dame aus St. Tönis an einer Hauswand – später hat er sie geheiratet.

Seine Zeit im Stadtbad endete für Peter Borg 1969. Danach arbeitete er noch in verschiedenen anderen Schwimmbädern im Stadtgebiet (unter anderem im Badezentrum Bockum) und wurde später Leiter des Schwimmbads in St. Tönis. Dort war er auch Trainer bei der DJK Teutonia. Mit seinen Schwimmern holte er diverse deutsche Meistertitel nach St. Tönis. „Zu Wettkämpfen bin ich dann häufig ins Stadtbad gekommen.“ Jetzt hofft er darauf, dass sich Sponsoren finden, mit deren Hilfe zumindest die Herrenhalle und das Freibad wieder hergerichtet werden könnten: „Das wäre für die Stadt Krefeld ein Geschenk.“

An den Führungen, die der Verein der „Freischwimmer“ an seiner alten Wirkungsstätte anbieten will, möchte auch Peter Borg gerne teilnehmen. Allerdings nicht als einfacher Gast: „Die Führung mache ich selbst!“

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