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Die Natur liegt ihm am Herzen

Die Natur liegt ihm am Herzen

Paul Nothers setzt sich für den Erhalt der Artenvielfalt und Umwelt ein. Heute wird er 85 Jahre alt.

Paul Nothers ist ein Mann, der genau hinschaut. Lange bevor die Grünen ihr Augenmerk auf den Umweltschutz legten, setzte sich der graduierte Landwirt und passionierte Jäger schon für Umwelt- und Naturschutz ein. Seit vielen Jahren warnt er eindringlich vor dem Insektensterben und dem Einsatz von Herbiziden und Pestiziden, allen voran Neonikotinoide und Glyphosat. Heute wird er 85 Jahre alt.

Nothers hat sich in den 1990er Jahren schon für wildschonendes Mähen, Hasenzählungen und Förderung der natürlichen Biotope eingesetzt, weil Hasen, Fasane und Rebhühner immer seltener in freier Wildbahn zu finden sind. „Das Grün in Krefeld — egal ob privat oder städtisch — stellt das Kapital der Stadt dar“, betonte er in seiner Dankesrede zur Bundesverdienstkreuz-Verleihung im April 2014 und appellierte an alle, sich für dessen Erhalt einzusetzen.

Seit mehr als 55 Jahren lebt er mit seiner Ehefrau Hildegard, Kindern und Enkelkindern auf dem Hof seiner Familie in Hinterorbroich. Als er dort hinzog, war die Welt nach seinen Worten noch in Ordnung. „Insekten überall, Wild, Hasen, Kaninchen, Rebhühner und Fasane im Überfluss. Singvögel hörte und sah man ständig. Wer eine längere Fahrt im Auto unternahm, musste bald seine Windschutzscheibe von Insekten säubern.“ Das ist lange her. Längst steht eine Fülle von Tierarten kurz vor dem Aussterben.

Ein Familienversprechen lenkte seine Ausbildung mit Landwirtschaftslehre und späterem Studium der Agrarwissenschaften früh in Richtung Grün. Erst mit 40 Jahren ging er an die Fachschule für Sozialpädagogik in Kempen, deren Leitung er mit seiner Pensionierung vor 20 Jahren abgab. In den 70er Jahren fand der dreifache Vater und mehrfache Großvater endlich Zeit für die Jagd. Speziell das Niederwild lag ihm am Herzen, und so gründete er als Vorsitzender der Krefelder Jägerschaft dafür einen speziellen Ausschuss im Landesjagdverband. Nothers setzte sich vehement für eine wissenschaftlich fundierte Förderung des Wildes ein und schlug Maßnahmen zum Schutz und Erhalt der Tiere vor.

Paul Nothers über den Einsatz von Insektiziden

Den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft verfolgt er schon lange mit großer Sorge. 1962 erschien in den USA der Ökobestseller von Rachel Carson „Der stumme Frühling“. Darin beschrieb die Autorin den Beginn einer Ökokatastrophe durch neue Pestizide auf DDt-Basis und damals neue Herbizide wie Agent Orange. „Viele dieser tödlichen Gifte wurden in den letzten Jahrzehnten verboten.“

Für ihn steht Deutschland heute vor einer ähnlichen Katastrophe — nur viel gefährlicher, „da wir nicht massenweise tote Vögel sehen.“ Sie verschwinden ebenso wie die Insekten sang- und klanglos. Der Einsatz neuartige Pestizide in der Landwirtschaft wie Neonikotinoide sind — nicht nur für ihn — der Grund dafür. Der niederländische Toxikologe Henk Tennekens hat in seiner Veröffentlichung „Das Ende der Arten-Vielfalt: Neuartige Pestizide töten Insekten und Vögel“ den Zusammenhang aufgegriffen. Diese Insektizide werden längst zur Saatgutbehandlung eingesetzt, ihr Gift wandert in der aufkeimenden Pflanze vom Stängel bis in die Blüten und Pollen. „Jedes Insekt, das dann davon nascht, stirbt.“

Dass der Rückgang der Insekten keine bloße Vermutung ist, hat der Entomologische Verein in einer über Jahrzehnte dauernden Beobachtung und Zählung inzwischen nachgewiesen. Nothers stellte dem Verein 1989 als erstes sein Grundstück zur Verfügung. Eine brisante Veröffentlichung im Fachmagazin „Plos One“ von Wissenschaftlern aus Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden hat jetzt vor kurzem den Beweis erbracht, dass die Insekten-Population in den vergangenen 27 Jahren um knapp 80 Prozent zurückgegangen ist. Wissenschaftler hatten die Beobachtungen des Krefelder Vereins ausgewertet.

Nothers appelliert gleichzeitig, die Landwirte nicht dafür allein verantwortlich zu machen. Es sei heutzutage schwer, sich von der Monopolstellung der Chemiefirmen frei zu machen. Dennoch bedürfe es eines Umdenkens, klar definierte Grenzwerte und gegebenenfalls auch Verbote.

Trotzdem: Nothers ist zuversichtlich. Er setzt sich beispielsweise aktiv für Blühstreifen an Acker- und Straßenrändern ein. Die helfen zumindest dabei, dass Insekten den kahlen Winter überleben. Und wo Insekten und Blüten sind, sind auch Vögel. 20 Jahre lang habe er keine Schwalben mehr gesehen. Aber in diesem Jahr habe erstmals wieder ein Rauchschwalben-Pärchen bei ihm auf dem Hof genistet.